Kreis Pinneberg

Plötzlich zu sieben Prozent amerikanischer Ureinwohner

André Marten (40), hier in seinem Wohnzimmer in Haselau, hat über die Geschichte seiner Familie unglaublich viele Dokumente zusammengetragen.

André Marten (40), hier in seinem Wohnzimmer in Haselau, hat über die Geschichte seiner Familie unglaublich viele Dokumente zusammengetragen.

Foto: Mareike Müller / André Marten

Vom Stiefvater adoptiert, will André Marten aus Haselau seine Wurzeln kennenlernen. 26 Jahre forscht er. Dann verändert ein DNA-Test sein Leben.

Haselau. Vorfahren, die auf der ganzen Welt verteilt sind, und Fremde, mit denen man verwandt sein soll – für viele ist das unvorstellbar. Und doch steckt wohl in jedem von uns mehr als nur das Stück der eigenen, ganz persönlichen Heimat, die wir von klein auf kennen. Woher komme ich überhaupt, und warum bin ich heute so, wie ich bin? Diesen Fragen hat sich André Marten aus Haselau gestellt – und stieß dabei auf eine unglaubliche Entdeckung.

Alles fängt in seiner Kindheit auf Familienfeiern an, als der junge André Marten immer wieder auf zunächst unbekannte Gesichter stößt. „Es hat mich damals schon sehr interessiert, in welchem Verhältnis ich zu diesen Leuten stehe“, sagt der 40-Jährige heute. „Ich weiß gar nicht so genau, warum, aber es hat mich immer sehr gereizt, etwas über meine Vorfahren herauszufinden“. Während seine Schulkameraden und Freunde zu dieser Zeit Fußball spielen, beschäftigt sich Marten lieber mit Stammbäumen. Spätestens 1994 wird die Ahnenforschung für den Haselauer dann zum umfangreichen Hobby. In diesem Jahr fallen ihm durch Zufall alte Dokumente auf dem Dachboden seines Elternhauses in die Hände. Für ihn ist klar: Er möchte mehr über seine Wurzeln wissen.

Von seinem Stiefvater schon früh adoptiert, hat Marten seinen leiblichen Vater nie kennengelernt: „Mütterlicherseits war mir meine Abstammung immer recht klar, aber über die Familie meines leiblichen Vaters wusste ich nur sehr wenig bis gar nichts.“ So beginnt er im Jahre 1996 die Suche nach seiner Großmutter. „Meinen Vater wollte ich zu diesem Zeitpunkt nicht aufsuchen, weil es mir meinem Adoptivvater gegenüber unfair erschien“, sagt der Haselauer. Auf der Suche nach seiner Großmutter hat er Erfolg: Vier Jahre später kann er zu der Nürnbergerin Kontakt aufnehmen. Für den damals 20-Jährigen ist das ein erster Fortschritt zur Aufdeckung seiner Familiengeschichte. Obgleich er endlich ein Familienmitglied väterlicherseits kennenlernen kann, hilft ihm seine Großmutter nicht bei der weiteren Forschung. Bis zuletzt erfährt Marten von ihr nicht, wer sein Großvater gewesen ist. „Ich glaube, sie konnte es mir einfach nicht sagen“ vermutet er heute. Also geht die Suche weiter.

In Nürnberg folgt Marten einer letztendlich falschen Spur

Jahrelang forscht André Marten, durchforstet Akten der Stadt Nürnberg. Nebenbei ermittelt der Verwaltungsfachangestellte Vorfahren seiner Familie mütterlicherseits. Endlich stößt er im Jahre 2007 auf einen Namen: Werner Wahl, zehn Jahre zuvor verstorben. Nach langer Suche kann Marten nach weiteren Ahnen väterlicherseits suchen. Er ermittelt über viele Jahre hinweg immer mehr Vorfahren aus der Linie Werner Wahls. „Ich war glücklich, dass meine Recherche endlich weiter gehen konnten“, berichtet er heute. Doch ein paar Jahre später soll er eines Besseren belehrt werden.

André Marten schließt sich 2002 dem Verein Pommerscher Greif an, heute ist er zweiter Vorsitzender. 2000 im Greifswald gegründet, zählt der Verein mittlerweile über 400 Mitglieder, die weltweit bis nach Australien und Brasilien verteilt sind. Hauptsächlich beschäftigt sich der mit der Pommernforschung. „Einmal im Jahr treffen wir uns für ein Wochenende mit wenig Schlaf und viel Bier“, erzählt Marten mit einem kleinem Schmunzeln. Doch nicht nur der Spaß stehe im Vordergrund, es komme beim Treffen genauso zu interessanten Gesprächen mit viel Input. Marten selbst will im Laufe der Zeit zu mehr Forschern Kontakt aufnehmen. Da er weiß, dass seine Familie mütterlicherseits unter anderem aus Pommern stammte, liegt der Eintritt in den Verein nahe. So weit, so gut.

