Kreis Pinneberg

Die Frau, die Rellingen zum Kulturort machte

Marianne Stock (85) ist seit 45 Jahren in der Rellinger Kommunalpolitik aktiv.

Marianne Stock (85) ist seit 45 Jahren in der Rellinger Kommunalpolitik aktiv.

Foto: Katja Engler

1975 war Marianne Stock (85) noch die einzige Kommunalpolitikerin in Rellingen. Ein Blick zurück auf 45 Jahre Engagement.

Rellingen.  Als Marianne Stock noch klein war, kannte sie nur selten ein stilles Zuhause. Meist war da Musik, immer waren die Musen irgendwo zugegen. Ihr Vater, Geiger und Dirigent, befasste sich ständig mit Musik und den schönen Künsten, und selbst aus dem Krieg, wo er als Soldat bis nach Russland musste und noch im Kriegsorchester spielte, schickte er seiner Familie schöne, präzise Zeichnungen, die noch heute in ihrer Egenbütteler Wohnung hängen. Diese Zeit, bevor der Vater 1943 fiel, hat Marianne Stock (85) in schönster Erinnerung. Die Freude, die Musik und Kunst ihr damals geschenkt haben, hat ihren Lebensweg wesentlich beeinflusst. So wäre auch Rellingen ein anderer Ort, würde sie sich dort nicht seit 45 Jahren in der Kommunalpolitik engagieren und dafür, dass Justus Frantz 1987 mit seinem blutjungen Festival kommen konnte. Heute ist sie Vorsitzende des Ausschusses für Senioren, Soziales und Kultur.

Vergangene Woche hat sie maßgeblich daran mitgewirkt, dass der beliebte Kunsthandwerkermarkt jetzt trotz Corona stattfinden kann. Wie letzte Woche das Jazzkonzert. Endlich wieder Kultur!

Kauffrau, Mutter, mitarbeitende Ehefrau

1974 war sie gefragt worden, ob sie nicht im Gemeinderat mitarbeiten wolle. 1975 ging’s los: Acht Jahre lang war Marianne Stock dann die einzige Frau in einer Männerriege. Als gelernte Kauffrau, Mutter zweier Töchter und im Geschäft ihres Mannes mitarbeitende Ehefrau hatte sie beileibe schon vorher genug zu tun. Aber sie wollte mehr, denn „es macht mir Freude, etwas zu erreichen“. Das Feld, auf dem sie sich mit Erfolg erprobte, wurde die Politik, die Arbeit innerhalb der Rellinger CDU.

„Unsereins interessiert sich für alles“, sagt sie mehrmals, denn sie war in den Jahrzehnten ehrenamtlicher politischer Arbeit, für die sie 1994 die Freiherr-vom-Stein-Medaille bekam, auch in vielen weiteren Ausschüssen aktiv. Was wird wo gebaut? Welche Straße muss erneuert oder erweitert werden? Wo fließt welches Geld hin? All diese Dinge interessieren sie bis heute. Und während ihrer Jahre als Mitglied im Finanzausschuss konnte sie der Kultur, der erst sie in Rellingen überhaupt eine Bühne verschafft hatte, die nötige Finanzierung sichern. „Eine Ausstellung? Was soll das in Rellingen?“ Solche Fragen musste sie zu Beginn noch parieren. Aber sie wusste bald, wie sie den Wind zum Drehen brachte: „Ich habe mir von Anfang an Verbündete im Rathaus gesucht.“ Dass sie lange als einzige Frau agierte, machte ihr offenbar keine Probleme: „Mir wurde genauso zugehört, ich wurde genauso ernst genommen wie alle“, sagt sie.

Die Autofahrt mit Ida Ehre vergisst sie nie

Nach und nach gelang es Marianne Stock, Kulturschaffende nach Rellingen zu locken. Da sie schon als junges Mädchen im Schauspielhaus und Thalia Theater ständig die Stehplätze frequentiert hatte, wusste sie, wie hoch die Latte hing. Es sollten nicht x-beliebige Kulturschaffende sein, sondern berühmte Mimen. Und das gelang ihr. Noch heute erinnert sie sich, wie sie Ida Ehre, die Grande Dame der Hamburger Kammerspiele, aus ihrer Wohnung in der Hallerstraße abholte: „Wir haben uns so intensiv unterhalten – ich hätte mit ihr bis nach Flensburg fahren können!“ Ida Ehre also, Will Quadflieg, Friedrich Schütter, Rita Quadflieg. Große Namen hat die kluge Marianne Stock in den ersten Jahren nach Rellingen geholt, Namen, mit denen man sich schmücken konnte. Dass das nicht umsonst zu haben war, sahen die Gemeindeväter denn auch ein.

Dann störten sie die kahlen Wände im Rathaus, und sie begann, dafür Ausstellungen zu organisieren. Bis heute, wo die Corona-Pandemie dem bewährten Rhythmus ein vorläufiges Ende gesetzt hat, wie so vielen anderen kulturellen Aktivitäten. „Ich bin ein Mensch, der wenig Schlaf braucht“, sagt Marianne Stock. Deshalb hat es ihr auch nichts ausgemacht, stets selbst den Hörer in die Hand zu nehmen, Atelierbesuche zu organisieren, Musiker zu bezirzen oder Schriftsteller her zu holen. Mit dem langjährigen Leiter der Hamburger Musikhochschule, Hermann Rauhe, hatte sie die besten Kontakte, was Rellingen dann jene Operngalas bescherte, bei denen die jungen Sänger anfangs noch im Kostüm auftraten. „Das macht ja Freude! Und zwar auch den Menschen in Rellingen, gerade den älteren“, sagt sie dazu.

Sie stand in engem Kontakt mit Justus Frantz

34 Jahre ist es jetzt her, dass das Schleswig-Holstein Musik Festival gegründet wurde. Und schon ein Jahr später hat Marianne Stock gemeinsam mit dem damaligen Bürgervorsteher Albert Hatje den Plan geschmiedet, die Rellinger Barockkirche zum Festival-Ort zu machen. Stock wurde Mitglied im Festivalbeirat, hatte viel Kontakt mit Justus Frantz, und bis heute kümmert sie sich persönlich darum, dass die Musiker sich in Rellingen wohl- und willkommen fühlen. Auch Sponsoren gewinnt sie Jahr für Jahr unter persönlichem Einsatz.

Künstlerbetreuer zu finden sei gar nicht so einfach, aber zwei, drei kenne sie. Denn wer hinter der Bühne die Musiker umsorge, der bekomme das Konzert selbst leider nicht mit – ein Wermutstropfen.

Das Schicksal hat Marianne Stock dann noch eine zweite große Aufgabe gegeben: 20 Jahre lang kümmerte sie sich hingebungsvoll um ihren schwer behinderten Enkelsohn, der im vergangenen Jahr starb. Wie der Urgroßvater und die Großmutter liebte auch er die Musik. Und so bleibt ihr großer Wunsch, dass es, wenn sie sich zurückziehe, weitergehen möge mit der Kultur in Rellingen.