Kreis Pinneberg

Profi aus Wedel genießt tolle Tour-Erfahrung

Die 14. Etappe war eine der Sternstunden der diesjährigen Tour für den Radprofi Lennart Kämna aus Wedel. Die Zuschauer trieben ihn bei einem Alleingang nach vorn.

Die 14. Etappe war eine der Sternstunden der diesjährigen Tour für den Radprofi Lennart Kämna aus Wedel. Die Zuschauer trieben ihn bei einem Alleingang nach vorn.

Foto: LAURENT CIPRIANI / dpa

Der im Kreis Pinneberg geborene Radfahrer Lennard Kämna ist die Entdeckung der Frankreichrundfahrt. Er wird schon mit Jan Ullrich verglichen.

Wedel. In der Kabine des französischen Fernsehens wird es ganz laut. Als dieser junge Norddeutsche mit der markant-weißen Sonnenbrille in die Pedale tritt, steigt die Spannung, und selbst Stars des Radsportzirkels wie Julian Alaphilippe sind in höchster Alarmbereitschaft. Lennard Kämna, 24, in Wedel geboren, hat sich bei der diesjährigen Tour de France längst einen Namen gemacht. Auch wenn das Happy End, ein Etappensieg beim schwierigsten und renommiertesten Radrennen der Welt, noch auf sich warten lässt. Zweiter ist er in diesem Jahr aber schon geworden, sein größter Erfolg bisher.

Deshalb strahlt das Gesicht des gerade erst 24 Jahre alt gewordenen Riesentalents auch. „Ich bin super zufrieden, dass es wieder läuft. Das ist ein Top-Zeichen für diese Woche. Es kommen noch ein paar Etappen. Ich hoffe, dass ich noch eine gewinnen kann“, sagt Kämna.

Erst am Freitag fuhr er beim famosen Bergsprint am Puy Mary als Zweiter hauchdünn an seinem ersten Tagessieg bei der Tour vorbei, dann war er auf der Etappe nach Lyon kurz vor dem Ziel plötzlich wieder ganz vorne. „Das war echt geil. Da waren so viele Zuschauer auf den letzten drei Kurven“, erzählt Kämna begeistert. Angefeuert von den enthusiasmierten Menschenmassen am Cote de la Croix-Rousse raste der Mann aus dem Kreis Pinneberg rund zehn Sekunden vor der Meute durch Lyon. Doch es reichte nicht, noch nicht.

Aber Kämnas Zeit wird kommen. Da sind sich die Experten einig. Der Youngster – ein Mann der Generation Egan Bernal – gilt als Versprechen für die Zukunft, als möglicher Sieganwärter von Morgen. Er bringt alles mit für eine große Rundfahrer-Karriere. Schon als Teenager war das abzusehen.

2014 wurde er Zeitfahr-Weltmeister bei den Junioren, ein Jahr später Dritter in der U23-Klasse. Dabei ließ er teils deutlich ältere Top-Talente hinter sich. Kämna ist aber nicht nur im Kampf gegen die Uhr hochbegabt. Trotz seiner norddeutschen, eher Flachland erprobten Wurzeln ist er ein exzellenter Kletterer mit einem Gardemaß von 1,81 Metern bei nur 65 Kilogramm Körpergewicht. Zudem habe er „einen großen Motor“, schwärmt Teamchef Ralph Denk, der Kämna vom Rennstall Sunweb zum Bora-hansgrohe Team gelotst hatte.

Es scheint, als wenn Kämna jetzt erst richtig aufdreht. Jetzt, da die Rivalen nach inzwischen mehr als 2000 Kilometern durch Frankreich allmählich nachlassen. Das war schon im vergangenen Jahr so, als er auf zwei schweren Bergetappen die Plätze vier und sechs belegte. Kämna regeneriert offenbar schnell – eine Eigenschaft, die aus einem guten Radfahrer einen sehr guten Spitzen-Rundfahrer machen kann.

Nicht wenige sind der Meinung, dass der Hip-Hop-Liebhaber aus Wedel Qualitätsmerkmale mit sich bringt, die in Deutschland schnell zu Vergleichen mit Jan Ullrich führen. Und Kämna kennt die Rufe nach einem neuen deutschen Tour-Sieger, schon früh wurde er mit ihnen konfrontiert.

Ebenso kennt er bereits das Gefühl einer großen Krise. Vor zwei Jahren nämlich konnte Kämna kaum Radfahren. Aus gesundheitlichen Gründen legte er mitten in der Saison eine mehrmonatige Rennpause ein. „Ich bin von einer Krankheit zur nächsten gelaufen. Ich habe mich dann selbst verheizt und war mental erschöpft.“ Er brauchte eine Pause, mit gerade 22 Jahren.

In diesem Jahr sind die Leistungen umso beachtlicher, zumal er zu Beginn der Tour dreimal gestürzt und sein Körper in den „Notmodus“ gegangen war. Eine Woche lang ging gar nichts. Kämna wurde abgehängt und demoralisiert. Eine Erfahrung, die er auf seinem Entwicklungsprozess mitnimmt. „Jetzt ist die Form wieder da. Ich kann den Körper wieder ausbelasten“, sagt er.

So wie bei der Dauphiné-Rundfahrt. Nachdem sein Kapitän bei der Tour-Generalprobe aufgeben musste, bekam Kämna freie Fahrt. Dabei fuhr er den Stars der Branche davon und gewann im Alleingang in Megève. Sein erster großer Profisieg, weitere sollen folgen. Am besten bei der Tour de France. Bei Bora-hansgrohe wollen sie Kämna jedenfalls langsam an die Spitze führen.

Der in Wedel geborene und in Bremen lebende Radprofi gibt dabei auch sonst eine gute Figur ab. Eloquent, bodenständig und redegewandt tritt er auf. Pflegt auch eine klare Meinung. Und auch wenn er mit seinen Eltern früh aus dem Kreis Pinneberg weggezogen war, habe er noch freundschaftliche Kontakte nach Wedel. Alles in allem sei er „der Region weiterhin eng verbunden“.