Kreis Pinneberg

Wegen Corona: Sorge um den Lesezirkel Krumbeck

Günther und Regine Hildebrand aus Ellerbek sortieren die neuesten Zeitschriftenlieferungen.

Günther und Regine Hildebrand aus Ellerbek sortieren die neuesten Zeitschriftenlieferungen.

Foto: Mareike Müller, hsp

Angst vor Corona trifft die traditionsreiche Branche hart – zu Unrecht, meinen Regine und Günther Hildebrands aus Ellerbek.

Ellerbek.  Die Wand mit den hölzernen Regalfächern im Erdgeschoss reicht bis zur Decke. Darin: Papier, Unmengen von Papier. Zeitschriften, sortiert, gestapelt, von der alten Verpackungsmaschine ummantelt, für die Auslieferung kommissioniert. Hier schlägt das Herz des Lesezirkels Krumbeck in Ellerbek. Mehr als 150 verschiedene Titel liegen in den Regalen bereit, die Kunden können sich daraus eine individuelle Mappe zusammenstellen lassen. Und das zum halben Wert des Verkaufspreises. Es ist ein traditionelles, ein altmodisches Geschäftsmodell. Und eines, das dieser Tage etwas kränkelt. Die Corona-Krise macht auch vor der Zeitschriftenvermietung nicht halt.

Ob beim Friseur, beim Arzt oder bei der Fußpflege – überall, wo Wartezeiten entstehen, hat ein Lesezirkel seine Kunden. Doch Friseure, Ärzte und Fußpfleger sind gerade äußerst zurückhaltend, wenn es darum geht, Zeitschriften auszulegen. Und das, obwohl es nach Einschätzung mehrerer Einrichtungen der öffentlichen Gesundheitspflege, darunter auch das Robert-Koch-Institut, unbedenklich sei.

Nur noch rund 60 selbstständige Lesezirkel gibt es bundesweit, getroffen hat die Krise jeden einzelnen. Im April lagen die Einbrüche laut dem Verband deutscher Lesezirkel bei bis zu 50 Prozent. Vor allem die zwangsweise Schließung der Friseure sei dafür verantwortlich gewesen. Bis heute fehlen den deutschen Lesezirkeln im Durchschnitt 15 bis 20 Prozent ihrer Einnahmen. Eine Entwicklung, die höchst bedenklich ist für eine Branche, in der sich in den letzten zehn Jahren die Zahl der Betriebe ohnehin schon halbiert hat.

Auch Regine Hildebrand ist das Virus in die Quere gekommen. Sie ist Geschäftsführerin des Lesezirkel Krumbeck. Seit April 1901 verleiht der Familienbetrieb Magazine und Zeitschriften und ist damit nach eigenen Angaben der zweitälteste Lesezirkel Deutschlands. Einst von Detlef Christopher Georg Krumbeck und seinem Freund Karl Klems in Altona gegründet, liegt der Betrieb heute in den Händen der Nachkommen von Detlef Krumbeck. Trotz großen Konkurrenzkampfes zur Zeit der Gründung des Zirkels schaffte er es, im Laufe der Jahrzehnte ein dynamisches Wachstum zu erzielen. Nach dem Ersten Weltkrieg weitete der Familienbetrieb sein Liefergebiet auf ganz Schleswig-Holstein aus und beliefert bis heute Jung und Alt von Hamburg bis nach Nordfriesland mit Lese.

Hildebrands Sohn Peer ist schon die fünfte Generation, die im Lesezirkel mitarbeitet. Beide Weltkriege überlebte der Betrieb, doch nun macht sich die Geschäftsführerin Sorgen: „In 121 Jahren Geschichte des Lesezirkels haben wir so einen Einbruch noch nie erlebt“. In den letzten Monaten musste sie zusehen, wie 35 Prozent ihrer Kunden gingen. Vor allem gewerbliche Abonnenten hätten gekündigt oder ihre Anlieferung bis zum Ende der Corona-Pandemie eingestellt. Im März sei die Zahl der Abnehmer der Magazine durch den Lockdown besonders drastisch eingebrochen, erzählt ihr Ehemann Günther Hildebrand. Er war FDP-Landtagsabgeordneter und ist heute Bürgermeister im Dorf. Zusammen mit ihm leitet sie den Familienbetrieb.

Die Menschen haben Angst, sich zu infizieren

Am 22. April kam dann das Verbot des Auslegens von Zeitschriften durch die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege. Kurz darauf wurde es jedoch revidiert, die Hildebrands schöpften Hoffnung, wieder mehr Kunden zu gewinnen. Doch ihre Zuversicht wurde enttäuscht: „Die Menschen haben Angst, sich über unsere Zeitschriften zu infizieren“, sagt Günther Hildebrand. Er habe Verständnis für diese Sorge, verweist aber auf das eher geringe Risiko einer sogenannten Schmierinfektion: „Da müsste man schon direkt in die Zeitschrift niesen.“ Tatsächlich bestätigt dies auch das Robert-Koch-Institut. In dem Schreiben „Infektionsprävention in der Zahnheilkunde - Anforderungen an die Hygiene“ heißt es im Absatz 11.4: „Das Auslegen von Zeitschriften und Aufstellen von Pflanzen ist hygienisch unbedenklich.“

Die Lage ist nicht einfach für den Lesezirkel Krumbeck, umso mehr freuen sich die Hildebrands über ihre zahlreichen Abnehmer, die nicht aus dem Gewerbe stammen: „Wir sind sehr dankbar für unsere privaten Kunden, die uns im Moment über Wasser halten“. Als Dankeschön bekommen diese zurzeit einen kleinen Brownie bei der Lieferung der Zeitschriften geschenkt. Ein kleiner Trost in der schwierigen Zeit. Doch ein Ende der Umsatzeinbuße scheint vorerst nicht in Sicht. „Das ist eine Kopfsache“ sagt Günther Hildebrand. „Solange die Auflagen so streng sind, bleibt die Angst vor einer Infektion“. Auch Regine Hildebrand wünscht sich Lockerungen der Auflagen, damit die Kunden wieder mehr Vertrauen in die Lesezirkel gewinnen. „Vor der Insolvenz müssen wir im Moment keine Angst haben, trotzdem bereiten mir die Zahlen Kummer“ sagt die 69-Jährige.

Wann die Lesezirkel in Deutschland wieder mehr Umsatz erzielen werden, ist derzeit ungewiss. Das liege letztlich auch daran, wie viele Abonnements nach der Krise wieder aktiviert werden können, heißt es seitens des Branchenverbands.