Corona-Maßnahme?

Übersetzerin gewaltsam aus Arztpraxis geworfen

Die Sprachvermittlerin Nibras Said (47) am Eingang der Praxis von Dr. Michael Hagenah an der Königstraße in Elmshorn.

Die Sprachvermittlerin Nibras Said (47) am Eingang der Praxis von Dr. Michael Hagenah an der Königstraße in Elmshorn.

Foto: KITTY HAUG / Kitty Haug

Nibras Said wollte eine Patientin zum Augenarzt begleiten. Dabei wurde sie verletzt – und erstattet nun Anzeige gegen eine Praxismitarbeiterin.

Elmshorn. Die Abschürfungen schmerzen. Immer wieder streicht Nibras Said sich über den rechten Arm und schüttelt verständnislos den Kopf. Am vergangenen Dienstag ist sie im Eingangsbereich der Augenarztpraxis von Dr. Michael Hagenah an der Königstraße in Elmshorn von einer Praxismitarbeiterin rüde und handgreiflich der Praxis verwiesen worden.

Mit „Halt die Klappe! Sie dürfen hier nicht rein!“ und weiteren Schimpftiraden sei sie angeschrien worden. „Ich habe schon viel erlebt“, sagt Said. „Vielleicht deshalb, weil ich ein Kopftuch trage und die Menschen schon deshalb glauben, ich verstünde kein Deutsch“, sagt sie. „Aber das war mir zu viel an Diskriminierung.“ Das Ganze mündete in einen Polizeieinsatz. Und Said erstattete Strafanzeige. Wie konnte es bloß dazu kommen?

Übersetzerin sollte Patientin beim Besuch des Augenarztes helfen

Der Sachverhalt, wie Nibras Said ihn erinnert: Im Auftrag der Caritas Horst will sie als Alltagsbegleiterin und Sprachmittlerin eine syrische Patientin mit wenig Deutschkenntnissen bei einem Augenarztbesuch begleiten. Da die noch nicht vor Ort ist, bittet Said, im Wartezimmer Platz nehmen zu dürfen.

Dies wird ihr verwehrt, da sie ja eine Begleitperson sei. Begleitpersonen müsse der Zutritt Corona-bedingt verwehrt werden, erläutert eine Praxisangestellte. Said wartet geduldig im Treppenhaus, doch auch nach dem Eintreffen der Patientin darf sie diese nicht ins Behandlungszimmer begleiten und soll auch während der einstündigen Behandlung vor der Tür der Praxis auf einer engen Treppe vor der Eingangstür verbringen.

Angestellte soll sie gepackt und aus der Praxis gedrängt haben

Sie erklärt, dass sie keine Begleitperson sei, sondern als Sprachmittlerin den Auftrag habe, der Patientin bei der Arztbehandlung zur Seite zu stehen. Ohne Erfolg. Nach Ablauf der Wartezeit bittet Said, jetzt im Wartebereich der Praxis, mit dem Arzt sprechen zu dürfen. Mit lauten Sätzen wie „Sie haben hier nichts zu suchen!“ oder „Ich zähle bis drei, dann rufe ich die Polizei!“ wird sie von einer Angestellten am rechten Arm gepackt und aus der Praxis gedrängt.

Völlig verstört von dieser Behandlung ruft die Sprachmittlerin die Polizei. Die Beamten treffen um 17.47 Uhr ein und nehmen ihre Anzeige gegen die Praxisangestellte wegen Beleidigung und Körperverletzung auf. Letzteres bestätigt auf Anfrage auch die Polizei, der Fall ist dort aktenkundig.

Die Schmerzen im Arm bemerkt Said erst am Abend und erschrickt. „Mit so etwas habe ich nie gerechnet.“ Ihr Hausarzt bestätigt in seiner Ärztlichen Bescheinigung, die dem Abendblatt vorliegt, die Hämatome am rechten Oberarm, schreibt sie krank und rät ihr dringend, seinen Bericht der Anzeige bei der Polizei beizufügen.

Nibras Said ist immer noch erschüttert. „Bisher gab es keine Probleme in dieser Praxis, denn ich bin ja nicht das erste Mal als Sprachmittlerin unterwegs. Ich habe dort auch noch nie draußen warten müssen, trotz der Corona-Einschränkungen.“ Auch in anderen Arztpraxen sei ihr nie „so viel Unverständnis und Hass“ entgegengebracht worden. Ja, einige Menschen würden schon „komisch schauen“, sie trage ja immer ein Kopftuch, „aber daran habe ich mich schon gewöhnt.“

Nibras Said ist Muslima. Die Irakerin kam am 25. August 2000 nach Deutschland: „Ein Tag, den ich nie vergessen werde“, sagt die 47-Jährige. In ihrer Heimat Bagdad hat sie nach ihrem Studium fünf Jahre als Mikrobiologin gearbeitet, Bluterkrankungen waren ihr Fachgebiet. Ihre Mutter war Lehrerin, der Vater Ingenieur, ihre Geschwister und Schwägerinnen arbeiten als Ärzte und Anwälte in Kanada, den USA und Jordanien. Ihr Mann verließ den Irak bereits vor 27 Jahren. Der Bauingenieur kam über Polen nach Deutschland.

Seit 2020 besitzt die Elmshornerin die deutsche Staatsbürgerschaft. Ihr Universitätsabschluss ist in Deutschland mittlerweile anerkannt, „aber es ist schwer, in diesem Bereich einen Job zu finden“, sagt Said. Trotzdem hat sie nie aufgegeben. Nach Sprachkursen und Praktika im Regio Klinikum Elmshorn lernt sie im Flora Gesundheitszentrum eher zufällig einen Mitarbeiter vom Jugendamt kennen. Er ermutigt sie, als Sprachmittlerin tätig zu werden. Seit 2018 ist die Mutter dreier Kinder als ehrenamtliche Sprachmittlerin für die Sprachen Arabisch und Deutsch beim Caritas-Migrationsdienst im Amt Horst-Herzhorn tätig. Darüber hinaus unterstützt sie auch den Caritas-Migrationsdienst Elmshorn. Sie dolmetscht vorwiegend bei Behördengängen und Arztbesuchen. Ihr Auftraggeber in Horst nennt sie zuverlässig, einfühlsam im Umgang mit den Klienten und in hohem Maße engagiert. „Ich bin ja praktisch vom Fach“, sagt sie selbst.

Dr. Michael Hagenah hat sich auch auf mehrmalige – mündliche und schriftliche – Anfragen nicht zu den Vorwürfen geäußert. „Wir unterstehen der Schweigepflicht und dürfen nichts sagen“, teilt eine Mitarbeiterin dem Abendblatt telefonisch mit.

Dürfen Begleitpersonen denn nun mit oder nicht? Seitens der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) heißt es auf Anfrage: „Begleitung von Personen in Arztpraxen ist häufig und üblich. Das kann sich auf Dolmetscher ebenso beziehen wie auf hilfeleistende Personen oder Familienangehörige. Der KVSH ist nicht erklärlich, warum eine Begleitperson abgewiesen werden sollte. Wir werden dazu eine Stellungnahme der Praxis abwarten müssen.“