Kreis Pinneberg

Prozess: Autounfall oder versuchter Mord?

Der Prozess findet im Landgericht Itzehoe statt.

Der Prozess findet im Landgericht Itzehoe statt.

Foto: Bodo Marks / dpa

Ein Mann steht vor Gericht, weil er sein Auto in den Gegenverkehr lenkte – nach Überzeugung der Staatsanwältin mit Absicht.

Itzehoe/Hemdingen.  Es ist der 20. Oktober 2018, ein Sonnabendmorgen gegen neun, als Mario B. (27) und Uwe E. (66) einander treffen. Genauer gesagt ihre Autos, ein Nissan Micra und ein Citroën Berlingo. Auf der Barmstedter Straße zwischen Hemdingen und Barmstedt krachen der Kleinwagen und der Hochdachkombi zusammen, seitlich zwar nur, aber ungebremst. Beide Fahrzeuge kommen abseits der Fahrbahn zum stehen, beide Fahrer erleiden Prellungen und Abschürfungen, Uwe B. zusätzlich noch Rippenbrüche.

Die juristische Aufarbeitung dieses Aufeinandertreffens beginnt knapp zwei Jahre später. Dienstagmorgen, Landgericht Itzehoe, Saal 11. Nissan-Fahrer Mario B. sitzt auf der Anklagebank. Und es geht um viel für den ehemaligen Stadtwerke-Mitarbeiter. Trunkenheitsfahrt oder Suizidversuch, das ist jetzt die Frage. Unfall oder versuchter Mord. Staatsanwältin Maxi Wantzen geht von Letzterem aus. Von „versuchtem Mord durch Herbeiführung eines Unglücksfalls“.

Angeklagter hatte die ganze Nacht gefeiert

Am jenem Sonnabendmorgen im Herbst 2018 hat der Angeklagte einen Blutalkoholgehalt von 1,17 Promille. Seinen Worten zufolge das Ergebnis „einer langen Nacht“. Am Abend vor dem Zusammenstoß ist er nach eigener Aussage mit Bekannten in Elmshorn feiern. Das Trio aus Mario B., Eike M. und Philip K. beginnt gegen 21 Uhr mit dem Trinken.

Von Philip K.s Wohnung aus geht es zuerst in die JuliBar und später in das Hye Class, wo sie die ganze Nacht verbringen. Irgendwann zwischen 6.30 und 8 Uhr verlässt der Angeklagte das Etablissement und steigt unter Einfluss von „viel Alkohol“, wie er sagt, und „ein bis anderthalb Gramm Kokain“ in sein Auto, um nach Hause zu fahren. Bis nach Hemdingen sind es 15 Minuten. Warum er erst um 9 Uhr bei Hemdingen ankommt, kann er heute nicht mehr erklären.

Zeugin sieht Angeklagten in Schlangenlinien fahren

Er fährt auffällig, daran erinnert sich Zeugin Martina V. (49), die Mario B. am Morgen des Zusammenstoßes etwa anderthalb Kilometer vor der Unfallstelle in ihrem Auto entgegenkommt. Im Wechsel zwischen der Mittellinie und ihrer Spur sei er gefahren. Sie selbst muss bis zum Stillstand bremsen und den Entgegenkommenden durch Hupen auf sich aufmerksam machen. Mario B. weicht aus, fährt dann auf dem Bürgersteig neben der Fahrbahn weiter. „Ich habe mich gewundert, wie jemand am Sonnabendmorgen so besoffen sein kann“, sagt die Neuwagendisponentin.

Uwe E. ist der Nächste, der Mario B. ankommen sieht. Noch auf der richtigen Spur in einer langgezogenen Rechtskurve. Beim Abbiegen erwischt er aber die falsche Spur, nämlich die, auf der Uwe E. fährt, steuert direkt auf ihn zu – und dann kracht es auch schon. Zum Glück ist Uwe E. noch ausgewichen, sodass die Wagen nicht frontal aufeinandergeprallt sind. Die Verletzungen und der Sachschaden sind trotzdem immens.

Angeklagter hatte sich gerade von seiner Freundin getrennt

Eigentlich sollte Mario B. gar nicht erst losfahren an dem Morgen. Es war geplant, dass er bei seinem Bekannten Philip K. übernachtet. Allerdings hat er sich spontan aus unbekannten Gründen dagegen entschieden. „Das könnte mit der Trennung von seiner Freundin zusammenhängen“, sagt Philip K. vor Gericht aus. Der Angeklagte erzählt, dass sie sich zwei Monate vorher von ihm getrennt habe und sich in einer neuen, in einer lesbischen Beziehung befunden habe. Mario B. sagt, er habe die Trennung damals schon verarbeitet gehabt. Auch seine Freunde und Cousin Marvin B. sagen, sie hätten nicht den Eindruck gehabt, dass er noch Probleme wegen seiner Trennung hätte. Geschweige denn Selbstmordgedanken.

Woher kommt also der Vorwurf, dass Mario B. sich an diesem Sonnabendmorgen vor zwei Jahren eigentlich umbringen will? Die Antwort haben Philip K., Marvin B. und die Schwester des Angeklagten, Jennifer Nadja R., auf ihre Handys bekommen. Nach dem Zusammenstoß schickt Mario B. aus dem Krankenhaus an diese drei Personen Nachrichten, in denen er erklärt, er habe sich umbringen, aber niemanden dabei verletzen wollen. Der Angeklagte selbst sagt dazu heute, dass das nicht ernst gemeint gewesen sei und er froh darüber sei, dass niemand ernsthaft zu Schaden gekommen sei.

Polizei wertete das Mobiltelefon aus

Kriminalkommissar Felix K. erklärt, wie die Polizei das Handy des Angeklagten ausgewertet hat. Er bestätigt, dass Mario B. nur seiner Schwester, seinem Cousin und besten Freund von dem versuchten Suizid erzählt habe. Anderen Person, die sich bei dem Angeklagten gemeldet hätten, habe Mario B. nur berichtet, dass ein Autounfall passiert sei.

Allerdings gibt der Angeklagte vor Gericht zu, in der Vergangenheit schon ein Mal damit gedroht zu haben, sich umzubringen. Dies sei in Verbindung mit einem Beziehungsende geschehen und sollte einzig und allein die Absicht verfolgen, das Mädchen zurückzugewinnen. Tatsächlich kamen die beiden auch wieder zusammen. Ob aus Mitleid oder Liebe, das wisse er nicht. Er selbst könne sich an das Verfassen der Suizidnachrichten nach dem Unfall nicht mehr erinnern und vermutet, dass sie wieder eben diesen Zweck erfüllen sollten.

Der Prozess wird fortgesetzt. Am Freitag oder Montag soll auch die Ex-Freundin aussagen.