Kreis Pinneberg

Warum Wedeler Schüler jetzt hungern müssen

Aus und vorbei: Kirstin und Alexander Dibietz, die ehemaligen Betreiber der Mensa der Wedeler Ernst-Barlach-Schule, müssen aufhören.

Aus und vorbei: Kirstin und Alexander Dibietz, die ehemaligen Betreiber der Mensa der Wedeler Ernst-Barlach-Schule, müssen aufhören.

Foto: Maike Schade

Die Corona-Krise hat den Mensabetreiber an der Ernst-Barlach-Gemeinschaftsschule ruiniert. Was Eltern kritisieren.

Wedel.  Dienstagmittag war Schluss: Die Mensa der Wedeler Ernst-Barlach-Gemeinschaftsschule (EBG) im Tinsdaler Weg ist bis auf Weiteres dicht. Die Schulschließung sowie der sehr eingeschränkte Betrieb seit den Sommerferien aufgrund der Corona-Pandemie haben den bisherigen Betreibern, dem Ehepaar Kirstin und Alexander Dibietz, finanziell das Genick gebrochen, sie müssen aufgeben. Für die rund 500 Schüler gibt es somit derzeit weder Snacks noch Mittagessen – obwohl das in einer gebundenen Ganztagsschule Pflicht ist.

Seit einem halben Jahr weiß die Stadt nach Aussage der Eheleute Dibietz, dass der Mensa das Aus drohte. Dennoch gibt es bislang kein tragfähiges Nachfolgekonzept. „Für uns Eltern ist das nicht akzeptabel“, sagt der Schulelternbeiratsvorsitzende Nihad Zorlak. Mit knurrendem Magen lasse sich schlecht lernen, und was noch viel schlimmer ist: Für Kinder aus sozial schwachen Familien sei das Mittagessen in der Schule manchmal die einzige vernünftige warme Mahlzeit am Tag. „Es gibt Kinder, die sonst mit BuT-Gutschein (Bildungs- und Teilhabepaket, Anm. d. Red.) kostenlos essen konnten“, bestätigt der Leiter der Mensa-Gruppe des Schulelternbeirats, Olaf Breitkreuz. „Zwischenzeitlich bekamen die wenigstens ein Lunchpaket. Jetzt bekommen sie gar nichts mehr.“ Die Stadt habe monatelang Zeit gehabt, sich ein Konzept zu überlegen. Aussagen bei verschiedenen Treffen hierzu „waren aber sehr schwammig und zurückhaltend“.

Schulleiter sieht Politik in der Pflicht

„Die Politik ist gefordert“, sagt Schulleiter Stephan Krumme. „Es muss ein Nachfolgekonzept erstellt werden, das langfristig angelegt ist und auch eventuelle weitere Schließungen zum Beispiel aufgrund eines Lockdowns überstehen kann. Ein selbstständiger Zwei-Personen-Betrieb kann so etwas nicht leisten.“ Als mögliche Lösung sieht er beispielsweise die Gründung eines gemeinnützigen Vereins, der keine Gewinne erzielen müsse beziehungsweise dürfe, oder einer GmbH seitens der Stadt. Auch ein größerer Caterer, der mehrere Standbeine hat und so Ausfälle besser abfedern könnte, wäre für Krumme eine denkbare Variante.

Die Stadt, so Pressesprecher Sven Kamin, führe bereits Gespräche mit potenziellen neuen Betreibern. Inzwischen hätten mehrere Anbieter Interesse an der Übernahme des Mensabetriebes bekundet, was das „Anschieben eines Interessenbekundungsverfahrens“, also eine Art kleine Ausschreibung, notwendig mache. Das, so Kamin weiter, „wird auch aus Sicht der Stadt leider zu einer gewissen Verzögerung der Wiederaufnahme der Essensverteilung führen“. Zwar sei der Stadt grundsätzlich bekannt gewesen, dass die Corona-Pandemie private Mensabetreiber vor große Herausforderungen stelle, „eine derart abrupte Einstellung des Mensabetriebes an der EBG war nach den letzten Gesprächen mit dem dort wirtschaftenden Unternehmen jedoch nicht absehbar“.

