Kreis Pinneberg

Eine neue Strategie für Wedels Einzelhandel

Alexander Fröschke und Juliane Andresen, hier am Beginn unteren Ende der Bahnhofstraße, wollen den Einzelhandel stärken.

Alexander Fröschke und Juliane Andresen, hier am Beginn unteren Ende der Bahnhofstraße, wollen den Einzelhandel stärken.

Foto: Maike Schade

Geschäfte sollen mehr digitale Angebote machen, Gutscheinsystem geplant: Wedel Marketing und Kaufleute ziehen an einem Strang.

Wedel.  15 Uhr, Wedeler Bahnhofstraße: Eine warme Brise streicht um die Häuser, sehr angenehm nach der Hitze der vergangenen Tage. Vielleicht ist die Shoppingmeile deshalb so gut besucht. Mütter schieben mit vollgepackten Taschen ihre Kinderwagen, Jugendliche schlendern, Senioren sitzen auf den Bänken. Wedels Innenstadt wirkt lebendig – und durchaus attraktiv. Das sei sie auch, sagt Marc Cybulski, Vorstandsvorsitzender von Wedel Marketing. Noch. Denn auch den örtlichen Einzelhändlern und Gewerbetreibenden sitzt der Onlinehandel im Nacken.

Viele Fachgeschäfte mussten in den vergangenen Jahren aufgeben; in den Ladenlokalen sitzen nun Bäcker, Apotheken und Ein-Euro-Läden. 15 Gewerberäume in der Innenstadt stehen derzeit leer. Corona hat die Situation weiter verschärft, auch wenn Cybulski hofft, „glimpflich“ aus der Sache herauszukommen. Mit 197.000 Euro, die binnen kürzester Zeit in einen rasch eingerichteten Hilfsfonds eingingen, konnten 79 Unternehmen unterstützt werden. Dennoch: Insolvenzen sind nicht auszuschließen. Und doch hatte der Lockdown einen positiven Aspekt. „Plötzlich gingen Dinge, die vorher scheinbar unmöglich waren“, sagt Daniel Frigoni, Vorstandsvorsitzender der Gemeinschaft Wedeler Kaufleute. Bestellen per E-Mail. Aktuelle Angebote, die über die sozialen Medien angepriesen wurden. Kreative Werbevideos. Lieferservice. Kurzum: Digitalisierung. Und genau die steht im Fokus einer neuen Kooperation zwischen Wedel Marketing und den Kaufleuten. Noch sei es nicht zu spät für den stationären Handel, die digitalen Herausforderungen zu wuppen und auf den Zug aufzuspringen, meinen Cybulski und Frigoni.

Um das Projekt voranzutreiben, wurden nun zwei neue Teilzeitstellen geschaffen – finanziert ausschließlich von der Privatwirtschaft. Für drei Jahre stellen Stadtsparkasse Wedel, die Kaufleute, die Stadtwerke, Edeka Volker Klein, das Lüchau Bauzentrum und Wedel Marketing 60.000 Euro jährlich zur Verfügung. Zum Vergleich: Die Stadt Wedel investiert jährlich 90.000 Euro, um die Bereiche Tourismus, Kunst/Kultur und Eventmarketing zu unterstützen.

Für den stationären Handel, laut Cybulski die vierte Säule, die eine Stadt attraktiv macht, gab es keinerlei Zuschüsse. Ganz klar eine falsche Entscheidung, wie der Chef von Wedel Marketing meint: „Wenn wie im Ruhrpott ganze Straßenzeilen leer stehen, dann nützen auch die ganze Kunst und Kultur nichts. Das ist wie ein Vierzylinder, der nur auf drei Pötten läuft.“ Doch vonseiten der Stadt werde die Meinung vertreten, die Stärkung des stationären Handels sei Sache der Kaufleute. Logische Konsequenz: mit eben jenen zusammenzuarbeiten. „Mit der neuen Kooperation zwischen Wedel Marketing und den Kaufleuten wollen wir Kräfte bündeln, Synergien schaffen.“

Wie konkrete Maßnahmen zur Rettung des Einzelhandels in Wedel aussehen sollen, wollen die Verantwortlichen noch nicht verraten. Nur so viel: Es sei ein Gutscheinsystem geplant, um die Kaufkraft zu erhalten oder gar zu stärken – selbstverständlich digital, doch für jeden ganz einfach nutzbar. Das Vorhaben sei weit gediehen, „wir haben bereits Verträge unterzeichnet“, so Cybulski. Dennoch sei noch viel abzustimmen, Kaufleute müssten mit individuellen Konzepten überzeugt werden mitzumachen. Und genau das ist – unter anderem – die Aufgabe der beiden neuen Mitarbeiter Juliane Andresen und Alexander Fröschke. Letzterer ist bereits seit 1. August in der Geschäftsstelle von Wedel Marketing als Projektmanager eingestellt. Sein Spezialgebiet: Online-Marketing. Von 1. Oktober an bekommt Fröschke Unterstützung von Juliane Andresen, die die Projektleitung „stationärer Handel“ übernimmt. Sie ist Diplom-Kauffrau und war nach ihrem Studium seit 2008 als Projektmanagerin bei Unilever und der General Mills GmbH tätig.

Das Gutschein-Projekt wird nicht die einzige Aufgabe der beiden neuen Mitarbeiter sein. „Wir haben einen bunten Strauß an Ideen, wie wir die Kaufkraft in Wedel halten und den stationären Handel stärken könnten“, sagt Cybulski. Die Weiterentwicklung, Planung und Umsetzung einiger davon – oder auch ganz neuer Ansätze – obliegt fortan Andresen und Fröschke. Des Weiteren sollen sie Projekte und Maßnahmen erarbeiten, die die Kooperation zwischen Wedel Marketing und den Kaufleutenweiter intensivieren, die Kommunikation und Wahrnehmung der heimischen Wirtschaft und Kaufmannschaft bei politischen und städtischen Themen fördern und nicht zuletzt: wirtschaftliche Lösungen ersinnen, die zur Refinanzierung von Wedel Marketing beitragen. Nicht auf der To-do-Liste steht aber zunächst der Branchenmix. Cybulski: „Klar hätten wir gern wieder mehr Fachgeschäfte, aber die Frage ist, was machbar ist.“ Viele Immobilien in der Innenstadt gehörten Fonds-Gesellschaften, „und die vermieten an den, der am meisten zahlt, darauf haben wir keinerlei Einfluss“. Dieses Thema werde später angegangen. Tatsächlich scheinen die Wedeler Passanten kaum etwas zu vermissen. Ein neues Sportgeschäft, ein Elektronikfachhandel, mehr Auswahl in Sachen Kleidung – das wäre schon schön, sagen manche. Doch sie sind sich einige: Wedel ist attraktiv.

In der Bahnhofstraße ist es immer noch voll. Rebecca Schmidt aus Blankenese zum Beispiel kommt regelmäßig zum Shoppen in die Nachbarstadt. „Ich vermisse hier nichts“, sagt sie. Und ein älterer Herr aus Wedel, der namentlich nicht genannt werden will, sagt: „Ich fahre nur wegen Elektronikartikeln ins Elbe Einkaufszentrum. Ansonsten sind die Einkaufsmöglichkeiten hier gut.“