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„Virus-Spiel“ – das neue Corona-Mobbing an Schulen

Eine Schülerin sitzt traurig auf einem Treppenabsatz (Symbolbild).

Eine Schülerin sitzt traurig auf einem Treppenabsatz (Symbolbild).

Foto: Silvia Marks / picture alliance / dpa-tmn

Experten schlagen Alarm: Nach der schulfreien Zeit erreichen Kämpfe um Macht und Ansehen unter Schülern ungekannte Dimensionen.

Pinneberg.  Die monatelang Corona-bedingt andauernden Schulschließungen haben das Klima in den Schulen des Kreises Pinneberg nachhaltig gestört. Nicht nur, dass es den Kindern offenbar schwerfällt, nach der langen Zeit zu Hause wieder das Lernen zu lernen. Das Ausgrenzen und Mobben anderer Schüler habe jetzt nach Schulbeginn Anfang August stark zugenommen, klagen die Experten der freien Träger der schulischen Gewaltprävention.

„Wir sind mit unseren Anti-Gewalt-Projekten an den Schulen bis März nächsten Jahres ausgebucht“, sagt Tobias Annen vom Verein für Jugendhilfe und Soziales, der die Schulen von Quickborn bis Pinneberg im Süden des Kreises betreut. Was Henrike Spangenberg von der Awo bestätigt, die die Eltern, Lehrer und Schüler der Schulen von Uetersen bis Wedel berät. „Wir erwarten auch nicht, dass sich daran so schnell etwas ändert.“

"Virus-Spiel“: Schüler werden ausgegrenzt

Beliebtes Ausgrenzungsspiel auf den Schulhöfen sei zurzeit – die Schüler sind ja immer auf der Höhe der Zeit - „das Virus-Spiel“, erklärt die Awo-Sozialpädagogin. „Das habe ich selbst live erlebt.“ Schüler würden durch Gerüchte, sie hätten sich angesteckt, oder weil sie Schnupfen oder Husten hätten, von ihren Mitschülern systematisch ausgegrenzt. „Geh weg! Fass mich nicht an! Komm mir nicht zu nahe!“, müssten sich aktuelle Mobbing-Opfer da anhören. Sie würden beleidigt und könnten sich nicht wehren.

Die lange Zeit ohne Schule habe zudem dazu geführt, dass sich das Sortieren in den Klassen, die Spiele um Macht und Ansehen, Hahnenkämpfe um Hierarchie und Einfluss, jetzt praktisch auf alle Jahrgänge verteile, erklärt Jugendarbeiter Annen. „Sonst waren davon meist nur die fünften und siebten Klassen betroffen“, sagt er, wenn die ehemaligen Grundschüler in völlig neue Klassen gewürfelt werden oder die ersten Fremdsprachen die Klassen neu aufteilen.

„In der neunten Klasse hat sich das meist beruhigt, weil die Schüler sich in ihren Rollen, in ihrem Standing gefunden haben und selbstbewusster geworden sind.“ Nun sei das alles plötzlich anders. „Jetzt werden wir auch in die neunten Klassen gerufen, weil die Schüler es verlernt haben, miteinander umzugehen.“

Schüler erlebten Lockdown völlig unterschiedlich

Hinzu komme, dass die Schüler den langen Lockdown völlig unterschiedlich erlebt haben. Manche erfuhren unmittelbar, wie ihre Eltern mit Existenzangst wegen Arbeitslosigkeit oder Insolvenz zu kämpfen hatten, mussten mit beengten Wohnverhältnissen klarkommen, Streit und Stress der Eltern ertragen, erklärt Silvia Stolze vom Fachdienst Jugend in der Kreisverwaltung.

In anderen Familien wiederum sei dieses erzwungene wochenlange Eingesperrtsein gut verkraftet worden, weil die Eltern mehr Zeit mit ihren Kindern verbrachten und sich um sie kümmerten und sie ihre Freunde treffen oder zumindest digital mit ihnen kommunizieren konnten, zeigt Henrike Spangenberg die Bandbreite der Erfahrungen auf. „Das reicht von Kindern, die zu Hause gut betreut wurden und ihre Freundschaften in der Corona-Krise festigen konnten, bis hin zu jenen, die dies nicht erlebt haben, wo zu Hause nicht viel lief und die auch keine technischen Hilfsmittel hatten.“

Berater fordern einen „Aufstand der Anständigen“

Da habe sich bei einigen Schülern regelrecht Frust aufgestaut, sagt Annen. „Das ploppt jetzt in den Schulen auf, als ob dort eine Art Reset-Taste gedrückt worden wäre.“ Diese neuen Konfliktherde, die die Schüler jetzt in die Schulen trügen, träfen dort auf die neuen Hygiene- und Verhaltensregeln, die diesen Nerv und Ärger noch weiter verschärften. „Das ist jetzt ein ganz anderer Unterricht als vorher“, hat Dirk Jacobsen vom Verein Wendepunkt beobachtet, der die Schulen im Norden von Elmshorn bis Barmstedt in der Gewaltprävention betreut. „Schüler und Lehrer müssen sich auf die neue Situation erst einstellen. Alle sind sensibel. Da pufft es schnell über.“

Für Lehrer und Eltern komme es jetzt darauf an, die Kinder mit diesem Frust nicht allein zu lassen, geduldig zu sein, sie zu unterstützen, Konflikte zu vermeiden oder aufzulösen. Vor allem sollten Eltern an ihre Vorbildrolle denken, dass ihre Kinder das nachmachten, was sie ihnen bei dem Lösen von Konflikten vormachten, raten die Experten. Die Schüler dürften sich nicht allein gelassen fühlen, darum sei es so wichtig, dass Mitschüler ihnen zur Seite springen, wenn sie merken, dass jemand aus ihrer Klasse beleidigt, ausgegrenzt oder sonst wie zum Opfer gemacht werde.

Schulen dürfen Mobbing nicht dulden

„Ein ausgegrenztes Kind hat das Gefühl: ‚alle sind gegen mich‘“, was Hilflosigkeit erzeuge, erklärt Annen. „Da macht es schon viel aus, wenn einer aufsteht und das Opfer anspricht: Ich würde dir gern helfen.“ In den Rollenspielen, die die Präventionsträger bei ihren Anti-Gewalt-Projekttagen in den Schulen übten, würden die Schüler diese Erfahrungen und Gefühle gut nachempfinden. Es helfe auch, sich in den anderen hineinzuversetzen, um zu erkennen, dass der eigene Standpunkt nicht immer der allein richtige ist. Spangenberg: „Jeder hat seine eigene Wahrnehmung.“

Die Schulen müssten zudem für ein positives Schulklima sorgen und in jeder Minute den „Anspruch haben, dass sie Mobbing und Ausgrenzen nicht dulden werden“, fordert Sozialpädagoge Annen „Haltung und Zivilcourage“ von allen Beteiligten. Das könne auch gut in einer Klasse funktionieren, wenn sich 22 Kinder einig seien und den beiden Mobbing-Anführern klar signalisierten, dass ihr ausgrenzendes und beleidigendes Verhalten keine Chance bei ihnen hat. Ein solcher „Aufstand der Anständigen“ könnte schon jedes Mobbing im Keim ersticken.