Pinneberg/Itzehoe

Mutmaßlicher Megabike-Brandstifter schweigt

Von der Drehleiter aus bekämpfen die Pinneberger Feuerwehrleute am 16. September 2017 den Brand im Fahrradgeschäft Megabike.

Von der Drehleiter aus bekämpfen die Pinneberger Feuerwehrleute am 16. September 2017 den Brand im Fahrradgeschäft Megabike.

Foto: Feuerwehr Pinneberg

Johann Z. war in erster Instanz zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Im Berufungsverfahren vor dem Landgericht Itzehoe geht es für ihn um viel.

Pinneberg/Itzehoe.  Alle Verfahrensbeteiligten waren da – nur der Angeklagte fehlte. Für die Dritte Kleine Strafkammer am Landgericht Itzehoe war das am Montag nichts Neues. Bereits Anfang Februar war Johann Z. der Verhandlung ferngeblieben – damals wegen Krankheit. In der Folge fielen alle Termine aus.

Diesmal war ein verspäteter Zug schuld. Mit 30-minütiger Verspätung erschien der 24-Jährige dann doch – und blieb stumm. Zum Vorwurf, er habe am 16. September 2017 den Fahrradladen Megabike in Pinneberg angezündet und einen Schaden von fast 800.000 Euro angerichtet, wollte sich der Angeklagte nicht äußern.

In dem ersten Verfahren, das am 12. August 2019 vor dem Amtsgericht Pinneberg ein Ende fand, war der 24-Jährige ein wenig gesprächiger. Damals ließ er seinen Verteidiger Henry Brendel noch mitteilen, die Vorwürfe würden nicht zutreffen. Verurteilt wurde der Deutsch-Russe trotzdem – zu drei Jahren Haft wegen Brandstiftung. In der Berufung geht es für ihn nun um sehr viel. Sollte das Urteil rechtskräftig werden, muss er nicht nur hinter Gitter, ihm drohen auch erhebliche Regressforderungen seitens der Versicherung.

Für die Berufungsverhandlung hat sich Johann Z. mit Constanze von der Meden einen zweiten Rechtsbeistand gesucht. Laut der Anklage soll sich der Pinneberger am Tattag gegen 23.50 Uhr über eine Feuerleiter auf der Rückseite Zugang zum Dach des Ladens verschafft, dort ein Oberlicht zerstört und einen brennenden Gegenstand ins Innere geworfen haben. Bei der Polizei hatte der Angeklagte angegeben, zur Tatzeit zu Hause gewesen zu sein.

Eine Auswertung der Funkzellen, in denen sein Mobiltelefon eingeloggt war, ergab ein anderes Bild. „Das Handy des Beschuldigten war zur Tatzeit in den drei Tatortfunkzellen eingeloggt“, so Kripo-Beamter Frederik F. (28). Eine der Funkzellen reiche auch bis in die Wohnung des Angeklagten. Durch Tests sei jedoch bestätigt worden, dass diese Zelle nicht genutzt worden sei.

Zweites Indiz: DNA-Spuren des Angeklagten wurden in drei Meter Höhe auf der ersten Sprosse der Feuerleiter gefunden, die auf das Dach führt. „Unter der Feuerleiter befand sich ein Stromkasten, dort und auf den Sprossen haben wir frische Erdanhaftungen gefunden“, so Kripo-Mann Philipp E. (26). Seine Schlussfolgerung: Der Täter sei auf den Stromkasten geklettert, um von dort die unterste Sprosse der Feuerleiter ergreifen und letztlich auf das Dach steigen zu können.

Nach dem DNA-Treffer, inzwischen waren fünf Monate seit der Tat vergangen, ließ Chefermittler Detlef K. (61) das Zimmer des Angeklagten – er lebt bei seiner Mutter – durchsuchen. „Wir haben die auffällige Kleidung gesucht, die der Täter getragen hat, und Schuhe, die zu den Abdrücken passen.“ Gefunden wurde nichts. Der Angeklagte habe die DNA-Spur dadurch erklärt, dass er sich mit einem Freund an dem Gebäude getroffen und sich an die Wand gelehnt habe.

Auf einer Videokamera, die Immobilien-Eigentümer Christoph S. (57) im hinteren Teil des Komplexes installiert hatte, ist der Täter zu sehen. „Man sieht eine ganze Menge“, so der 57-Jährige. Die Bilder zeigen den – allerdings nicht zu identifizierenden – Täter, der nach der Brandstiftung über einen Zaun steigt und sich auf dem Gelände versteckt, um drei Stunden den Löscharbeiten zuzusehen. „Dann ist er zügig davongegangen.“

Die Geschäftsfläche, eine 1976 als Supermarkt gebaute Stahlkonstruktion, sei im Innern völlig verraucht und verrußt gewesen. „Wir mussten komplett alles neu machen, um jeden Euro von der Versicherung kämpfen.“ 250.000 Euro habe diese bezahlt, weitere 100.000 Euro habe er in Verbesserungen investiert. Den Angeklagten habe er nicht belangt. „Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche fassen.“ Marcus S. (39) ist der heutige Filialleiter des Fahrradhändlers. „Zunächst sah alles gar nicht so schlimm aus. Am nächsten Tag haben wir dann im Hellen gesehen, dass sich ein starker Rußfilm über das gesamte Inventar gelegt hatte.“

Eine Reinigung sei nicht mehr möglich gewesen. „570 Räder waren für uns unbrauchbar“, ergänzt sein Kollege Florian A. (35). Laut Filialleiter S. hat die Versicherung einen Warenwert von 273.000 Euro ersetzt, 59.000 Euro für Inventarkosten und 109.000 Euro für den Betriebsausfall übernommen. Sechseinhalb Monate war das Geschäft für die Renovierung geschlossen. „Wir schätzen den Umsatzverlust in dieser Zeit auf bis zu 850.000 Euro“, so Marcus S.

Spurensicherer Marten L. (40) hatte nach der Tat in dem Gebäude nach Brandbeschleunigern gesucht. „An zwei Stellen hat unser Gerät ausgeschlagen.“ Er nahm Proben des Brandschutts beziehungsweise des Teppichbodens und schickte sie an das Landeskriminalamt nach Kiel. „Es handelte sich aber um Substanzen, die im Löschschaum der Feuerwehr enthalten waren.“

Richter Florian Feistritzer hat für den Fall vier Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil könnte am 1. Oktober fallen.