Kreis Pinneberg

Elmshorner Firma Autoliv entlässt 270 Mitarbeiter

Autoliv entwickelt und fertigt Sicherheitssysteme für Autos. Dabei spielte das Werk in Elmshorn bisher eine große Rolle.

Autoliv entwickelt und fertigt Sicherheitssysteme für Autos. Dabei spielte das Werk in Elmshorn bisher eine große Rolle.

Foto: Autoliv / picture-alliance / gms

Konzern will Produktion nach Ungarn verlegen. Teile der Produktentwicklung werden nach Rumänien verlagert.

Elmshorn.  Die Nachricht, die der Autoliv-Geschäftsführer Jens Eisfeld am Mittwoch der Belegschaft in Elmshorn überbrachte, sorgte für Entsetzen: Der Automobilzulieferer will bis 2023 die Produktion von Sicherheitsgurten in der Krückaustadt beenden und nach Ungarn verlegen, wo geringere Lohnkosten anfallen. 200 Beschäftigen kostet dies den Job. 70 Stellen in der Entwicklung sollen ebenfalls gestrichen werden, die Arbeit soll in Rumänien erledigt werden.

Der Betriebsratsvorsitzende Klaus Brüggemann hat gemeinsam mit dem IG- Metall-Geschäftsführer Kai Trulsson am Donnerstag die Pläne des amerikanisch-schwedischen Konzerns öffentlich gemacht. „Wir werden diese Entscheidung nicht widerspruchslos hinnehmen, diese Planung ist gegen die Betroffenen so auch nicht umsetzbar“, so der Gewerkschaftschef.

Betriebsrat Brüggemann beschreibt die Stimmung in der Belegschaft als eine Mischung aus „Wut, Trauer, Entsetzen und Enttäuschung“. Der überwiegende Teil der Mitarbeiter sei schon länger als 20 Jahre für das Unternehmen tätig und fühle sich von der Entscheidung der europäischen Geschäftsführung vor den Kopf gestoßen. „Wir haben immer wieder gehört, welchen guten Job wir hier in Elmshorn machen und dass wir einen wichtigen Faktor innerhalb des Konzerns darstellen.“ Jetzt einfach einen Schlussstrich zu ziehen und die Arbeit in ein Billiglohnland zu verlagern sei ein Zeichen von Profitgier.

"Autoliv will durch Verlagerung nach Osteuropa den Profit steigern"

Laut Betriebsratschef ist die Auftragslage gut. Die Kurzarbeit infolge der Corona-Krise, die zwischen März und Juni galt, sei zum 1. Juli beendet worden, weil mehr als genug zu tun sei. Brüggemann: „Nun zeigt sich, dass Autoliv diese Arbeitsplätze gar nicht in Deutschland erhalten, sondern durch die Verlagerung nach Osteuropa den Profit steigern will.“

Der Konzern entwickelt und produziert Sicherheitssysteme für alle großen Automobilhersteller – beispielsweise Airbags oder Sicherheitsgurte. Er beschäftigt 65.000 Mitarbeiter in 27 Ländern, hat in Deutschland in den vergangenen Jahren vier der sechs Werke geschlossen. Übrig geblieben sind ein Standort bei München sowie das Werk in Elmshorn, das aktuell über etwa 780 Vollzeitstellen verfügt. „Wir habe gerade einen Personalabbau hinter uns“, so Brüggemann. Würden die jetzt angekündigten Maßnahmen eintreten, müsste ein Drittel der Beschäftigten gehen. „Das wäre ein so schwerwiegender Einschnitt, hier wäre nichts mehr so, wie es war.“

In Elmshorn werden neuentwickelte Produkte hergestellt – aktuell etwa die Sicherheitsgurte für den Porsche Macan. Das zweite Standbein ist die Ersatzteilproduktion für Fahrzeuge, die schon länger nicht mehr hergestellt werden, sich jedoch noch in großer Stückzahl auf dem Markt befinden. Auch kommen Spezialanfertigungen wie etwa Gurte für Krankentransporte oder Gabelstapler aus Elmshorn. In der dortigen Entwicklungsabteilung werden neue Produkte konzipiert, erprobt und aufwendigen Testreihen unterzogen.

"Mit einer Kürzung in diesem Ausmaß haben wir nicht gerechnet"

Sollten in diesen Bereichen Arbeitsplätze wegfallen, würden noch etwa 300 Stellen in der Entwicklung sowie Mitarbeiter in Logistik, Vertrieb, Finanzbuchhaltung und Personalwesen übrig bleiben. Autoliv hatte bereits vor einem Monat ein weltweites Restrukturierungsprogramm angekündigt, das europaweit die Streichung von 500 Stellen vorsah. Begründet wurde dies mit einem starken Umsatzeinbruch und der fehlenden Aussicht auf Erholung des Automobilmarktes.

„Ich habe damit gerechnet, dass in Elmshorn vielleicht 30 bis 40 Stellen wegfallen würden“, so der Betriebsratschef. Er sagt weiter: „Mit einer Kürzung in diesem Ausmaß haben wir nicht gerechnet.“ Die betroffenen Mitarbeiter wohnten größtenteils in Elmshorn und Umgebung. Der Betriebrat will bis zuletzt um jeden Arbeitsplatz kämpfen. „Wir werden einen Sachverständigen hinzuziehen, um die Wirtschaftlichkeitsberechnung des Konzerns zu hinterfragen“, kündigt Brüggemann an. Der Arbeitgeber sei zudem verpflichtet, mit dem Betriebsrat über Alternativen zu beraten. „Wir sind weit davon entfernt, überstürzt in Sozialplanverhandlungen einzusteigen.“

Elmshorns Bürgermeister Volker Hatje gab an, über die Pläne nicht informiert worden zu sein. „Für die Mitarbeiter wäre das ganz bitter.“ Er gehe jedoch davon aus, dass viele schnell einen neuen Arbeitgeber finden werden. „Es handelt sich um qualifizierte Fachkräfte, die teilweise händeringend gesucht werden.“

Autoliv-Chef: Ein schwarzer Tag für Elmshorn

Autoliv-Deutschland-Chef Eisfeld spricht auf Abendblatt-Anfrage von „einem schwarzen Tag für Elmshorn“. „Das ist eine drastische Reduzierung.“ Der Konzern habe eine globale Entscheidung getroffen, wie er sich zukünftig aufstellen wolle. „Schon vor Corona war absehbar, dass die Umsätze zurückgehen werden. Corona ist als verstärkender Faktor hinzugekommen.“

Eisfeld bestätigte die von Gewerkschaft und Betriebsrat genannten Zahlen. Die Produktionsanlagen in Elmshorn würden Stück für Stück in das bestehende Werk in der Nähe von Sopron verlagert, Elmshorn werde ein wichtiger Entwicklungsstandort für Sicherheitsgurte bleiben. In Kürze sollten dazu die Verhandlungen mit dem Betriebsrat beginnen.