Stadt will nicht mit Steuergeld einspringen

Das sieht Kirstin Dibietz ganz anders. „Wir haben der Stadt am ersten Tag der Corona-Maßnahmen gesagt, dass wir das nicht überleben werden, wenn wir keine Hilfe bekommen. Das war Mitte März. Seitdem waren wir immer wieder in Kontakt, jedoch erfolglos. Es ist völlig klar, dass wir keinen rechtlichen Anspruch auf Hilfe haben. Ich bin trotzdem persönlich sehr enttäuscht, dass es überhaupt keine Unterstützung gab.“ Sie hätten diverse Lösungen vorgeschlagen wie die Gründung eines eigenen Vereins oder die Anstellung durch die Stadt. „Aber die wurden alle abgelehnt, und eigene Lösungsvorschläge vonseiten der Stadt kamen nicht.“

Jetzt wünscht sich Kirsten Dibietz nur noch, dass die Stadt den Eltern die insgesamt 2300 Euro zurückerstattet, die diese in Vorkasse für die Verköstigung ihrer Kinder bezahlt haben. „Wir würden das so gern zurückzahlen, aber wir können es derzeit einfach nicht.“ Hierzu Stadtsprecher Kamin: „Wenn die Stadt hier einspringt, würde sie mit Steuergeld die Schulden eines privaten Unternehmens übernehmen. Das ist aus Sicht der Stadt rechtlich nicht zulässig. Die Stadt Wedel sieht aber auch, dass hier eine finanzielle Schädigung der betroffenen Eltern stattgefunden hat. Ob und wie diese Schädigung allerdings durch die öffentlichen Gelder der Stadt reguliert werden kann, muss zeitnah ausgelotet werden.“

Auch andere Schulen haben Probleme

Die EBG ist nicht die einzige Schule, die aufgrund der Corona-Maßnahmen Schwierigkeiten hat, die Schüler zu versorgen. An der Gebrüder-Humboldt-Schule am Rosengarten – hier wird die Mensa von einem Verein betrieben – läuft derzeit ein eingeschränkter Betrieb. Am Johann-Rist-Gymnasium gibt es derzeit überhaupt keine Mensa. Dort konnte allerdings eine Lösung gefunden werden, so Daniel Frigoni von elbmenschen, dem Mensa-Betreiber: „Am 21. September öffnen wir wieder im Snackbetrieb, nach den Herbstferien wollen wir dann wieder im Normalbetrieb weitermachen.“ „Normalbetrieb“ sei dabei selbstverständlich der falsche Ausdruck – die Abstands- und Hygieneregeln erfordern laut Frigoni ein ausgeklügeltes System, damit sich die Schüler der einzelnen Kohorten beim Essenholen, Anstehen, Abräumen und Verlassen des Mensaraumes nicht zu nahe kommen.

Ein eingeschränkter Mensabetrieb, wie ihn das Ehepaar Dibietz seit der Rückkehr zum Präsenzunterricht versucht hat, kam für elbmenschen nicht infrage, sagt Frigoni: „Wir nutzen die riesige Produktionsküche nicht nur, um täglich frisches Schulessen zu kochen, sondern auch gewerblich für unseren Cateringservice.“ Da Hochzeiten oder Firmenfeiern aber seit März nicht oder kaum stattfanden, musste er sein Personal in Kurzarbeit schicken. „Hätte ich meinen gut bezahlten Küchenchef nur wegen des Schulessens zurückholen müssen, wären wir innerhalb von drei Monaten pleite gewesen.“ Könnte elbmenschen nicht in der EBG einspringen und Mittagessen liefern? „Kurzfristig: sehr schwierig. Nein.“

Pinneberg ist einen anderen Weg gegangen

Vielleicht wäre eine vorübergehende komplette Schließung auch für die Dibietz‘ die bessere Lösung gewesen. Das sagt Kirstin Dibietz selbst. Stattdessen haben sie gehofft, gehofft, weitergemacht, vor allem, um die Kinder nicht im Stich zu lassen. „Die beiden kannten jedes Kind beim Namen, da war wirklich Herzblut drin“, sagt Elternvertreter Olaf Breitkreuz. Dass die endgültige Schließung für sie ungeheuer schwer war, ist dem Ehepaar anzusehen – und das nicht nur, weil sie jetzt ohne Plan B vor dem finanziellen Ruin stehen. „Wir haben diesen Job geliebt, wir wollten bis zur Rente hierbleiben“, sagt Alexander Dibietz.

Wer verfolgen möchte, wie das Thema weitergeht: Es wird am heutigen Mittwoch (19 Uhr, Ratssaal) in der Sitzung des Ausschusses für Bildung, Kultur und Sport behandelt. Erstmals.

In Pinneberg stand eine ähnliche Situation bevor. Doch die Stadt hat an den betroffenen Mensatreff der Johann-Comenius-Schule in Thesdorf eine außerordentliche Zahlung von 25.000 Euro geleistet – eine Entscheidung der Bürgermeisterin Urte Steinberg, die die Ratsversammlung nur noch zur Kenntnis nehmen konnte. Der Mensatreff hätte andernfalls die Fortzahlung der Löhne und die Begleichung von Verbindlichkeiten nicht mehr leisten können, sagt Stadtsprecherin Maren Uschkurat.