Pinneberg

Wie Corona dem letzten Kürschner auf den Pelz rückt

Kürschnermeister Geert Krusch in seiner Boutique für Pelz- und Lederwaren in der Pinneberger Fußgängerzone.

Kürschnermeister Geert Krusch in seiner Boutique für Pelz- und Lederwaren in der Pinneberger Fußgängerzone.

Foto: Simon Krohn, hsp

Zuerst Lockdown, dann der heiße Sommer: Geert Krusch aus Pinneberg macht sich große Sorgen um die Zukunft seines 70 Jahre alten Familienbetriebs.

Pinneberg.  Es ist ein traditionsreiches Handwerk. Eines, das es seit einigen Jahren immer schwerer hat. Eines, für das es in diesem Jahr ganz haarig werden könnte: „80 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahr“, stellt Geert Krusch nüchtern fest. Er steht in der Pelzboutique in der Dingstätte 33, die er führt, und blickt sorgenvoll in die Zukunft. Hat der letzte Kürschnermeister weit und breit noch eine Perspektive? Geert Krusch weiß es selbst noch nicht so genau.

Die Woche im Frühjahr, in denen er den Laden wie alle anderen Einzelhändler schließen musste, schmerzen immer noch. Keine neuen Änderungsaufträge. Nichts verkauft. Mit Soforthilfe des Staats konnte er nur für wenige Monate seine Unkosten decken. „Ich hoffe, dass wir nicht zumachen müssen“, sagt Krusch. „Diese Entscheidung werde ich am Ende des Jahres treffen.“ Seine Prognose: „Wenn sich innerhalb der nächsten Monate die Situation nicht verbessert oder wenn eine zweite Corona-Welle kommt, war es das für mich.“ Fast 70 Jahre Familientradition gingen dann zu Ende.

Krusch ist einer von nur noch ganz wenigen Kürschnermeistern in ganz Schleswig-Holstein. Der Zentralverband des Kürschnerhandwerks betreut aktuell noch 80 Mitgliedsbetriebe in ganz Deutschland. Vor zehn Jahren seien es noch 120 bis 130 gewesen, sagt ein Sprecher auf Anfrage.

„Meine letzte Auszubildende hatte ich 2000. Sie wurde sogar Bundessiegerin beim Bundeswettkampf der Kürschnerjugend“, berichtet er. Aber es gebe niemanden, der sein Geschäft irgendwann übernehmen wolle. Die Nachfrage nach echtem Pelz sinkt.

Der Kürschnermeister bedient ein breites Publikum: „Junge Frauen beispielsweise, die einen Pelzmantel von ihrer Oma oder Großtante geerbt haben und die es schade finden, ihn wegzuschmeißen. Aber auch Kunden im mittleren Alter, die sich einen Mantel kaufen wollen und leisten können.“

Der Zentralverband meint gar, ein Comeback des Pelzes erkennen zu können, von der umweltbewussten Nachwuchsgeneration in ihren 20ern ist die Rede. Denn Pelz komme meist aus der Region, werde dort verarbeitet und verkauft, halte mehrere Jahrzehnte und könne nach Belieben umgearbeitet werden.

Geert Krusch sagt hingegen: „Die Kunden sind zurzeit nicht motiviert.“ Zuerst der Lockdown, gleich danach ein Traumsommer, das waren nicht die besten Bedingungen. „Im Sommer legt sich niemand einen neuen Pelz zu.“ Der Kürschnermeister hofft, dass es im Winter mal wieder richtig schneien möge.

So hält sich der 59-Jährige mit Reparaturen und Änderungen über Wasser. Zu Stoßzeiten, wenn es kälter wird und Weihnachten bevorsteht, entstünden für diese Arbeiten teils mehrwöchige Wartezeiten. Geert Krusch macht alles in Handarbeit. Lediglich für die Reinigung der Ware komme einmal in der Woche jemand vorbei.

Beim Zentralverband des Kürschnerhandwerks berichtet ein Sprecher, dass die Arbeit der Kürschner sich heutzutage zu gleichen Teilen aus Umänderungs- und Reparaturarbeiten und der Neuanfertigung von Pelz- und Lederprodukten zusammensetze. Der Verkauf neuer Ware habe vor einiger Zeit noch einen etwas größeren Teil des Geschäfts ausgemacht. Jedoch habe sich das Arbeitsfeld mit der Zeit ausgeglichen. Die Menschen würden umweltbewusster denken und mehr auf die Qualität als auf die Quantität achten, wenn sie sich etwas zulegen.

Das Familiengeschäft der Kruschs hat seine Wurzeln in den 50er-Jahren in Berlin. Gertrud Krusch, Pelztier-Zucht-Meisterin und im Übrigen Geert Kruschs Mutter, meldete am 10. September 1953 ein Gewerbe zur Nerzzucht und Vermarktung der daraus gewonnenen Produkte an.

Bis zum Umzug nach Hamburg, nach der Sturmflut 1962, gewann Gertrud Krusch diverse Preise für züchterische Erfolge. Der Umzug sollte eine Übergangslösung darstellen, da die Versorgung der Zuchttiere in Berlin durch den Mauerbau nicht mehr gesichert werden konnte. Ein Jahr später folgte der Baubeginn für eine neue Farm in Schenefeld. Die Eröffnung des ersten Ladens in Schenefeld ließ noch bis 1970 auf sich warten. Dort wurden zuerst nur Hüte, Schals und auch Krawatten aus Pelz verkauft.

Zeitgleich zu der Einstellung des Farmbetriebs 1974 vergrößerte sich der Laden und weitere Pelzkonfektionen kamen zum Sortiment hinzu. Den benötigten Echtpelz und das Echtleder bekam die Familie seitdem aus dem Großhandel. Das Geschäft boomte. Nur zwei Jahre später eröffnet der neue Hauptbetrieb in Pinneberg in der Dingstätte 33. Der Kürschnereibetrieb hatte auch eine Werkstatt im hinteren Bereich des Geschäfts. Im selben Jahr begann Geert Krusch seine Lehre im Handwerk.

Bedingt durch einen Todesfall in der Familie schloss der Schenefelder Betrieb 1978 seine Türen. 1984 bestand Geert Krusch als jüngster Kürschnermeister seiner Zeit die Prüfung zum Kürschnermeister. Damals war er gerade 23 Jahre alt. Ein Jahr später übernahm er ein Geschäft in Elmshorn, das bis 2008 zum Familienbetrieb dazugehören sollte, dann aber wegen Personalmangels schließen musste.

Seit zwölf Jahren ist er nun von montags bis sonnabends nur noch in Pinneberg anzutreffen, wo seine Pelzkonfektionen als Maßanfertigung oder von der Stange zu haben sind. Die Preise bewegen sich im Schnitt in einen Spanne von 1000 Euro bis 6000 Euro.