Kreis Pinneberg

Weltstar gibt ein Privatkonzert auf dem Balkon

Sabine Meyer und Ehemann Reiner Wehle musizieren am Freitagnachmittag auf dem Balkon der Elmshorner Wohnung von Gerda Wallrabenstein, die das Konzert im Radio gewonnen hat.

Sabine Meyer und Ehemann Reiner Wehle musizieren am Freitagnachmittag auf dem Balkon der Elmshorner Wohnung von Gerda Wallrabenstein, die das Konzert im Radio gewonnen hat.

Foto: Arne Kolarczyk

Solo-Klarinettistin Sabine Meyer und Ehemann Reiner Wehle überraschen Elmshornerin mit SHMF-Aktion „Glücksmomente“.

Elmshorn/Schenefeld. Als es am späten Freitagnachmittag bei Gerda Wallrabenstein in Elmshorn klingelte, stand prominenter Besuch vor der Tür. Sabine Meyer ist weltweit eine der renommiertesten Solo-Klarinettistinnen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Reiner Wehle, ebenfalls ein Meister auf dem Instrument, gab sie ein zehnminütiges Konzert auf dem Balkon der Elmshornerin, die sechs Freunde und Nachbarn dazu eingeladen hatte.

„Glücksmomente“ heißt die Aktion des Schleswig Holstein Musik Festivals (SHMF). Sechs Hausbesuche dieser Art werden über den Sommer in Schleswig-Holstein veranstaltet. Vier Tage vor dem Besuch hatte Gerda Wallrabenstein erfahren, dass sie eines der Privatkonzerte gewonnen hat. „Ich war total aufgeregt. So einem Weltstar so nah zu sein, dass ist schon ganz anders als im Konzert.“

Der 69-jährige Elmshornerin ist so etwas wie ein Stammgast des SHMF. Seit 14 Jahren besucht sie die Konzerte des Festivals – und beschränkt sich nicht auf einige wenige. „Ich hatte für dieses Jahr Karten für 15 Konzerte gekauft, aber alle wurden ja abgesagt.“ Um so glücklicher war Gerda Wallrabenstein, dass die Künstler in diesem Jahr zu ihr ins Wohnzimmer kamen. „Das war ein Erlebnis, dass man nie vergisst. Was da passiert ist, werde ich erst in einigen Tagen realisieren können.“

Drei Stücke aus drei verschiedenen Stilepochen boten Sabine Meyer und ihr Mann Reiner Wehle auf ihren Instrumenten dar – von Carl Emanuel Bach über Francis Poulenc bis hin zu Wolfgang Amadeus Mozart, mit desen Kegelduetten das etwa zehnminütige Mini-Konzert endete. „Ich bin immer nervös, egal ob ich vor 2000 Leuten oder wie hier in Elmshorn vor sieben Personen spiele“, so Sabine Meyer. Für sie gehöre es einfach dazu, angespannt zu sein.

Gerda Wallrabenstein und ihre Gäste waren so ergriffen von der musikalischen Darbietung, dass sie am Ende des Mini-Konzertes zwar applaudierten, aber gar nicht auf die Idee kamen, nach einer Zugabe zu rufen. Das übernahm für sie SHMF-Intendant Christian Kuhnt, der sich ebenfalls in der kleinen Elmshorner Wohnung eingefunden hatte. Er ist der Ideengeber der Hauskonzerte und damit Erfinder der „Glücksmomente“. „Im April mussten wir schweren Herzens alle Konzerte des Schleswig Holstein Musik Festivals absagen. Für uns war aber immer klar, dass wir trotzdem etwas machen wollen und da kamen wir auf die Idee der Hausbesuche.“ Die eigentliche Idee sei gewesen, in Treppenhäusern zu musizieren. Doch dank der erfolgten Lockerungen wären es dann sogar richtige Hausbesuche geworden. „Ein Konzert in so kleinem Rahmen, das ist typisch SHMF, das ist ganz typisch Schleswig-Holstein“, sagt der Festivalintendant.

Verschiedene Künstler seien für die „Glücksmomente“ gewonnen worden, so Kuhnt weiter. Sabine Meyer, die einst Mitglied des Symphonieorchesters des Bayrischen Rundfunks war, später bei den Berliner Symphonikern spielte und weltweit als Solo-Klarinettistin mit mehr als 300 Orchestern Erfolge feierte, trat am Freitag zwei Mal auf – bei Gerda Wallrabenstein in Elmshorn und zuvor in einem Garten in Großenaspe.

In ihrer mehr als 30-jährigen Musikkarriere ist die Klarinettistin weit herumgekommen, hat in allen Musikzentren Europas, in Brasilien, Israel, China, Kanada, Australien, Japan und den USA gastiert. Sie lobte die total nette Atmosphäre beim Balkon-Auftritt in Elmshorn, an dessen Ende es für die Künstler und ihre Begleiter Kaffee und Kuchen gab. „Es war definitiv das kleinste Konzert, was ich je gegeben habe“, so die Künstlerin.

Doch gerade so ein kleines Publikum wisse die Leistung der Künstler häufig mehr zu schätzen als die große, anonyme Menge in einem Konzertsaal, sagt die Musikerin von Weltruhm.

„Wir stellen in diesem Jahr trotz Corona 100 Aktionen auf die Beine“, so Intendant Kuhnt. 40 Konzerte könnten vor Publikum stattfinden – wenn auch teilweise an ungewöhnlichem Ort. Das galt auch für die zweite SHMF-Aktion, die am Wochenende im Kreis stattfand. Star-Pianist Justus Frantz gab in Schenefeld ein Konzert mit Werken von Frédéric Chopin – und zwar Sonntag um 17 Uhr auf dem Schulhof des Schulzentrums Achter de Weiden. Interessierte konnten ausschließlich Duo-Karten, also zwei Tickets auf einmal, erwerben. „Wir konnten so 250 Plätze anbieten. Die Karten waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft“, so Kuhnt. Während das Publikum im strömenden Regen unter Schirmen Schutz suchte, war die Bühne für das Klavier und den Pianisten überdacht.