Kreis Pinneberg

Was der Zollkapitän mit dem „Playboy“-Fotografen erlebte

Zollkapitän Uwe Pleines (65) am Steuer des Zollschiffs „Reiher“.

Zollkapitän Uwe Pleines (65) am Steuer des Zollschiffs „Reiher“.

Foto: Carolin Bertsch hsp

Uwe Pleines aus Tornesch geht nach fast 50 Jahren in Pension. Ein besonders kurioses Ereignis wird er wohl niemals vergessen.

Tornesch/Hamburg.  Wind, Regen, Wellen, noch mehr Wind, noch mehr Regen, alles in Grautönen – bestes Hamburger Schietwetter. Irgendwie passend, um Uwe Pleines aus Tornesch kennenzulernen, der seit fast fünf Jahrzehnten Zollkapitän in Hamburg ist. Er kennt den Hafen, er kennt dieses Wetter nur zu gut. Sein Boot, das jetzt an der Überseebrücke vor Anker liegt, ist grün und klein. Ein Ersatzboot, denn das eigentliche Zollboot sei momentan in der Werft und werde gewartet, sagt Pleines. Er wird das große nicht mehr fahren. Am Montag geht der Zollkapitän von Bord.

Wind, Regen, Wellen. Inbesondere die Wellen schaukeln das Boot ordentlich durch. „Das ist normal“, sagt Pleines. Klar, für ihn, der seit Jahrzehnten beim Hamburger Zoll arbeitet, ist vieles normal. „Am 1. September 1972 habe ich angefangen“, sagt der kernige Beamte. Und am 31. August wird er aufhören, mit 65 Jahren, nach ziemlich genau 48 Jahren im Dienst.

Prognose: Wieder kein Eis im Winter

Dank neuer Bestimmungen hätte er noch länger bleiben können. „Aber bei dem Wetter“, seufzt er. „Hätte es noch mal Eis gegeben, ja dann…“ Er liebt es, wenn der Strom zufriert. Er kennt die Witterung gut genug, um zu ahnen, dass es im kommenden Winter wieder nichts wird mit dem Eis.

Also Südfrankreich. „Ich habe mir gerade ein Wohnmobil gekauft“, erzählt der Kapitän. Sobald es wieder geht, will er runterfahren mit seiner Frau Inga, die Leiterin der Volkshochschule Uetersen-Tornesch ist. Seit gut 30 Jahren wohnen beide in Tornesch. „Da wollte ich früher gar nicht hin“, gibt er lachend zu. Dann habe er mit seiner Frau aber ein Haus kaufen wollen, und in Tornesch seien beide fündig geworden. Zu seiner Arbeitsstelle fährt er jeden Morgen mit dem Auto, mit der Bahn sei es einfach zu umständlich.

Uwe Pleines würde gern Kaffee anbieten, aber eine Kaffeemaschine gibt es auf dem Ersatzboot nicht. Das ist sowieso ganz eigentümlich, nämlich grün. „Mittlerweile sind die Zollboote blau“, sagt der Kapitän. Auch eine Veränderung, die Pleines während seiner langen Laufbahn mitbekommen hat.

Eigentlich wollte er zur Polizei

Mit 16 will der heute 65-Jährige zur Polizei. „Unser Nachbar, der war auch Polizist, und da habe ich gedacht, das wäre doch ganz passend und spannend für mich.“ Seine Mutter ist damit aber nicht ganz einverstanden und hat eine andere Idee: Finanzamt, das sei ein sicherer Job, und man werde verbeamtet.

Pleines: „Nee, das ist irgendwie nicht so gut, das will ich dann auch nicht machen.“ Doch im Schulauer Hafen in seinem damaligen Wohnort Wedel liegt seinerzeit immer ein Zollboot, das findet er auch spannend. Und sein Großvater kennt den leitenden Maschinisten des Zollbootes, der ihm einen Werbeprospekt in die Hand drückt. Also bewirbt sich der Enkel, besteht den Aufnahmetest und darf anfangen.

Erste Station: die Brooksbrücke am Rande der Speicherstadt. Noch kann sich niemand vorstellen, dass es den Freihafen eines Tages nicht mehr geben wird. „Als ich dann mit zusammengestoppelter Dienstkleidung dastand und die Leute gefragt habe, was sie anzumelden hätten, das war einfach toll.“

Zuerst Hundeführer mit Cockerspaniel gewesen

Bis Pleines beim Wasserzoll landet, dauert es aber noch eine Weile. Erst nachdem er als Hundeführer mit einem Cockerspaniel nach Rauschgift gefahndet hat, bei der Bundeswehr eingezogen worden ist und dann bei einer Zollstation landet, die ihm gar nicht zusagt, macht er eine Umschulung. Nach drei Jahren Ausbildung kommt er zum Wasserzoll. Seit acht Jahren ist er Zollkapitän, ein Dienstgrad, auf den er stolz ist.

Er ist der Chef von zwölf Leuten, coronabedingt dürfen momentan aber immer nur Vierergruppen zusammen arbeiten. Trotzdem sollte man mit allen Kollegen klarkommen, denn wer beim Zoll arbeitet, muss sich auf seine Kollegen verlassen können, sagt Pleines. Gemeinsam mit seinen Kollegen ist er für den ganzen Hamburger Hafen zuständig.

Die Zöllner haben ein Gespür, welche Schiffe sie kontrollieren

Im Zollamt müssen sich die Schiffe anmelden, ein Infoteam bestimmt dann, welche Schiffe kontrolliert werden. Das Koordinationsteam teilt die Schiffe den Zollstationen zu. Pleines und sein Team bekommen so eine Liste, auf der zehn Schiffe vermerkt sind, die innerhalb der nächsten 24 Stunden kontrolliert werden müssen. Für jedes Schiff, das kontrolliert und durchsucht wird, brauchen Pleines und seine Leute je nach Größe 30 Minuten bis zu vier Stunden.

Warum einige Schiffe kontrolliert werden und andere nicht, entscheidet der Zoll aufgrund einiger Kleinigkeiten. „Wenn das Schiff aus Südamerika kommt, dann werden wir generell hellhöriger“, sagt Pleines. Aber auch Schiffe, deren Container nicht in Deutschland bleiben und zum Beispiel sofort weiter nach Polen verschifft werden, können den Zoll aufmerksam werden lassen.

Doch bis die Zollbeamten etwas finden, kann es dauern. „Das ist, wie die Stecknadel im Heuhaufen zu suchen“, sagt Pleines. Es komme mittlerweile immer seltener vor, dass die Zöllner wirklich etwas entdecken. Früher hätten sie außerdem noch ganz andere Dinge gefunden als jetzt. „Da waren es hauptsächlich Zigaretten und Schnaps.“ Das sei unglaublich einfach gewesen, so der Zollkapitän.

„Wir sind auf das Schiff und haben uns umgeguckt: Hier ’ne Stange, da ’ne Stange, ach ja, guck mal, da ist auch noch was.“ Die Ware wurde entweder sofort beschlagnahmt, oder es musste ein Bußgeld bezahlt werden. Die letzen zehn Jahre seien solche Schmuggeleien aber immer weniger geworden, heutzutage handele es sich meistens um Rauschgift. „Früher war das lustiger, da haben wir dann auch mal kleine Tierchen gefunden oder Waffen oder so“, sagt Pleines.

Zwei Tote an einem Tag entdeckt

Als Zollkapitän erlebt man schon so einiges. Von brennenden Maschinenräumen über Arzneipflanzen aus Brasilien bis hin zu Anglern, die nicht angeln, sondern mit Matrosen Schmuggelware austauschen. Eine Geschichte ist bei Pleines aufgrund ihrer Kuriosität besonders hängengeblieben: „Da wollte der ,Playboy‘ kommen und eine Geschichte schreiben“. Zuerst waren Pleines und seine Mannschaft skeptisch, der Inhalt des „Playboys“ passt ja nicht unbedingt zu den Zollbeamten.

Trotzdem sei ein Fotograf gekommen und bei der Kontrolle von zwei Bananenschleppern dabeigewesen. „Wir also da rauf, alles angeguckt, und plötzlich hieß es: Stopp, da ist was!“ Und dann habe da ein Toter gelegen, ganz oben zwischen Decke und Bananenkisten. „Ein Schwarzer, so auf dem Bauch.“ Beim zweiten Bananenschlepper genau das Gleiche. „Und wir hatten dem Fotografen noch gesagt, heute würde überhaupt nichts passieren“, sagt er.

Der Playboy-Fotograf wurde kurzerhand zum Tatortfotografen ernannt und sei ganz aus dem Häuschen gewesen. Pleines ist dieser Einsatz auch aufgrund seines Umfanges im Gedächtnis hängen geblieben: „Es war beeindruckend, was das für ein Aufwand war.“ Polizei, Rettungsdienst, Hubschrauber – so etwas bekommt selbst ein langjähriger Zollkapitän nicht alle Tage zu sehen.

Über all die Jahre hat Uwe Pleines die Arbeit beim Zoll gefallen. Vor allem dann, „wenn der Wind gegen den Strom bläst, dann gibt es tolle Wellen. Und wenn dann auf dem Boot die Tische umfallen und so… Das macht schon Spaß.“ Für ihn sei es genau die richtige Entscheidung gewesen. „Das ist Hobby, was bezahlt wird“, sagt der Zollkapitän und lacht. Am Montag geht er zufrieden vor Anker.