Urteil

Bewährungsstrafe nach Unfalldrama in Pinneberg

28. Oktober 2019 an der Pinneberger Mühlenstraße: Zwei Dekra-Mitarbeiter untersuchen den BMW, der die Sechsjährige überfuhr. 

28. Oktober 2019 an der Pinneberger Mühlenstraße: Zwei Dekra-Mitarbeiter untersuchen den BMW, der die Sechsjährige überfuhr. 

Foto: Arne Kolarczyk

Amtsgericht verurteilt 50-jährigen Autofahrer, der in Pinneberg ein sechs Jahres altes Mädchen totfuhr, zu neun Monaten Haft auf Bewährung.

Pinneberg.  Der Angeklagte ringt um Worte. „Ich kann mir immer noch nicht erklären, wie das damals passieren konnte“, sagt Teymur B. (50). Er spricht von einem Unfall, den er verursacht hat und bei dem ein sechs Jahre altes Kind sein Leben ließ. Knapp elf Monate nach dem tragischen Geschehen vor der Helene-Lange-Schule in Pinneberg steht der Autofahrer Freitag vor dem Amtsgericht der Kreisstadt – und wird wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe von neun Monaten verurteilt.

Gleich zu Beginn der Verhandlung wendet sich der Angeklagte direkt an die Hinterbliebenen des Mädchens, das mit seiner Familie aus Syrien geflüchtet war. Die Eltern haben sich als Nebenkläger dem Verfahren angeschlossen, der Vater und die ältere Schwester des Opfers sind im Gerichtssaal erschienen. Mehrfach vergießen sie Tränen, als die Zeugen ihre schrecklichen Erlebnisse an diesem 28. Oktober 2019 schildern.

„Was geschehen ist, ist eine Katastrophe für Ihre Familie, aber auch das Leben meiner Familie wurde zerstört. Es tut mir so furchtbar leid“, sagt Teymur B., der auch zwei Kinder hat. Er selbst komme mit dem Geschehen nicht klar, befinde sich in psychotherapeutischer Behandlung, sei nicht mehr arbeitsfähig. „Ich weiß, dass meine Entschuldigung nichts ändern kann, aber es ist das Einzige, was ich machen kann.“

Gegen 12 Uhr an diesem Tag befuhr der Pinneberger mit seinem weißen BMW 640i GT den Kirchhofsweg und wollte nach rechts in die Mühlenstraße einbiegen. „Ich bin ganz langsam gefahren und habe vor der Einmündung angehalten.“ Er habe ein paar Mal nach links und rechts geguckt und einen Radfahrer durchgelassen. „Ich habe das Kind auf der rechten Seite wahrgenommen“, sagt der Angeklagte. Das Mädchen habe sich jedoch zur Seite weggedreht, sodass er davon ausgegangen sei, dass es um die Ecke in Richtung der Tankstelle weiterlaufen und nicht die Straße queren wolle. „Ich habe dann noch einmal nach links geguckt, und als da kein Auto kam, bin ich losgefahren.“

In genau diesem Moment, so Teymur B. weiter, müsse die Sechsjährige auf die Straße gelaufen sein. „Ich konnte sie nicht sehen, habe auch keinen Aufprall gespürt.“ Der BMW sei mit einer automatischen Bremsanlage für Notfälle sowie diversen Sensoren ausgestattet, jedoch habe kein System ausgelöst. „Ich habe dann gehört, dass eine Frau auf der Straße geschrien hat, in diesem Moment habe ich etwas am Reifen gespürt.“ Er habe nach dem Abbiegen angehalten, sei ausgestiegen – und habe das Kind eingeklemmt unter dem Fahrzeug entdeckt.

Horst S. (73) befand sich im Wagen hinter dem Angeklagten. „Es war Schulschluss, viele Kinder gingen den Kirchhofsweg entlang.“ Das spätere Unfallopfer sei ihm gleich aufgefallen. „Sie machte so einen stolzen Eindruck mit ihrem riesengroßen Schulranzen, ein ganz zauberhaftes Kind.“ Die Sechsjährige sei langsam den Gehweg bis zur Einmündung entlang gegangen, habe dort gestoppt, sich umgedreht und in Richtung des Autofahrers geguckt. „Das wirkte wie eingeübt, als hätten die Eltern sie vorher an die Hand genommen.“

Dann sei das Mädchen auf die Straße getreten – und ein bis zwei Sekunden später das Auto angefahren. „Ich hatte gleich ein ungutes Gefühl.“ Als das Kind an der linken Seite nicht wieder auftauchte und der BMW nach dem Abbiegen anhielt, sei ihm klar gewesen, dass etwas Schreckliches passiert sein müsse.

Für die Rekonstruktion des Unfalls war Dekra-Gutachter Julian Johrde zuständig. Er präsentierte dem Gericht mangels verwertbarer Spuren zwei mögliche Szenarien. Hätte das Mädchen versucht, die Mühlenstraße zu überqueren, hätte der Autofahrer den Unfall nicht verhindern können. Im Fall, dass sie den Kirchhofsweg auf der Fußgängerfurt passieren wollte, wäre das tragische Geschehen sehr wohl vermeidbar gewesen.

Boris Moretti von der Staatsanwaltschaft legte aufgrund der Aussage von Horst S. das zweite Szenario zugrunde, zumal dieses auch dem Heimweg des Mädchens entsprach. „Der Angeklagte hat das Kind gesehen, das hätte für ihn ein Alarmzeichen sein müssen.“ Er sei auf gut Glück losgefahren, ohne sich zu vergewissern, wo die Sechsjährige abgeblieben sei. „Für mich liegt in diesem Fall eine grobe Fahrlässigkeit vor.“ Der Anklagevertreter beantragte ein Strafmaß von neun Monaten auf Bewährung.

Dem schloss sich Nebenklage-Anwalt Bernd Brahms an, der zusätzlich noch eine Geldstrafe für den zum Tatzeitpunkt arbeitslosen Angeklagten einforderte. Verteidiger Arne Egging bat lediglich um eine angemessene Strafe. Richterin Margret Will hielt neun Monate auf Bewährung für „tat- und schuldangemessen“, sah von einer Geldauflage ab.