Pandemie

Was der Kreis Pinneberg aus der Corona-Zeit lernen kann

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf den öffentlichen Personennahverkehr im Kreis Pinneberg aus? Wie auf die Gesundheit, insbesondere auch bei Älteren, die womöglich unter Einsamkeit leiden? Welche Konzepte muss es für Schulen geben, und wie verändern sich die Mieten und Immobilienpreise? Darüber hat die Steuerungsgruppe Sozialplanung des Kreises nachgedacht.

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf den öffentlichen Personennahverkehr im Kreis Pinneberg aus? Wie auf die Gesundheit, insbesondere auch bei Älteren, die womöglich unter Einsamkeit leiden? Welche Konzepte muss es für Schulen geben, und wie verändern sich die Mieten und Immobilienpreise? Darüber hat die Steuerungsgruppe Sozialplanung des Kreises nachgedacht.

Foto: Carolin Bertsch, hsp

Pandemie wirkt sich auf viele Lebensbereiche aus. Steuerungsgruppe beim Kreis analysiert Ist-Zustand und wirft Blick in die Zukunft.

Kreis Pinneberg. Digitale Defizite, unbeeindruckter Mietmarkt, merklicher Rückgang beim Nahverkehr: Das sind nur drei Erkenntnisse zur Frage, wie sich das Coronavirus mit all seinen Begleiterscheinungen auf das soziale Leben im Kreis Pinneberg ausgewirkt hat. Eine Bestandsaufnahme nach gut einem halben Jahr unter Pandemiebedingungen legt jetzt die „Steuerungsgruppe Sozialplanung“ des Kreises vor. Mit den verfügbaren Daten macht die Expertengruppe auch Vorschläge, wie sich der Kreis künftig strategisch ausrichten könnte.

Die Entwicklungen und Folgen, die insgesamt durch die Krise entstehen werden, seien aber auch momentan nur „schwer seriös abschätzbar“, heißt es in dem Papier. Es sei jedoch fest damit zu rechnen, dass Corona sowohl wirtschaftliche als auch soziale Folgen für die Menschen im Kreis Pinneberg nach sich ziehen wird. Allerdings treffe die Krise in der Region auf mildernde Umstände wie unterdurchschnittliche Arbeitslosigkeit und hohes Pendleraufkommen. Das sei ein Vorteil. Dennoch dürften bereits existierende soziale Problemlagen durch Corona nicht noch weiter verschärft werden. Schon jetzt lasse sich festhalten, dass mit vermehrter Arbeit im Homeoffice die Pendlerzahlen langfristig zurückgehen könnten. Dadurch dürften das Lokale und das Quartier vor Ort wieder mehr an Bedeutung gewinnen

Die Einschätzungen zu den Auswirkungen von Corona auf den Kreis im Überblick:

Bildung

Situation: Digitale Bildung biete Chancen und Risiken gleichermaßen, das haben die Wochen des Lockdowns und des Fernunterrichts gezeigt. Während Schüler aus wohlsituierten Elternhäusern auf Endgeräte und eigene Räume zum Unterricht zugreifen konnten, war das anderen Schülern aus finanziell weniger gut gestellten Haushalten nicht möglich. Dies könne soziale Ungleichheit verstärken. Gleichzeitig habe die Zwangspause beim Präsenzunterricht in der Schule gezeigt, dass digitale Bildung die Chance bietet, Strukturen und Bildungsangebote so zu verändern, dass alle Menschen teilhaben können. Dies betreffe im Übrigen auch digitale Angebote zur Verbesserung der Lebensqualität älterer Menschen. Mit digitalen Hilfsmitteln lasse sich lange ein selbstständiges und eigenverantwortliches Leben führen. Aber: In Deutschland verfüge ein großer Teil der Schüler nur über rudimentäre digitale Kompetenzen. Bisher fehle es nach wie vor an Konzepten zur Nutzung digitaler Technologien über die gesamte Bildungsbiografie.

