Pinneberg

365 Tage Westumgehung – der erhoffte Erfolg?

28. September 2019: Mit einem Autokorso wurde die Eröffnung der 4,4 Kilometer langen Entlastungsstraße im Pinneberger Westen gefeiert.

28. September 2019: Mit einem Autokorso wurde die Eröffnung der 4,4 Kilometer langen Entlastungsstraße im Pinneberger Westen gefeiert.

Foto: Lena Trautermann

Ein Jahr nach Eröffnung der umstrittenen Entlastungsstraße: Hat sich der Verkehr verändert? Das sagen Befürworter, Kritiker, Rathaus und Polizei.

Pinneberg. Lärm, Abgase und kaum enden wollender Verkehr: Diese Ausgangslage führte nach langem Hin und Her zum Bau einer Westumgehung für Pinneberg. Und nachdem die Entlastungsstraße vor genau einem Jahr eröffnet wurde, ist die Frage: Welchen Effekt hatte das umstrittene Projekt? Hat der sogenannte Westring zwischen der A23-Anschlussstelle Pinneberg-Nord und dem Wedeler Weg die erhoffte Entlastung gebracht?

Als ausdauernder Kämpfer für die Westumgehung zieht Uwe Kleinig nach einem Jahr wenig überraschend eine positive Bilanz: „Ich bin stolz auf das Ergebnis und sehr zufrieden mit der Entwicklung“. Der ehemalige Polizeibeamte hat mit dem früheren Vertriebsleiter Kurt Zach den Vorstand des Vereins „Westumgehung-Jetzt!“ gebildet – und den Bau der Umgehung maßgeblich forciert.

Die Mitglieder des Vereins werden für ihr Verdienst noch heute angesprochen, sagt Kleinig. „Die Leute sagen: Toll, dass ihr euch damals so für die Westumgehung stark gemacht habt“. Vor allem Radfahrer würden sich für die Entlastung der Innenstadt und die neuen Radwege bedanken. Für den 67 -Jährigen sei es „ein schönes Gefühl“, sein Ziel erreicht zu haben.

Aus Kleinigs Nachbarschaft an der Elmshorner Straße habe er gute Rückmeldungen erhalten. An der vormals extrem stark frequentierten Straße sei ein Verkehrsnachlass von 50 bis 60 Prozent zu erkennen.

Mit genauen Zahlen hantiert die Polizei nicht, aber nach Einschätzung der Pinneberger Beamten „hat sich die Westumgehung positiv auf den innerstädtischen Verkehr ausgewirkt“, sagt Sprecher Lars Brockmann. Stau in der Elmshorner Straße trete deutlich seltener auf, als vor der Inbetriebnahme der Westumgehung.

Insgesamt, so die Polizeieinschätzung, sei die Belastung des innerstädtischen Verkehrs „deutlich positiv verändert“ worden. Es mache sich bemerkbar, dass der Verkehr zu den Betrieben an der Prisdorfer Straße und die Autoströme Richtung Schenefeld/Wedel inzwischen über die Westumgehung an der Innenstadt vorbeigeleitet werden.

„Tatsächlich stellen wir auch einen leichten Rückgang der Unfallzahlen fest“, so Brockmann. „Der könnte allerdings auch auf das reduzierte Verkehrsgeschehen wegen Corona zurückzuführen sein.“ Zu generellen Effekten der Umgehung auf die Unfallstatistik ließen sich wegen des kurzen Zeitraums noch keine verlässlichen Aussagen treffen. „An den Kreuzungen entlang der Westumgehung lässt sich derzeit kein merklicher Unfallschwerpunkt ausmachen.“

In der Verwaltung der Stadt ist man ebenfalls zufrieden – exakte Daten fehlen aber noch. Wegen Corona sei noch keine Verkehrszählung erfolgt, der Westring werde aber intensiv genutzt, so Stadtsprecherin Maren Uschkurat. Sie persönlich erkenne eine deutliche Verbesserung der Verkehrssituation: „Nach meiner subjektiven Wahrnehmung sind die mit dem Bau des Westringes angestrebten Ziele der Verkehrsentlastung der Innenstadt gut erreicht worden“. An den Knotenpunkten der Hans-Hermann-Kath-Brücke, an der Mühlen- und auch der Elmshorner Straße sei es zu einer klaren Entlastung gekommen.

Doch die Westumgehung hat nach einem Jahr nicht nur Fürsprecher. So berichtet Katja Beneke, Schulleiterin der Hans-Claussen-Schule: „Ich habe keine Veränderung feststellen können, weder beim Verkehrsaufkommens noch beim Lärm“. Die Grundschule liegt direkt an der Elmshorner Straße – immer noch eine der Hauptverkehrsachsen der Innenstadt, was die Schulleiterin sofort höre, sobald sie ihre Bürofenster öffnet.

Dass die Westumgehung keinen durchschlagenden Erfolg zu bringen scheint, sei sehr enttäuschend für die Schulleiterin. Auch seitens der Eltern habe Beneke keine positiven Rückmeldungen seit der Einweihung der Westumgehung erhalten. „Wir müssen uns nach wie vor auf die Polizei verlassen, die unsere Schüler zu Beginn des Schuljahres an der Hauptverkehrsstraße einweisen“, erzählt die 61-Jährige.

Dabei war der Weg bis zum Bau der Westumgehung lang und aufreibend. Nachdem die ersten Versuche, den Durchgangsverkehr aus Pinneberg herauszuhalten, schon im Jahre 1969 mit dem Bau der heutigen Hans-Hermann-Kath-Brücke gestartet waren, dauerte es weitere 50 Jahre bis zur Fertigstellung des Westrings. Initiativen wie „Wohnwert Pinneberg Nord“ und Umweltschützer machten es Befürwortern wie dem Verein „Westumgehung-Jetzt!“, schwer. „Damals wollten wir ursprünglich eine Gegeninitiative starten“, erzählt Uwe Kleinig. Der Leiter der Außenstelle des Weißen Ringes in Pinneberg wollte mit seinen Mitstreitern nicht weiter zusehen, wie die Anwohner der Innenstadt unter dem Lärm leiden.

Doch nicht nur die Lärmbelästigung war Folge des jahrelangen Verzugs beim Bau der Umgehungsstraße. Das ewige Aufschieben habe auch zu einem Verlust von Gewerbesteuern in sechsstelliger Höhe für die Stadt sowie von mehr als 100 Arbeitsplätzen geführt. Hintergrund waren die Erweiterungspläne des Waldenauer Fleischwerks von Edeka.

Voraussetzung für die Vergrößerung war der Bau der Westumgehung. Da jedoch die Bürgerinitiative „Wohnwert Pinneberg Nord“ gegen den Ausbau Front machte, kam die Westumgehung lange nicht voran. Daraufhin begrub Edeka seine Pläne und zog 2004 nach Zarrentin in Mecklenburg-Vorpommern.

„So soll es nicht weitergehen!“, war zu diesem Zeitpunkt das Motto von „Westumgehung-Jetzt!“. Vor neun Jahren begann der Verein mehr als 7500 Unterschriften zu sammeln, zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen zu starten. Bis die Umgehungsstraße genehmigt wurde, verging dennoch ein weiteres Jahr. Im April 2012 kam die Zusage des Verwaltungsgerichts Schleswig.

Am 28. September 2019 war es geschafft: Die 4,4 Kilometer lange Westumgehung wurde vom schleswig-holsteinischem Verkehrsminister Bernd Buchholz (FDP), Bürgermeisterin Urte Steinberg, Bauamtsleiter Klaus Stieghorst und dem Stadtentwicklungsausschussvorsitzenden Carl-Eric Pudor (CDU) freigegeben. Beim Autokorso zur Einweihung fuhren auch Kleinig und Zach in einem Fahrzeug mit der Aufschrift „Westumgehung-geschafft!“ mit.

Obwohl sich ein Jahr später die Geister bei der Frage nach dem Erfolg des Millionenprojekts scheiden, überwiegen die Befürworter. Unklar sind nach wie vor die präzisen Kosten des zu 75 Prozent vom Land getragenen Projekts. Während es anfangs 29 Millionen Euro waren, lagen letzte Schätzungen bei 46 Millionen Euro.

Bis Verkehrszählungen oder Unfallstatistiken belastbare Daten liefern, wird auch der Erfolg der Westumgehung vorerst nicht zählbar sein. Festzuhalten bleibt bisher nur, dass die Westumgehung rege genutzt wird und den Verkehr gleichmäßiger verteilt.