2019 kommt es dann im Verein zu einer Tagung, bei der unter anderem ein Vertreter des Unternehmens ancestry einen Vortrag hält und zwei DNA-Tests verlost. ancestry ist weltweit als größter Anbieter der Ahnenforschung bekannt. Das Unternehmen bietet eine Online-Stammbaumerstellung, den Zugriff auf zahlreiche historische Dokumente und die DNA-Genealogie, die der genetischen Herkunftsbestimmung dient, an.

„Ich habe damals nicht viel von den DNA-Tests gehalten. Ich dachte mir: Dieser Test wird mir eh nur sagen, dass meine Vorfahren irgendwann mal Steinzeitmenschen waren“, so Marten. „Dafür wollte ich kein Geld ausgeben“. Doch die genetische Ahnenforschung soll dem Verwaltungsfachangestellten große Türen öffnen.

Überraschend gewinnt der Haselauer einen der zwei DNA-Tests und gibt so eine Speichelprobe ab. Sechs Wochen später kommt dann das Ergebnis. „Ich muss zugeben, dass ich dann doch ganz aufgeregt war, als ich die Post in den Händen hielt“, erinnert sich der Verwaltungsfachangestellte. Als er das Ergebnis öffnet, traut Marten seinen Augen nicht mehr: „Ich dachte der Test wäre fehlerhaft oder vertauscht.“ Denn dieser offenbart etwas, das Marten schlichtweg für unmöglich gehalten hat: Er ist zu sieben Prozent amerikanischer Ureinwohner. „Das widersprach meinen kompletten Erkenntnissen zu meinen Vorfahren.“ Wer war also nun der „Übeltäter“ in der Familie, der Vorfahren in den USA hatte?

Um seine Familie mütterlicherseits ausschließen zu können, unterzieht sich auch Martens Mutter einem DNA-Test. So kann André Marten überprüfen, welche Vorfahren zur väterlichen und welche zur mütterlichen Linie gehören und klären, ob es vielleicht uneheliche Kinder gab.

Durch weitere Recherche findet er heraus, dass sein Vater in Nürnberg geboren wurde. Und plötzlich geht ihm ein Licht auf: Seine Großmutter musste von einem amerikanischen GI-Soldaten schwanger gewesen sein, da amerikanische Besatzer zur möglichen Zeit der Schwangerschaft in der Region Nürnberg stationiert waren. Marten geht dieser Spur nach, und tatsächlich stößt er kurz darauf auf einen gewissen Pat Arellano, der von 1928 bis 2004 lebte. Möglich war der Fund dieses Namens nur, weil DNA-Tests in den USA deutlich verbreiteter sind als hierzulande. So kann Marten durch Abgleich mit seinem eigenen Test herausfinden, wer seine Verwandten aus Nordamerika sind – und zu ihnen Kontakt aufnehmen. Nun stellt sich heraus, dass eben Arellano und nicht, wie zunächst vermutet, Werner Wahl sein Großvater war.

Heute ist André Marten überglücklich, den DNA-Test im letzten Jahr gewonnen zu haben, und bereut seine anfängliche Ablehnung gegenüber diesem: „Da betreibt man 25 Jahre Ahnenforschung für die Katz. Das Geheimnis steckte die ganze Zeit über in mir drin“. Mittlerweile hält Marten die genetische Ahnenforschung für alle, die über ihre Vorfahren recherchieren, für notwendig.

Inzwischen hat er auch regen Kontakt zu seinen US-amerikanischen Verwandten: „Ich bin schon per Skype zum Familientreffen zugeschaltet worden“, berichtet der 40-Jährige lächelnd. Ein persönliches Treffen mit ihnen nach der Corona-Pandemie könne er sich auch gut vorstellen.

Dem Haselauer ist mit dem Testergebnis außerdem ein ganz persönliches Glück widerfahren: „Ich war mit meiner Familie schon oft in den USA und liebe dieses Land. Dann zu erfahren, dass ich selbst zu einem Teil amerikanischer Ureinwohner bin, war einfach unglaublich!“ Auch als Familienvater seien seine neu gefundenen Wurzeln von Nutzen: „Wenn meine Kinder mal quengeln, heißt es seit Anfang des Jahres bei uns: Indianer kennen keinen Schmerz“, erzählt er augenzwinkernd.

Auch wenn André Marten durch den DNA-Test viele Erkenntnisse über seine Vorfahren erlangen konnte, wird er nicht mit seinem Hobby aufhören: „Es ist meine Leidenschaft. Und auch wenn ich schon seit Jahren recherchiere, bin ich mit meinen Forschungen noch lange nicht am Ende“. Seine älteste Familienlinie gehe mütterlicherseits bis ins 15. Jahrhundert und damit 16 Generationen zurück. Doch selbst so weitreichende Erkenntnisse werden Marten wohl auch in Zukunft nicht davon abhalten, immer weiter seine ganz persönliche Ahnenforschung zu betreiben.