Kreis Pinneberg

Prisdorferin schreibt Buch über ihr eigenes Erblinden

Die Moderatorin, Rednerin und Buchautorin Dörte Maack (52) aus Prisdorf mit ihrer treuen Blindenhündin, dem Labrador Lila.

Die Moderatorin, Rednerin und Buchautorin Dörte Maack (52) aus Prisdorf mit ihrer treuen Blindenhündin, dem Labrador Lila.

Foto: Katja Engler

Die Moderatorin Dörte Maack erfuhr mit 25, dass sie erblinden wird. Wie sie mit der Diagnose umging, erzählt sie in ihrem Buch.

Prisdorf.  „Ich habe das Buch geschrieben, das ich damals gebraucht hätte“, sagt Dörte Maack (52). Die Prisdorferin, die heitere Frau, die früher Akrobatik und Kindertheater gemacht hat und mit 25 Jahren erfuhr, dass sie blind wird, ist heute Moderatorin, Rednerin, Teamtrainerin und Coach. Seit ihrem 30. Lebensjahr sieht sie nichts mehr. Wie sie lernte, die niederschmetternde Diagnose in ein gutes Leben zu verwandeln, hat sie in ihrem neuen Buch „Wie man aus Trümmern ein Schloss baut“ aufgeschrieben.

Als Jugendliche muss sie zum Augenarzt, wo ein ungenauer Gesichtsfeldtest ihr erspart, als Sehbehinderte auf eine Sonderschule abgeschoben zu werden. Sie kriegt Kontaktlinsen, mit denen die Bäume plötzlich wieder einzelne Blätter und die Stoffe Struktur kriegen – die Welt ist in Ordnung für sie, obwohl sie schon damals nur 30 Prozent Sehvermögen hat. Mit 25 kehrt Dörte in die Praxis ihres ehemaligen Augenarztes zurück. Nach der sehr eingehenden Untersuchung sitzt der alte Doktor erst mal reglos am Tisch. Er spricht nicht und lächelt nicht. „Es ist Retinitis pigmentosa“, sagt er dann. Eine Krankheit, die genetisch bedingt ist, fortschreitend und unheilbar auf Blindheit hinausläuft.

Ihr Freund schlägt ihr eine Weltreise vor, als er davon erfährt. Aber die sie will nicht. Sie will kämpfen. Dieser Kampf dauert fast fünf Jahre, und selbst die ominösesten Wunderheiler verdienen ihr Geld an ihrer Sehnsucht nach Heilung. „Wie kann man so dumm sein?“ fragt sie in ihrem Buch. Und antwortet: „Man kann so dumm sein, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht.“

Dörte Maack ganz persönlich wie es war, blind zu werden

In ihrem Buch berichtet Dörte Maack ganz persönlich wie es war, blind zu werden. Weder glaubt sie an Schicksal, noch will sie Mitleid, denn das ist ihr ein Gräuel. Damit verbunden beschreibt sie, dass fast alles eine Frage der Einstellung sein kann. Mit 25 Jahren ist ihre größte Sorge: Wenn ich blind bin, finde ich nie wieder einen Mann. „Mein altes Selbstbild als Frau, die sich die Männer aussuchen kann, kämpfte trotzig gegen seinen drohenden Untergang.“ Und kommt nach Monaten finsterer Grübeleien zu dem Ergebnis: „Auf mich wartet ein einsames Scheißleben!“

Der Zwang, sich trotz immer schwierigerer Bedingungen weiter zurechtfinden zu müssen, nötigt ihr immense Anstrengungen und Lernprozesse ab. Damit niemand etwas merkt. Niemand denkt, die Dörte, die nicht grüßt, sei arrogant. Als Akrobatin und Zirkusschülerin gründet sie in Hamburg mit zwei Mitstreiterinnen die Kindertheatergruppe Kirschkern Company. Das macht anfangs riesig Spaß, wird aber immer stressiger, weil sie merkt, dass sie durch ihr schwindendes Sehvermögen den anderen zur Last wird, nicht nur deshalb, weil sie auf der Hinterbühne des Hansa-Theaters über die Flossen eines Seehundes stolpert, die sie mal wieder nicht gesehen hat. Aus der Theatertruppe zieht sie sich schweren Herzens zurück.

