Quickborn

Warum Wissenschaftler zu Torfstechern werden

Eine „wiedervernässte“ ehemalige Torfabbaufläche in ihrer fotogensten Form: Im Himmelmoor in Quickborn wird wissenschaftlich untersucht, wie sich die Renaturierung auswirkt.

Eine „wiedervernässte“ ehemalige Torfabbaufläche in ihrer fotogensten Form: Im Himmelmoor in Quickborn wird wissenschaftlich untersucht, wie sich die Renaturierung auswirkt.

Foto: dpa Picture-Alliance / Markus Scholz / picture alliance / Markus Scholz

Forscher der Universität Hamburg erkunden im Quickborner Himmelmoor, wie sich die Renaturierung eines Areals auf das Klima auswirken kann.

Quickborn.  Wer lernen will, muss Fakten heben. Im Himmelmoor bedeutet das: graben. Mindestens drei Meter tief. Also haben Studenten der Universität Hamburg den Handbohrer in die Erde getrieben, das schmale Gewinde in mühsamen Drehbewegungen bis zum Anschlag versenkt und im Schweiße ihres Angesichts eine Bodenprobe retour gezogen. Eine dunkle, torfige Erdwurst für die Wissenschaft. Alles unter fachkundiger Anleitung von Professor Lars Kutzbach, Experte bei der Erforschung von Mooren und deren Ausdünstungen.

Einmal mehr wurde nun Feldforschung in einem der größten Moore Schleswig-Holsteins betrieben. Eine internationale Forschergruppe stattete dem Hochmoor einen Besuch ab. Wie verläuft die Renaturierung? Welche klimarelevanten Erkenntnisse lassen sich aus der stillgelegten Fläche ableiten? Welche Konzepte für die Zukunft könnten sich daraus ergeben? All diese (und noch mehr) Fragen hatten die Teilnehmer des Fachbereichs Geowissenschaften im Gepäck. Seit 2004 erkunden Studierende der Universität Hamburg das 600 Hektar große Moor.

Bei diesem zweitägigen Praxisseminar lernten die Masterstudiengänge „Integrierte Klimawissenschaften“ und „Geowissenschaften“, wie man Torfbohrungen bewerkstelligt, Moorböden mit Geländemethoden beschreibt und bodenkundliche Klassifizierungen vornimmt. Aber auch die Gase eines Moores werden immer wichtiger.

Schon vor drei Jahren war Doktorandin Olga Vybornova bei ihren Forschungen zu der Erkenntnis gelangt, dass die Treibhausgase durch den Klimawandel in den Fokus der Untersuchungen rücken. Weltweit seien Moore die größten Speicher von Kohlenstoff, binden doppelt so viel CO2, wie alle Wälder zusammen an Biomasse enthalten. Aus Sicht des Klimaschutzes sei das Ende des Torfabbaus schon allein deshalb sinnvoll.

Die Russin hatte bei Messungen von Kohlendioxid (CO2), Lachgas (N2O) und Methan (CH4) auf einer stillgelegten Fläche festgestellt, dass schon nach fünf Jahren ein Drittel weniger dieser Treibhausgase freigesetzt werde, 4,7 statt 7,3 Tonnen pro Jahr. „Die Wiedervernässung ist aus Sicht der CO2-Reduzierung also erfolgreich“, sagte sie.

Die Universität Hamburg schätze das Forschungsfeld vor den Toren der Stadt, sagt Eva-Maria Pfeiffer, Professorin für Bodenökologie. „Für Geowissenschaftler und Biologen ist es die ideale Umgebung für angewandte Erkundungen.“ Dabei seien Umweltschutzmaßnahmen aber nicht immer zielführende Klimaschutz- oder Renaturierungsmaßnahmen. Das Anlegen von Dämmen und der damit verbundene Wasserstand sei etwa auch kontraproduktiv für die gewünschten torfbildenden Pflanzen.

Um die Entwicklung des renaturierten Moores in Daten zu erfassen, soll auch wieder eine Messstation der Uni eingerichtet werden. Der vorhandene Messturm mit Sensoren für Kohlendioxid, Methan, Lachgas, Wasserdampf oder Temperatur im zentralen Himmelmoor musste jüngst abgebaut werden. Um die Renaturierung mit ihren klimabezogenen Erscheinungen weiter begleiten zu können, soll eine neue Variante her. Schließlich habe die Uni im Himmelmoor die einmalige Chance, eine Fläche vom Torfabbau bis zur Renaturierung zu begleiten. Eine jahrzehntelange Datenerfassung wäre demnach „ein Gewinn für die Wissenschaft“.

Grundsätzlich gelte zwar die einfache Losung, dass ein Moor nass sein muss. Aber wie nass, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Trockengelegte Moore seien in jedem Fall Klimakiller. Wiedervernässte Flächen könnten – wenn man es richtig anstellt – sehr viel CO2 binden.

Während beim aktuellen Forschungseinsatz am ersten Tag die Handbohrungen in bis zu drei Meter Tiefe vor allem davon zeugten, wie sich vergangene Klima- und Umweltänderungen in der Torfzusammensetzung spiegeln – Holzreste etwa deuteten auf eine 7000 Jahre zurückliegende „Waldepoche“ hin – standen an Tag zwei die Treibhausgasemissionen zwischen Moorböden und Atmosphäre im Mittelpunkt. Dabei kamen Haubenmesssysteme und Spurengasanalysatoren zum Einsatz.

Eine Erkenntnis: Während bei wiedervernässten Flächen das CO2 sinkt, steigt aber auch die Emissionen des starken Treibhausgases Methan. Diese Aufschlüsse sollen bei künftigen Renaturierungen anderer Moore genutzt werden.