Hamburg/Kreis Pinneberg

Ein Stück Moorrege im Museumshafen Oevelgönne

1934, Uetersen feiert 700-jähriges Bestehen. Und das taufrische Ewermodell „Emanuel“, gerade im benachbarten Moorrege gebaut, wird durch die Straßen der Stadt gezogen. Kinder dürfen mitfahren.

1934, Uetersen feiert 700-jähriges Bestehen. Und das taufrische Ewermodell „Emanuel“, gerade im benachbarten Moorrege gebaut, wird durch die Straßen der Stadt gezogen. Kinder dürfen mitfahren.

Foto: HA

Das Moorreger Ewermodell „Emanuel“ wurde restauriert und ist nun wieder in Hamburg zu sehen. Es entstand für Uetersens 700-Jahr-Feier.

Uetersen/Moorrege. Der hölzerne Rumpf ist überarbeitet, die Segel sind neu. Zwei Jahre haben die Arbeiten gedauert. Nun glänzt das kleine Schiff hinter Glas im Museumshafen Oevelgönne am Hamburger Elbufer wieder wie in seinen ersten Tagen, als es im Kreis Pinneberg vom Stapel lief. Wenn vom Stapel laufen hier überhaupt der richtige Begriff ist. Denn die „Emanuel“, ist kein Ewer, sondern das verkleinerte Modell so eines Frachtenseglers. 86 Jahre alt. Ein Stück Moorreger und Uetersener Geschichte mitten in der Hansestadt.

Warum gibt es dieses Modell eines Elbewers überhaupt, das nie das Wasser berührt hat? Zur 700-Jahr-Feier der Rosenstadt Uetersen im Jahr 1934 wurde das Modell in Auftrag gegeben. Die Uetersener Schiffergilde Emanuel – daher auch der Name des Schiffsmodells – hatte es bei der Werft J. Jacobs in Moorrege, die nach dem Schiffbauer Johann Hinrich Jacobs benannt war, anfertigen lassen. In dieser Werft wurden zu der Zeit Hunderte von kleinen und mittelgroßen Frachtewern aus Holz und später auch aus Stahl gebaut, die für den Warenverkehr auf der Niederelbe und die Versorgung der Hansestadt Hamburg eingesetzt wurden. „Die Ewer konnten ihre Masten legen und so bis in die Innenstadt Hamburgs fahren“, sagt Heino Schlichting, der seit circa zwei Jahren Vorsitzender des Vereins Museumshafen Oevelgönne ist. Bis zu 30 Tonnen Fracht habe so ein Ewer damals laden können.

Es war üblich, Schiffsmodelle für Feierlichkeiten zu bauen

Der Warentransport mit Frachtewern habe damals eine vergleichbar große Bedeutung gehabt wie heute der mittels Lastkraftwagen, so Schlichting weiter. Deshalb sei es nicht ungewöhnlich gewesen, dass Modellschiffe wie die „Emanuel“ extra für Feierlichkeiten und Feste wie das Jahrhundertjubiläum Uetersens hergestellt wurden. Allerdings würde das Schaumodell nicht auf dem Wasser schwimmen können, berichtet der 74 Jahre alte Ehrenamtliche. Es sei nur dafür gebaut worden, um betrachtet, bewundert und zur Schau gestellt zu werden.

Die „Emanuel“ basiert aber auf keinem Frachtschiff, das tatsächlich existiert hat. Es steht symbolisch für die typischen Frachtewer, die über Jahrhunderte auf dem Wasser unterwegs waren, und wurde im Maßstab eins zu zweieinhalb angefertigt. „Es ist ein fiktives Schiff – ein Mix aus allen“, sagt Schlichtling. Trotzdem ist die „Emanuel“ ein detailgenauen Nachbau eines typischen Frachtewers. Zum Stadtjubiläum wurde das Modellschiff auf einem blumengeschmückten, von Pferden gezogenen Tiefwagen durch Uetersen befördert. Kinder durften auf dem Schiff auch Platz nehmen. Der Holzewer wurden danach noch zu weiteren Anlässen hervorgeholt und in der Öffentlichkeit präsentiert. Zum Beispiel auf dem Rosen-Festwagen der Schiffergilde beim Schützenfest 1955.

Danach ging das Modell vorerst aus den Augen verloren, bis es Ende der 70er-Jahre von Joachim Kaiser in einer Scheune wiedergefunden wurde. Daraufhin wurde es restauriert und in Hamburg „als Stück heimatlicher Kulturgeschichte“ ausgestellt.

Seit 1981 steht die „Emanuel“ im Hamburger Museumshafen Oevelgönne am Fähranleger Neumühlen in einer Glasvitrine. Durch die permanente Sonneneinstrahlung in fast 40 Jahre geriet das Modellschiff allerdings in einen Zustand, der eine Restaurierung erforderlich machte. Über die letzten zwei Jahre wurden dem Modell neue Segel verpasst, die von zwei Hamburger Traditionsunternehmen spendiert und zusammengenäht wurden.

Von der Firma Toplicht Schiffsausrüstung wurde das Material zur Verfügung gestellt und von der Clownsails Segelmacherei nach historischen Vorlagen zusammengenäht. Segelmachmeister Julius Raithel von Clownsails sagt dazu: „Mit diesem außergewöhnlichen Projekt konnten wir unseren Auszubildenden die Möglichkeit geben, traditionelle Handarbeiten als Basis unseres heute modernen Segelmacherhandwerks zu erlenen.“

Im Museumshafen Oevelgönne sind noch weitere Schiffe zu finden, die damals die Werft von J. Jacobs in Moorrege verlassen habe. Eines davon ist der volleiserne Frachtewer „Elfriede“, der im Jahr 1904 fertiggestellt wurde – und der kein Modell ist, sondern bis zum heutigen Tag immer mal wieder auf dem Wasser unterwegs ist – natürlich als Museumsschiff. Mit einer Länge von 14,75 Meter ist er mehr als doppelt so groß wie die „Emanuel“.