Für drei Monate geht sie dann nach China, um sich mit Methoden der traditionellen chinesischen Medizin behandeln zu lassen. Auch dort sagt man ihr, dass ihre Erblindung nicht heilbar ist. Es wird ein bisschen besser, aber nicht lange. Dann folgt der erste Absturz: entweder nicht blind oder nicht leben, denkt sie. Sie fühlt sich hässlich, arm, einsam, nutzlos und sieht inzwischen fast nichts mehr. Andere zum Lachen zu bringen, was ihr schon in ihrer Kindheit neben einem manchmal sehr traurigen Vater geholfen hat, hilft ihr auch hier. Sie fängt sich, indem sie wieder beginnt, sich etwas zu wünschen. Zurück in Deutschland folgt eine zweiwöchige Grippe, während der sie total abmagert und ihre Freunde aus der WG sie über Wasser halten mit ganz einfachen Dingen. Obst bringen, Suppe kochen, Bett abziehen, lüften. „Was hilft, ist das bloße Dasein, die Situation aushalten und zuhören.“

Sie wendet sich an Blindenverbände

Als sie ihre Blindheit annimmt, wendet sie sich an die Blindenverbände. Dort erfährt sie: „Sie können als Blinde fast alles machen. Wenn es scheitert, dann meist an der mangelnden Fantasie der Sehenden.“ Martin, der Mann, mit dem sie seit drei Jahren in der WG wohnt und der mit ihr („ich bin nicht in dich verliebt“) in den schwierigsten Monaten durch dick und dünn gegangen ist, rückt näher, und sie werden ein Liebespaar. Er ist ein Mensch mit einem sehr spannenden Werdegang: Erst Sonderschule, dann Astrophysiker mit Auszeichnung, Fotograf und heute IT-Spezialist.

Zuhause bleiben oder Schreibkraft im Kreisamt zu werden – nein, das ist keine Option für Dörte Maack: „Ich wollte mir lieber blaue Flecken holen.“ Sie fängt dann an, bei „Dialog im Dunkeln“ zu arbeiten, wo sie sich zur Bereichsleiterin für Bildung hocharbeitet. Als Blinde schließt sie ihr Staatsexamen in Pädagogik, Sportwissenschaften und Linguistik ab.

Es gelingt ihr sogar, für ihr Studium einen Hürdenlauf rein über Rhythmusempfinden so perfekt zu meistern, dass sie mit lauter Einsen abschließt. Für die Karriere sei das völlig egal gewesen, für ihr Selbstbewusstsein extrem wichtig, schreibt Dörte Maack.

Sie habe weder die Opfer- noch die Heldenstory schreiben wollen

Seit einigen Jahren wohnen ihr Mann Martin und sie mit den beiden Kindern Emil (13) und Eileen (16) in einem Haus in Prisdorf, dort, wo an diesem Morgen ein Eichhörnchen durch die Hecke tobt und der treue Labrador Lila, der Blindenhund von Dörte Maack, träge im Schatten döst. Sie habe weder die Opfer- noch die Heldenstory schreiben wollen, denn Bewunderung finde sie bizarr. „Die Unterstellung, dass mit meinem Leben etwas nicht in Ordnung ist, irritiert mich“, sagt sie heute.

Der Weg von dem Satz „Auf mich wartet ein einsames Scheißleben“ bis zu dem jetzt gelebten war weit und steinig, war Stärkung und Erleichterung, denn „es war alles so viel leichter, als ich nichts mehr sehen konnte.“ Gelernt hat sie, dass die Akzeptanz des Unabänderlichen wichtig ist, die meisten Grenzen im Kopf sind und die Wirklichkeit eher beweglich ist als starr. Blind ein Studium abschließen? Ja, das geht, wenn man viel dazulernt und es wirklich will. Sogar Einradfahren kann Dörte Maack inzwischen. Wer weiß, was ihr als nächstes einfällt.

Dörte Maack, „Wie man aus Trümmern ein Schloss baut. Die Geschichte meines Erblindens und wie ich wieder Lebensfreude fand.“ Patmos Verlag, 213 S., 20 Euro.