Vorschlag: Die Steuerungsgruppe schlägt vor, mehr Bundes- und Landesmittel für digitale Bildung zu nutzen. Dafür sollte eine Stelle für „Fördermittel“ im Kreis etabliert werden. Grundsätzlich müsse die Medienkompetenz auf allen Ebenen gestärkt werden

Arbeit und Armut

Situation: Die stabile Arbeitsmarktsituation im Kreis ermögliche es Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen trotz Corona, schnell eine neue Beschäftigung zu finden. Das Bruttoinlandsprodukt sei bis Ende Juni gegenüber dem Vorquartal um 9,7 Prozent zurückgegangen. Nach der Interimsprojektion 2020 des Bundeswirtschaftsministeriums sei der wirtschaftliche Abschwung allerdings nicht so stark ausgefallen wie befürchtet und der Aufschwung gehe schneller als erwartet. Ein Verdienst des umfangreichen Konjunkturpakets. Für den Kreis Pinneberg ergibt sich, dass die Arbeitslosenquote innerhalb eines Jahres von 4,5 Prozent auf 5,6 Prozent im September 2020 gestiegen ist. Damit sind im Kreis 2300 Menschen mehr ohne Beschäftigung. Auch die Anzahl der Langzeitarbeitslosen im SGB II ist gegenüber dem Vorjahr um etwa 400 auf mehr 5100 gestiegen. In Bedarfsgemeinschaften leben fast 23.000 Menschen und damit 1400 mehr als vor einem Jahr. Die Anstiege im Kreis entsprechen der Entwicklung auf Landes- und Bundesebene. Die Werte seien im Vergleich weiterhin unterdurchschnittlich, aber relevant. Etwa 14 Prozent aller Beschäftigten im Kreis befanden sich im April tatsächlich in Kurzarbeit, die Neuanmeldungen gehen kontinuierlich zurück. Inwieweit sich die Verlängerung der Insolvenzantragspflicht bis Jahresende im Jahr 2021 auf diese Zahlen auswirkt, bleibe abzuwarten. In vielen Bereichen sei durch Homeoffice ein Digitalisierungsschub zu verspüren. Die Investitionen in digitale Infrastruktur dürfte wegen der prognostizierten Einnahmeausfälle aber auf sich warten lassen.

Vorschlag: Die Wertschätzung für prekäre Beschäftigung im sozialen Bereich müsse verbessert und Fort- und Weiterbildung zur Vermeidung prekärer Beschäftigung müssten gefördert werden. Der Armutsbegriff im Kreis soll weiter ausdifferenziert werden, etwa beim Armutsrisiko oder der relativen Armut. Ein Schwerpunkt müsse auf die Armutsprävention im Kinder- und Jugendalter gelegt werden. Eine Erweiterung des Personenkreises für die Bildungs- und Teilhabekarte seien zu prüfen.

Wohnen

Situation: Die Pandemie habe keinen dämpfenden Effekt auf den Mietmarkt im Kreis gehabt. Davon unabhängig steigen die Mietkosten weiter an – etwa wegen anhaltenden Zuzugs, höherer Nebenkosten oder der Erhöhung der Grundsteuer. Die Handlungsempfehlungen wie die Beteiligung an einer Wohnungsbaugesellschaft oder der Gründung einer kreiseigenen Wohnungsbaugesellschaft oder einer Stiftung Wohnen seien weiter bedeutsam. Laut Analyse des Online-Portals immowelt verteuerten sich auch Eigentumswohnungen um bis zu ein Drittel. Die Preise für Wohnimmobilien sind um 1,4 Prozent gestiegen. Das Herbstgutachten der Immobilienweisen sieht keine Trendbrüche durch Corona. Die Kaufpreise für Eigentum werden weiter genauso steigen wie die Mietpreise, insbesondere im Umland von attraktiven Metropolen wie Hamburg.

Vorschlag: Zur Verbesserung der angespannten Situation auf dem Mietmarkt müssten für Ältere Wohnprojekte entwickelt werden. Der begonnene Dialog mit den Städten und Gemeinden im Kreis sei fortzusetzen

Mobilität

Situation: Der Nutzungsgrad des Nahverkehrs schwäche sich mittelfristig etwas ab und werde das Vorkrisenniveau nicht vor Ende des Jahres 2021 erreichen. Als Folge der Pandemie hat sich auch die Mobilität verringert. Der Lkw-Maut-Fahrleistungsindex hat etwa Ende August mit 111,6 nicht wieder das Vorkrisenniveau von 120 erreicht. Die Civity-Studie rechnet bei einem guten Verlauf damit, dass Anfang 2022 die Fahrgastzahlen des ÖPNV wieder das Vorkrisenniveau erreichen.

Vorschlag: Durch kostengünstigere oder kostenfreie Nutzung könne der Nahverkehr wieder attraktiver werden. Selbst wenn es nur für Schüler, Auszubildende oder Ehrenamtliche angeboten wird. Auch höhere Gleiskapazitäten, bessere Taktungen, stimmigere Tarifstrukturen oder zusätzlichen Parkmöglichkeiten könnten für höhere Nutzerzahlen sorgen.

