Bahnhof Pinneberg

Zug entgleist: Zwangsstopp in Pinneberg sorgt für Chaos

| Lesedauer: 6 Minuten
Arne Kolarczyk, Carolin Bertsch und Simon Krohn
Der Halt in Pinneberg war nicht geplant, doch diese vier Würzburger auf ihrem Weg nach Sylt sehen es gelassen.

Der Halt in Pinneberg war nicht geplant, doch diese vier Würzburger auf ihrem Weg nach Sylt sehen es gelassen.

Foto: Simon Krohn

Nachdem bei Halstenbek ein Bauzug entgleist ist, wird die Kreisstadt bis mindestens Mittwoch zum Nadelöhr im Regional- und Fernverkehr.

Pinneberg.  Dichtes Gedränge auf dem Bahnhof in Pinneberg. Wegen eines bei Halstenbek entgleisten Bauzuges müssen Reisende auf der Strecke zwischen Elmshorn und dem Hamburger Hauptbahnhof auf die S-Bahn ausweichen. Andere Züge fahren nicht. Das sorgt in Pinneberg vor allem an den Eingängen zur Gleisunterführung für Dauerstau.

Viele der Urlauber, die vorbildlich fast alle Masken tragen, wollen noch schnell die S3 zum Hauptbahnhof erreichen oder umgekehrt den Regionalzug Richtung Elmshorn. Einige stehen aber auch etwas ratlos an den Gleisen und fragen sich, wo – und ob – ihr Anschlusszug abfährt.

Schlechter Informationsservice am Bahnhof Pinneberg

Auch das Ehepaar Schreiber aus Hamburg ist auf dem Weg nach Husum in Pinneberg gestrandet. Etwas ratlos gucken beide auf ihren Zettel, den ein Servicemitarbeiter der Deutschen Bahn am Hauptbahnhof in Hamburg ausgehändigt hat. „Der Service hier ist unmöglich“, schimpft der Mann, am Hauptbahnhof sei es noch gegangen, aber in Pinneberg sei kein Personal zu sehen.

Ein weiterer Umstand, der die Orientierung schwierig macht: „Die Ansagen aus den Lautsprechern sind völlig unverständlich“. So geht es vielen, die einen Zwangsstopp in Pinneberg machen. Noch bis voraussichtlich Mittwoch wird die Strecke für Regionalbahnen und überregionale Züge nicht befahrbar sein.

Zwei Schienenkräne waren notwendig, um den entgleisten Bauzug in der Nacht zu Montag wieder auf das Gleis zu heben. Zuvor war seine tonnenschwere Ladung aufwendig mit Kränen umgeladen worden. Als der Bauzug am Montagmorgen schließlich weggeschleppt werden konnte, wurde das ganze Ausmaß des Schadens sichtbar. „Das Gleisbett ist auf einer Länge von 170 Metern beschädigt, auch zwei Weichen sind betroffen“, sagt Hanspeter Schwartz, Sprecher der Bundespolizei.

Bundespolizei sucht Unglücksstelle akribisch ab

Der Bauzug hatte Schienen geladen, die für eine Baustelle am Pinneberger Bahnhof benötigt wurden. Er war fast am Ziel, als es gegen 1.40 Uhr in der Nacht zu Sonntag zu dem Unglück kam. Die Unfallstelle lag nicht, wie am Sonntag von der Bundespolizei gemeldet, im Bereich Eidelstedt, sondern in Halstenbek, im Bereich der Straße Am Bahndamm. Dort laufen die Fern- und die S-Bahngleise direkt nebeneinander.

Lesen Sie auch:

„Der Unfall hat sich im Bereich einer Weiche ereignet“, so Schwartz. Die Lok sowie sechs der neun Waggons des Bauzuges hätten diesen Abschnitt passiert, ehe die letzten drei Waggons aus den Schienen sprangen. Dafür dürfte eine geänderte Stellung der Weiche verantwortlich sein. „Für uns stellt sich jetzt die Frage, ob ein menschliches oder ein technisches Versagen vorgelegen hat“, so der Bundespolizeisprecher weiter. Alles weitere müssten die Ermittlungen ergeben.

Den ganzen Sonntag über waren die Ermittler der Bundespolizei vor Ort, suchten die Unglücksstelle akribisch ab, maßen sie aus und fotografierten sie. Auch Experten der Eisenbahnuntersuchungsstelle waren vor Ort. Der Lokführer war unverletzt geblieben. Er hatte eine Schnellbremsung eingeleitet, als er auf das Malheur aufmerksam wurde. „Wir gehen davon aus, dass er sehr langsam fuhr, sonst wären die Waggons umgekippt“, erläutert Schwartz. So seien sie „nur“ aus den Gleisen gesprungen.

Der Schaden wird auf 100.000 Euro geschätzt

Durch die Entgleisung sind laut dem Bundespolizeisprecher Schäden in Höhe von mehreren 100.000 Euro entstanden. Schienen sind verbogen, Schwellen deformiert, zwei Weichen beschädigt. Am Montagvormittag ist bereits ein Großteil der beschädigten Teile abgebaut. „Wir warten jetzt auf die neuen Schienen“, so Schwartz. Sie müssen verlegt, Schwellen und Weichen neu gesetzt, neuer Schotter angefahren und mit einer Stopfmaschine aufgebracht werden, um die Tragfähigkeit der Strecke für die tonnenschweren Güterzüge sicherzustellen.

Laut einer Bahnsprecherin soll am Mittwochvormittag das Süd-Nord-Gleis wieder befahrbar sein. Das Gegengleis könnte bis Ende der Woche wieder zur Verfügung stehen. Bei dem zunächst eingleisigen Betrieb lassen sich laut der Sprecherin „Zugausfälle, Verspätungen und Einschränkungen“ nicht vermeiden.

Bis das Unglück wieder behoben ist, wird sich die Lage in Pinneberg nicht unbedingt verbessern. Schon am Sonntag beschwerte sich ein Reisender aus Hamburg darüber, dass die S3 trotz der vielen Reisenden, die auf die S-Bahn ausweichen mussten, unverändert nur im 20-Minuten-Takt fuhr. Das sei ein Armutszeugnis der Deutschen Bahn.

Mindestabstand kann auf Gleisen kaum eingehalten werden

Doch nicht alle Urlauber sehen die Streckensperrung als großes Problem. „Mein Gott, ist halt ein Unfall, das kann immer passieren.“, sagt Moritz Stricker, der mit seiner Freundin nach Föhr unterwegs ist. Ursprünglich sollten sie um 16 Uhr ankommen, „jetzt wird es eben 20 nach fünf.“ Sie sind mit dem Service der Bahn zufrieden. „Im Zug aus München haben sie uns gesagt, wie man fahren muss“.

Auch eine junge Reisegruppe aus Würzburg ist entspannt. Die Vier wollten nach Sylt. Über die DB-App haben sie herausgefunden, wie sie fahren müssen. „Wir sind jetzt in Altona umgestiegen“, die App habe ihre Vorschläge aber auch ein paar Mal geändert. Trotzdem sollen sie nur circa eine Stunde später auf Sylt ankommen als geplant.

Dann fährt auch schon der Regionalzug Richtung Elmshorn ein und erneut schiebt sich eine Menschenmenge aus Urlaubern auf die Gleise. Der Mindestabstand kann kaum gewahrt werden. Auch deswegen, meinen Reisende, sei es wichtig, dass der Verkehr schnell wieder normal läuft.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg