Kreis Pinneberg

Perfektionist und großer Künstler – passt das zusammen?

Arturo Benedetti Michelangeli auf einem Foto aus dem Jahr 1960.

Arturo Benedetti Michelangeli auf einem Foto aus dem Jahr 1960.

Foto: picture alliance / picture-alliance / Leemage

Der Musikkenner Cord Garben gestaltet einen Abend über den eher technisch spielenden Pianisten Arturo Benedetti Michelangeli.

Pinneberg.  Herzblut. Leidenschaft. Gemüt. Das sind Attribute, die den Klaviergenies des 19. und 20. Jahrhunderts im Allgemeinen zugedacht werden. Cord Garben, der mehr als 20 Jahre Schallplattenproduzent bei der Deutschen Grammophon war, selbst Pianist und Dirigent, hat sich so intensiv wie kein anderer mit dem Werk und dem Ruhm des italienischen Ausnahme-Pianisten Arturo Benedetti Michelangeli (1920 bis 1995) beschäftigt, dem solche Eigenschaften total abgingen. Zwei Bücher hat er über ihn geschrieben und bei einem Film mitgewirkt. Aus der jahrelangen engen Zusammenarbeit gestaltet Garben am Dienstag, 13. Oktober, einen Michelangeli-Abend in der Drostei, die dabei mit dem Kulturverein als Initiator kooperiert.

Der Italiener mit dem Menjou-Bärtchen und dem gefalteten Taschentuch in der Sakkotasche scharte eine weltweite Fangemeinde um sich, obwohl oder vielleicht sogar weil er mehr Konzerte absagte als wirklich spielte – und natürlich, weil er mit seinen großen Händen (die Pianistin Martha Argerich hielt sie für die besten Pianistenhände, die sie je gesehen hatte) und einer besessenen Form von Perfektionismus eine unfassbare technische Meisterschaft erreichte, die die internationale Kritikerschaft zu Lobeshymnen hinriss. Zudem bemühte er sich ehrlich um Werktreue, er spielte also vorwiegend so, wie der jeweilige Komponist es notiert hatte. War er aber deshalb ein wirklich großer Künstler?

Garben hat ein Buch über Michelangeli geschrieben

Dieser Frage geht Garben in seinem Buch „Die kühle Kunst der Perfektion – Arturo Benedetti Michelangeli“ so nach, dass auch Nicht-Musiker viel daraus lernen und an diesem Abend auch deutlich heraushören können. „Das Buch ist für Klavierkenner, aber Michelangeli hatte auch einen riesigen Fankreis von Musikliebhabern. Ich habe in diesem Buch zum ersten Mal den Zusammenhang von Spiel und Psyche hergestellt“, sagt Garben. „Ich warte ab, ob ich dafür beschimpft werde.“ Bislang sei das nicht passiert, und das Buch ist bereits im Frühjahr beim Florian Noetzel Verlag erschienen.

Das liegt zum einen an der Logik seiner Gedankenführung, zum anderen daran, dass er den Künstler nicht bloßstellt, sondern beschreibt, was er in all den Jahren dieser komplizierten Zusammenarbeit mitbekommen hat, daraus seine Schlüsse ableitet und zahlreiche Beispiele aus der Historie genialen Klavierspiels hinzuholt. Einerseits waren die raren Konzerte des stets sehr distanzierten und scheuen, übermäßig fleißigen Künstlers immer sofort ausverkauft. Andererseits leistete er sich einen hohen Grad an Exzentrik. Im weltberühmten Wiener Musikverein ließ er eine wichtige Vormittagsprobe ausfallen, weil der Blumenschmuck für den Abend angeblich zu viel Feuchtigkeit ausdünstete.

Und am Tag, als Michelangeli seinen ersten Auftritt in den USA in der legendären Carnegie Hall vor sich hatte, übte er ununterbrochen bis zehn Minuten vor Konzertbeginn, sodass sein verzweifelter Klaviertechniker Franz Mohr nur noch zehn Minuten hatte, um den neuen Steinway zu stimmen, was dieser dann ablehnte. Denn dafür sind einige Stunden nötig. Und so schrieb ein New Yorker Kritiker, dass der Maestro auf einem total verstimmten Instrument gespielt habe. Garben nennt das später „angstgeborene Verbohrtheit“.

An Schumann und Schubert scheiterte Michelangeli

Bei Schumann und Schubert sei Michelangeli gescheitert, „weil er den romantischen Ausdruck, das Öffnen der Seele nicht zustande bringt“, so Garben. Debussy habe dagegen in Blöcken komponiert: „Das kam seiner Art zu spielen entgegen. Ich glaube, es gibt keinen anderen, der Debussy so spielen kann wie er.“ Immer wieder kommen in seinem Buch bedeutende Künstler zu Wort, die Sätze sagen wie der Dirigent Wilhelm Furtwängler: „Das Technische darf sich nicht von dem Seelischen lösen!“

Und so will Garben sein abendliches Drostei-Publikum mit auf eine Reise nehmen, auf der Hörbeispiele ein und desselben Stücks, gespielt von verschiedenen Interpreten, die Ohren öffnen für die Feinheiten des Anschlags, der Phrasierung, des Ausdrucks. Wiederholt geht es in dem Buch um Werktreue, denn Mozart und Chopin, um nur zwei Beispiele zu nennen, ärgerten sich maßlos darüber, wenn ihre Werke gespielt wurden, ohne die notierten Tempi zu befolgen. Außerdem zeigt Garben Ausschnitte aus dem Film, den Arte Anfang diesen Jahres über den italienischen Pianisten gedreht hat.

Cord-Garben-Abend: Di 13.10., 17.30 Uhr. Drostei, Dingstätte 23, Pinneberg, frei, Spenden erwünscht, Anmeldung: info@kulturverein-pinneberg.de. Buch: Cord Garben, „Die kühle Kunst der Perfektion: Arturo Benedetti Michelangeli“, Florian Noetzel Verlag, 242 S., 35 Euro.