Geschäftsaufgabe

Es war einmal in Wedel ein kleiner Lebensmittelladen...

Die Familie unter sich: Thea (90, v. l.), Donald (65) und Angela Kleinwort schließen ihren Laden 108 Jahre nach der Eröffnung.

Die Familie unter sich: Thea (90, v. l.), Donald (65) und Angela Kleinwort schließen ihren Laden 108 Jahre nach der Eröffnung.

Foto: Maike Schade

Nach 108 Jahren schließt der Feinkosthandel Kleinwort am 30. September. Was den Wedelern verloren geht – und warum.

Wedel.  Die untersten Regalböden sind schon leer, Konserven, Klopapier und Naschkram sind sorgsam auf den oberen Brettern aufgestellt. Was an Lockdown-Zeiten erinnert, ist aber keineswegs der Pandemie geschuldet: Der Feinkosthandel Kleinwort an der Ecke Mozartstraße/Hafenstraße in Wedel schließt zum 30. September. Schluss, aus, vorbei. Nach drei Generationen und 108 Jahren.

„Wir müssen nicht schließen, sondern wir wollen“, betont Angela Kleinwort. Die 57-Jährige ist quasi schon seit Kindertagen in dem Lebensmittelgeschäft zu Hause – ihr Großonkel Arthur Möller hat den Laden im Jahr 1912 gegründet. Damals hieß er noch „Coloniale Fettwaren“. Klingt nicht lecker, meinte aber, dass es hier eigentlich alles gab. Vor allem eben auch „Fettwaren“, also Milchprodukte wie Butter oder Käse.

Die gibt es natürlich heute noch, dazu alles andere, was im Alltag noch benötigt wird sowie leckere, hausgemachte Spezialitäten wie Eiersalat oder Roastbeef. Und noch mehr: Ein guter Schnack gehört beim Einkauf dazu. Man kennt sich ja, und das schon lange: „Wir haben zum Beispiel eine Kundin, die ist 95, die hat schon als Kind hier eingekauft und kommt immer noch einmal die Woche vorbei“, erzählt Donald Kleinwort, Ladeninhaber. Tatsächlich: „Hallo, Angela!“, „Wie geht es?“, „Hast du schon gehört …?“ Hier wird geduzt, man kennt einander, plaudert und erzählt. Der Laden ist gut frequentiert, und zwar von allen Altersklassen.

Geschäft schreibt immer noch schwarze Zahlen

Die Entscheidung, den Laden zu schließen, sei ihm nicht leichtgefallen, sagt Donald Kleinwort. „Aber es musste sein“, sagt er. Er selbst ist nun 65 – Zeit, etwas kürzerzutreten. „Ich hätte gern noch ein paar Jahre weitergemacht, in reduziertem Umfang, zur Übergabe. Aber es gibt einfach kein Personal. Das ist schon seit Jahren ein Problem, und es wird immer schwieriger.“ Wer am Einzelhandel Freude finde, der gehe zu den großen Anbietern, werde Filial- oder zumindest Abteilungsleiter. Einen kleinen Laden in Wedel führen? Nö. „Ich hatte zum Beispiel einen tollen Auszubildenden, der ist danach auch noch zwei, drei Jahre geblieben. Vor zwei Jahren habe ich ihm angeboten, den Laden zu übernehmen. Er hat nur gesagt: Dann müsste ich ja so viel arbeiten wie du.“

Kleinwort zuckt mit den Schultern. Denn der Alltag im Feinkostladen ist hart. „Der Wecker geht um vier, es müssen Brötchen gebacken und geschmiert werden.“ Schon seit dem Zweiten Weltkrieg beliefert Feinkost Kleinwort Firmen und Unternehmen mit Häppchen oder Präsentkörben – ein wichtiges Standbein, ohne das die Konkurrenz durch die Discounter und Supermärkte erdrückend gewesen wäre. „Wenn morgens um zehn jemand anruft und sagt, er brauche mittags noch 100 belegte Brötchen, dann machen wir das natürlich, überhaupt kein Problem, wir können ja selbst backen.“ Ein Service, der seinesgleichen sucht – und viel Kraft kostet.

Abladen der Ware ist beschwerlich geworden

Genau wie beispielsweise das Abladen angelieferter Ware. „Früher habe ich zwei, drei Tonnen Waren, die per Lkw kamen, in zwei Stunden abgeladen, das hat mir überhaupt nichts ausgemacht“, sagt Kleinwort. Mittlerweile fällt ihm das nicht mehr ganz so leicht. Auch wenn er optisch topfit und deutlich jünger wirkt. Es sind viele solcher Mosaiksteinchen, die trotz schwarzer Zahlen in Summe zur Entscheidung geführt haben, den Laden zu schließen. Zum Beispiel, dass aufgrund neuer Regularien jetzt eigentlich eine neue Kassenanlage angeschafft werden müsste. Oder die Tatsache, dass die aktuelle Kasse vor einigen Monaten gehackt wurde. Kleinwort: „Ich kam an keine Daten mehr ran. Es gab keine Erpressung, aber ein IT-Unternehmen musste die Daten entschlüsseln, alle konnten aber nicht wiederhergestellt werden. Und es hat natürlich Geld gekostet.“ Die Kühltruhen wurden über Nacht ausgeräumt, auch das in diesem Jahr.