Soziale Angebote

Situation: Soziale Angebote konnten teilweise durch digitale Formate ersetzt werden oder persönliche Gespräche sinnvoll ergänzen. Höhere Unterstützungsbedarfe durch intrafamiliäre Konflikte haben nicht unmittelbar zu einer Steigerung der Jugendhilfekosten geführt. Das bundesweite mehrsprachige Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ hat in den ersten drei Aprilwochen 20 Prozent mehr Beratungskontakte verzeichnet. Es wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen, da vermutet wird, dass Gewalt in Zeiten von Corona unsichtbar oder hinter geschlossenen Türen versteckt geblieben ist. Weder im Bereich des Kinderschutzes noch im Bereich der klassischen Hilfen zur Erziehung gab es außergewöhnliche Fallanstiege, die explizit auf die Auswirkungen der Pandemie zurückzuführen wären.

Vorschlag: Die Angebote sollen auf digitale Varianten überprüft werden. Digitale Angebote erfordern aber Investitionen und den Aufbau nötiger Kompetenzen bei allen Beteiligten. Dabei sollten insbesondere Risikogruppen wie Ältere berücksichtigt werden, denen während des Lockdowns keine Videoformate zur Verfügung standen. Zusätzliche befristete Telefonhotlines sollen gestärkt werden. Kinder und Jugendliche sollten zusätzliche Orte mit Netzanbindung außerhalb der Familie aufsuchen können.

Gesundheit

Situation: Die Pandemie habe eine neue Sichtweise auf Themen wie Einsamkeit und soziale Isolation, insbesondere bei Älteren, ermöglicht. Die ersten Studien zeigen aber „keine Epidemie der Einsamkeit“. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass zu Langzeiteffekten noch keine Aussage getroffen werden kann. Außerdem sei Deutschland bisher gut durch die Krise gekommen, das mildert psychische Belastungen.

Vorschlag: Einsamkeit oder soziale Isolation ließen sich mit der Stärkung der psychosozialen Notfallversorgung und des Sozialpsychiatrischen Dienstes mildern. Mehr Hausbesuche wären ein Ansatz.

Ärztliche Versorgung

Situation: Die Krankenhäuser im Kreis haben eine wichtige Funktion für die ärztliche Versorgung der Bevölkerung und das Gemeinwohl erfüllt. Gleichzeitig sind sie Teil eines gewinnorientierten Gesundheitssystems. In der Krankenhausstudie 2020 der Unternehmensberatung Roland Berger gibt eine Mehrheit der befragten Häuser an, ihre Beschaffungsstrategie zu ändern. So sollen einerseits die Lagerbestände erhöht und andererseits vermehrt auf regionale und nationale Lieferanten gesetzt werden. Die Krankenhäuser sollten mehr digitale Angebote unterbreiten, etwa die Kontrolle der Gesundheitswerte von Patienten.

Vorschlag: Zur Vorbereitung auf künftige Krisen sollte bei den Krankenhäusern im Kreis eine strategische Reserve vorgehalten werden. Medizinische Versorgungszentren zur Entlastung der Notaufnahme, Pflegebedarfsplanung oder die Anzahl und der Zugang zu Kurzzeitpflegeplätzen seien weitere anzugehende Themen. Die Arbeitsfähigkeit systemrelevanter Bereiche wie etwa der Pflege müsse neben besserer Bezahlung mit dem Zuzug von ausländischen Fachkräften gesichert werden.

Leben und Freizeit

Situation: Mit der Pandemie hat eine Rückbesinnung auf das Lokale stattgefunden – beim Einkauf oder beim Reisen. Die besonderen Bedarfe von bestimmten Personengruppen fanden während der Pandemie allerdings keine entsprechende Berücksichtigung. In diesem Kontext ist ab November 2020 mit den Ergebnissen einer Studie des Fraunhofer-Instituts „Was benötigen Familien mit beeinträchtigten Kindern bei einem erneuten Corona-Lockdown?“ zu rechnen.

Vorschlag: Eine künftige Pandemieplanung des Kreises müsse auch unter Berücksichtigung spezifischer Zielgruppen erfolgen, sie sollte für diese auch geeignete Kommunikationskonzepte umfassen. Wichtig sei es, dass die soziale Infrastruktur erhalten bleibt. Um das zu gewährleisten, wird eine Kulanzregelung zum Beispiel für Anbieter sozialer Dienstleistungen angeregt. Das heißt: Sie sollen im Ausnahmefall mehr dürfen, als eigentlich erlaubt wäre