Pinneberg

Großfeuer zerstört Gebäude über Gebetsraum

Muslimische Gemeinde verliert ihr Domizil. Feuerwehr kann Pizzaservice retten. Polizei schließt Brandstiftung nicht aus.

Pinneberg. Es war gegen 23.30 Uhr am Montag, als Silke Petersen einen Anruf von ihrer Mutter bekam: „Mach die Fenster zu. Es brennt!“ Mutter und Tochter wohnen in dem Hochhaus an der Berliner Straße in Pinneberg. Direkt nebenan kämpften 56 Feuerwehrleute stundenlang gegen ein Großfeuer, das im hinteren Teil eines Geschäftshauses ausgebrochen war. Die Polizei schließt eine Brandstiftung nicht aus.

„Der Gebäudeteil war von Anfang an nicht mehr zu retten“, so Pinnebergs Wehrführer Claus Köster. Er spricht von einem „gewaltigen Feuer“ und sagt: „Die Flammen schlugen meterhoch aus dem Dach und den zerborstenen Fenstern.“ Um 23.21 Uhr hatte die Leitstelle in Elmshorn die Feuerwehr alarmiert, fünf Minuten später war Vize-Wehrführer Kai Halle als Erster vor Ort.

„Er hat gleich weitere Kräfte angefordert“, berichtet Köster. Wenig später seien dann alle verfügbaren Feuerwehrleute zum Brandort gerufen worden. „Wir konnten nicht in das Gebäude hinein, weil die Dachkonstruktion bereits beeinträchtigt war“, sagt der Wehrführer. Seine Kräfte hätten sich auf einen Außenangriff beschränkt und alles dafür getan, dass der vordere Bereich des 16 mal 45 Meter großen Gebäudes verschont bleibt. Einsatzende war um 4.52 Uhr. Köster: „Letztlich ist es uns gelungen, den vorderen Bereich zu schützen.“

Feuerwehr rettet Pizzaservice

Dort residiert seit zwei Monaten der Pizzadienst Call-a-Pizza. „Ich hatte gerade eine Tour gefahren“, berichtet am Dienstagvormittag ein Mitarbeiter. Und er sagt weiter: „Als ich zurückkam, sah ich Flammen aus den Fenstern kommen. Aber die Feuerwehr ist schnell angerückt. Wir haben zum Glück keinen Schaden erlitten.“ Beim Eintreffen der Feuerwehr sollen die Pizzabäcker noch bei der Arbeit gewesen sein, sie konnten alle unverletzt das Gebäude verlassen.

Im Keller war auf der vom Brand betroffenen Rückseite das Kulturzentrum der Ahmadiyya Muslim Jamaal Glaubensgemeinschaft untergebracht, das diese auch als Gebetsraum nutzte. Vorerst ist daran jetzt nicht zu denken: „Wir sind genauso überrascht wie Sie. Gott sei Dank wurde niemand verletzt“, sagt Saadat Ahmad von der muslimischen Glaubensgemeinschaft.

War es ein Anschlag?

Drohungen oder ähnliches habe es nicht gegeben, „ob es ein Anschlag war, ist uns nicht bekannt“, so Ahmad. Der Kellerraum wurde seit einigen Jahren zum Beten, Meditieren, zum Vortragen von Rezitationen, Gedichten, zur Vorbereitung von Wissens-Wettbewerben, aber auch für Frauentreffs und Henna-Feste genutzt. „Es war unser einziger Raum. Wir sind eine friedfertige Gemeinde. Jetzt haben wir gar nichts mehr und suchen eine vernünftige, bezahlbare Alternative.“

Was sich genau im Erdgeschoss des Flachbaues befunden hat, kann niemand der Befragten beantworten, auch Ahmad nicht. „Es waren Stellwände aufgebaut, dahinter haben, glaube ich, Handwerksarbeiten stattgefunden. Wir sind ja immer gleich in den Keller gegangen.“ Das bestätigen zwei Anwohner.

Der eine, ein älterer Herr, wohnt schon seit 50 Jahren vor Ort und wollte genauer wissen, was dort derzeit passiert: „Ich war vor zwei Tagen mal in dem Gebäude im Erdgeschoss. Da lagen überall Unrat, Paletten, Eimer, Ölkannen, Fässer, Flüssiggas.“ Er und sein Nachbar erzählen, dass es in der letzten Zeit öfters gebrannt habe: „Hier ist fix was los. Mal brannte Sperrmüll, mal ein Motorrad, mal ein Auto.“

Feuerwehr musste im Viertel schon mehrmals löschen

Feuerwehrchef Köster bestätigt auf Anfrage, dass die Wehr mehrfach in dem Bereich der Berliner sowie Köpenicker Straße im Einsatz war. „Die Örtlichkeit ist uns bekannt.“ Zuletzt habe es am 16. März gegen 0.40 Uhr an der Rückseite der ehemaligen Videothek gebrannt. Weitere Einsätze, die auf Brandstiftung schließen ließen, datieren aus dem März 2015 und dem Juni 2012.

„In jüngerer Vergangenheit ist es in diesem Bereich zu keinem Feuer gekommen“, sagt Polizeisprecher Kai Hädicke-Schories. Nach seinen Angaben war das jetzige Feuer gegen 23.20 Uhr von einem Zeugen gemeldet worden, der von einer starken Rauchentwicklung im Dachbereich gesprochen habe. Der vom Brand betroffene Bereich befinde sich derzeit im Umbau, dort sollten Ein-Zimmer-Wohnungen entstehen.

„Laut ersten Ermittlungen befand sich der Brandherd in dem Umbautrakt“, so der Polizeisprecher weiter. Dieser habe sich im Rohbauzustand befunden, elektrische Installationen seien noch nicht eingebaut gewesen. Hädicke-Schories: „Wir prüfen derzeit, ob das Feuer in dem Gebäude ausgebrochen ist oder von außen auf den Teil übergegriffen hat.“

Nur 80.000 Euro Schaden nach Großfeuer

Ermittelt wird laut Polizeisprecher „in alle Richtungen“, eine Brandstiftung sei jedoch nicht auszuschließen. Der Gebetsraum sei zum Zeitpunkt des Brandausbruchs geöffnet gewesen, es hätten sich dort jedoch keine Menschen befunden. Nach Abendblatt-Informationen stand beim Eintreffen der ersten Kräfte eine rückwärtige Tür des Gebäudes offen, möglicherweise handelte es sich dabei um den Zugang zum Kulturzentrum.

Wegen des baulichen Zustandes schätzt die Polizei den entstandenen Schaden lediglich auf 80.000 Euro. Die Kripo hat den Brandort beschlagnahmt. Am Dienstag erfolgte die Brandschau, auch ein Sachverständiger war dabei. Die Ermittler bitten Zeugen, die rund um den Brandausbruch etwas beobachtet haben, sich unter der Telefonnummer 04101/20 20 zu melden.