Mal zwei Wochen Urlaub machen? Ging nie, kein Personal. Deshalb freut sich Donald Kleinwort nun auf den 30. September, wenn er den Laden zum letzten Mal schließen wird. Einerseits. Andererseits blutet auch das Herz. Nicht nur bei ihm, auch bei seiner Frau Angela, bei der langjährigen Mitarbeiterin Andrea Drews, die nach mehr als 30 Jahren quasi zur Familie gehört, und vor allem auch bei seiner Mutter, Thea Kleinwort. Sie ist mittlerweile 90 Jahre alt – und auch ihr sieht man ihr Alter nicht an. Als 15-Jährige hat sie 1945 die Lehre im Laden ihres Onkels begonnen, und erst 70 Jahre später, mit 85, hängte sie den Verkaufskittel endgültig an den Haken. Ihr Motto: „Der Beruf des Kaufmanns, wenn man ihn mit Lust und Engagement betreibt, ist so wahnsinnig interessant. Der Umgang mit Menschen, Waren zu kaufen und zu verkaufen, immer neue Kenntnisse und Erkenntnisse zu erlangen, das hält den Geist und Körper ständig auf Trab.“ So steht es auf der Rückseite ihrer Lebenserinnerungen „Mein LEBENsmittelladen“.

Handschriftliche Aufzeichnungen als Buch herausgegeben

Handschriftlich hat sie sie aufgezeichnet, ihre Nichte hat sie als Buch drucken lassen. Von ihrer Kindheit ist da beispielsweise die Rede, von der Zerstörung, als eine Bombe 1943 das Haus mitsamt Laden in Schutt und Asche legte – „wir waren im Keller und fühlten uns sicher“, sagt Thea Kleinwort, noch immer fassungslos, „aber dann rollte das Ding herein“. Ihre Mutter musste die damals 13-Jährige unter einer schweren Stahltür hervorziehen – woher sie die Kraft nahm, weiß sie selbst nicht. Der Laden wanderte vorübergehend ins Haus gegenüber.

Doch die meisten Erinnerungen sind schöne. Zum Beispiel an das „Kistensitzen“, bei dem die Kleinworts abends mit Kunden noch auf Getränkekästen im Hof saßen – mit den Männern, während die Frauen gemütlich im Laden einkauften. Sogar der Käsehändler, der die neue Ware brachte, saß oft noch bis neun, halb zehn Uhr abends mit dabei. Konnte auch gut sein, dass Oma Elke noch vorbeischaute, „die kam grundsätzlich nach Feierabend“, sagt Donald Kleinwort und lacht. „Ich krieg’ schon was“, habe Oma Elke ihren Sohn angefahren, als der sie auf die späte Stunde hinwies. „Sie klopfte dann hinten bei uns an der Tür, und natürlich durfte sie dann noch einkaufen.“ Oder die andere ältere Nachbarin! Thea Kleinwort zwinkert verschwörerisch und macht die Geste des Trinkens. „Die kam immer sonntagmorgens zu uns nach Hause, knallte eine leere Flasche auf den Küchentisch und verlangte eine neue Buddel Petroleum“ – eine Flasche Wermut für 98 Pfennige.

Früher gaben sich Prominente die Klinke in die Hand

Viele, viele solcher Geschichten könnten die Kleinworts erzählen, von Nachbarn, Kunden und Freunden, was hier alles dasselbe ist. Von all den Promis, die auf dem Weg zum Yachthafen sonnabends regelmäßig bei ihnen vorbeischauten: Hans-Joachim Kulenkampff, Schauspieler vom Ohnsorg Theater, Senator Kern oder auch Stuntman Armin Dahl. „Der brauchte irgendwann mal dringend Wäscheklammern, weil er sich an irgendeinem Flugzeug festmachen wollte oder so….“, erinnert sich Thea Kleinwort kopfschüttelnd. Die Klammern hat er im kleinen Supermarkt selbstverständlich auch bekommen.

All dies geht nun zu Ende. Langeweile befürchtet Donald Kleinwort dennoch nicht – allein im und am Haus gebe es genug zu tun, sagt er. Den Laden hat er bereits wieder vermietet: Ein Bootsmotorenservice wird einziehen. Seine Mutter wird gewiss auch weiterhin für die ganze Truppe Mittagessen kochen, wie sie das seit jeher tat. Und seine Frau Angela? Die möchte noch ein paar Jahre weiterarbeiten. Eine Stelle hat sie bereits gefunden: bei Feinkost Ahrend in Blankenese. „Ich habe mir die ganzen großen Supermärkte hier in Wedel angeschaut, aber das ist wirklich nichts für mich“, sagt sie. Dagegen hat das Gefühl im kleinen, aber feinen Laden in Blankenese sofort gestimmt. Von dort wird sie dann auch Aufschnitt und andere Lebensmittel mitbringen, der Rest wird selbstverständlich vor Ort in Wedel besorgt. „Wir wollen die Händler hier unterstützen“, fügt Donald Kleinwort hinzu, „vor allem die kleinen Lebensmittelhändler.“ Er hält inne. Plötzlich ein ratloser Blick.