Kreis Pinneberg

Minister Buchholz besucht das Handwerk in der Krise

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Burkhard Fuchs
Erik Tilsner erklärt Bernd Buchholz wie er die Maschinen elektronisch überwacht. Im Hintergrund die Firmenchefs Jöran und Clemens Kreyenberg.

Erik Tilsner erklärt Bernd Buchholz wie er die Maschinen elektronisch überwacht. Im Hintergrund die Firmenchefs Jöran und Clemens Kreyenberg.

Foto: Burkhard Fuchs

Fachkräftemangel, Bürokratie und dann auch noch Corona: Bernd Buchholz informiert sich im Kreis über die Sorgen und Nöte der Betriebe.

Kreis Pinneberg.  Fachkräftemangel, steigende Bürokratie und die Corona-Krise: Das war am Montag der thematische Rahmen für Wirtschaftsminister Bernd Buchholz bei seiner Tour durch die Handwerksbetriebe des Kreises Pinneberg. Zweimal im Jahr besucht Buchholz in Absprache mit den Handwerkskammern unterschiedliche Wirtschaftsbetriebe. Sechs Termine in den Kreisen Pinneberg und Segeberg waren es dieses Mal. „Wir wollen die Vielfalt des Handwerks darstellen und versuchen, Branchen wie Holz- und Metallverarbeitung sowie Gesundheit und Lebensmittel abzudecken“, erklärt Andreas Katschke, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer die Auswahlkriterien.

Beim Zaun-Hersteller Gawron in Rellingen wurde der Minister mit den Nachwuchssorgen konfrontiert. Zwar fehle dem Familienbetrieb, den Hildegard und Herbert Gawron 1932 in Berlin gegründet und 1947 verlagert hatten, in der Rellinger Industriestraße Platz zum Erweitern, sagte Mitinhaberin Verena Lange. „Aber die Flächen sind nicht das Problem. Mitarbeiter sind es.“

So bilde der Betrieb, der zurzeit 94 Angestellte hat, fast nur noch Metallbauer aus. Industriekaufleute und Mechatroniker seien kaum noch zu finden, erläuterte Firmenchef Volker Gawron dem Minister bei einer ausführlichen Power-Point-Präsentation und einem anschließenden Rundgang durch die Fertigungshallen und das Gelände. „Jahr für Jahr gehen uns auf diese Weise Berufe verloren“, warnt Gawron, der 16 Auszubildende beschäftigt und für dieses Jahr noch eine Lehrstelle frei habe.

Die Kooperation mit den Schulen sei gut. Auch Online-Portale würden helfen. Ein Problem sei aber die zunehmende Zentralisierung der Berufsschulausbildung, erklärt Gawron. So müssten seine jüngsten Mitarbeiter bereits im ersten Lehrjahr nach Itzehoe zur Berufsschule fahren, was für 16- bis 17-Jährige lange Anfahrtswege seien. „Die sind ja in dem Alter oft noch Kinder“, sagt Gawron. Bei den Metallbauern, die in der Kreisberufsschule Elmshorn in der Theorie ausgebildet werden, sei dies dagegen ausbildungsfreundlicher.

Minister Buchholz – „das höre ich heute zum ersten Mal“ – versprach, sich darum zu kümmern. Sogar eine Kooperation mit Hamburger Berufsschulen könnte er sich da vorstellen. Doch Kammer-Chef Katschke warnte vor zu viel Euphorie. Landesweit würde eine „freie Wahl der Berufsschulen“ abgelehnt, da diese dann „auszubluten“ drohten.

Die Corona-Krise habe Gawron dagegen kaum berührt, sagte der Firmenchef. Aktuell fehlten knapp sieben Prozent des Umsatzes, der normalerweise acht Millionen Euro im Jahr ausmache. 17 Mitarbeiter seien noch in Kurzarbeit. „Aber im September sind die Auftragszahlen schon wieder um 40 Prozent gestiegen, wir haben zwei Schichten gefahren.“

Fehlender Nachwuchs ist auch beim Dachklempnerbetrieb Spenglertechnik Nord in Quickborn ein großes Problem. Nach jahrelanger Suche seien endlich wieder zwei Auszubildende eingestellt worden, darunter mit Buro Marenah auch ein 21 Jahre junger Mann, der erst vor drei Jahren aus Gambia nach Deutschland kam, sagte Firmenchefin Nina Lewioda. Dabei sei das Biegen und Falzen der Bleche, Kupfer und Zinnplatten für Dach- und Kirchturmbauten für Handwerksmeister Horst Lewioda „reines Kunsthandwerk.“

Das Unternehmen wächst. „Wir haben in den vergangenen drei Jahren die Zahl unserer Mitarbeiter jeweils verdoppelt“, sagt die Chefin. Darum werde der Betrieb, der bereits von Harburg auf die andere Seite der Elbe verlagert wurde, bald nach Ellerau verlagert. „Dort haben wir im Gewerbegebiet Butenring mit 3000 Quadratmetern fast achtmal so viel Platz wie jetzt hier in Quickborn“, sagt Handwerksmeister Horst Lewioda. Zwei Millionen Euro würden in den neuen Standort investiert. Ihn ärgere aber der immer größer werdende Aufwand für behördliche Auflagen und die zunehmende Unsicherheit vor Geschäftsrisiken. „Ich kenne Kollegen, die sich heute nicht mehr selbstständig machen wollen.“

Der Corona-Lockdown habe wiederum dem Fleischerei-Betrieb Nowatzki in Henstedt-Ulzburg zu schaffen gemacht. Da der Partyservice die Hälfte des Umsatzes ausmache, mussten die 35 Angestellten zeitweise in Kurzarbeit geschickt werden, sagt Firmenchefin Stefanie Nowatzki. Und für die jungen Mütter unter den Beschäftigten seien auch die geschlossenen Kitas ein großes Problem gewesen. Da hätten meist die Großmütter ausgeholfen. „Alle Mitarbeiter haben toll mitgezogen.“

Neueste Umfragen der beiden Handwerkskammern in Flensburg und Lübeck, die landesweit 31.000 Betriebe betreuen, davon zwei Drittel im südlichen Schleswig-Holstein, lassen dagegen eine wirtschaftliche Besserung erkennen. So würden neun von zehn Handwerksmeistern das Jahr als gut oder befriedigend und nur zehn Prozent als schlecht bezeichnen. Allerdings gibt es hierbei auch je nach Branche unterschiedliche Bewertungen. Das Gesundheitshandwerk sowie das Handwerk für den gewerblichen Bedarf und die Lebensmittelbereich stünden deutlich schlechter dar.

Buchholz besuchte auch den Feinmechanik-Betrieb Kreyenberg mit rund rund 200 Mitarbeitern in der Norderstedt. Um gut ein Drittel seien Aufträge und Umsatz in diesem Jahr weggebrochen, sagt Inhaber Clemens Kreyenberg. Das Unternehmen beliefere mit seinen fast 20.000 Produkten vor allem die Medizintechnik, den Maschinenbau und die Leuchtmittelindustrie. Bei der Fertigung der Kaffeemaschinen für Tchibo und Eduscho sei der Absatz gar um 80 Prozent eingebrochen, sagt Kreyenberg. „Aber es geht wieder aufwärts.“

Im Norderstedter Unternehmen wird der Nachwuchs übrigens vor allem auf Ausbildungsmessen rekrutiert, sagte Juniorchef Jöran Kreyenberg. Minister Buchholz: „Die beste PR für die Nachwuchsförderung ist die Werbung durch andere Auszubildende.“

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