Kreis Pinneberg

Unterricht in den Ferien – 112 Schüler sind dabei

Lehrerin Heidrun Engels unterrichtet zwei Schüler der Summerschool an der Wedeler Ernst-Barlach-Schule. Schüler und Lehrkräfte gehen hier freiwillig in den Ferien zur Schule.

Lehrerin Heidrun Engels unterrichtet zwei Schüler der Summerschool an der Wedeler Ernst-Barlach-Schule. Schüler und Lehrkräfte gehen hier freiwillig in den Ferien zur Schule.

Foto: Arne Kolarczyk

Wegen Corona verpasster Lernstoff wird an Schulen des Kreises in der Summerschool nachgeholt. Wie das funktioniert? Ein Ortstermin in Wedel.

Wedel.  Lehrerin Mareike Hausmann sitzt mit Mundschutz inmitten ihrer sechs Schüler und wirft per Laptop ein Bild der Erde an die Wand. „Wir machen ein Quiz. Wer weiß etwas über die Erdrotation?“ Ein Stockwerk höher sind an der Wedeler Ernst-Barlach-Schule andere Kenntnisse gefragt. Es geht um Präsens, Präteritum, Perfekt, Futur I und Plusquamperfekt. Heidrun Krumme unterrichtet vier Sechstklässler in Deutsch. Es ist Summer School. Wer hier sitzt, geht freiwillig in den Ferien zur Schule – die Schüler, aber auch ihre Lehrer.

Pauken im Klassenraum, während die anderen auf der faulen Haut liegen: Das Bildungsministerium in Kiel hatte die Schulen im Land aufgefordert, in den Ferien Schülern etwas beizubringen, die in Folge der Corona-Krise und der Schulschließungen Nachholbedarf haben. Im Kreis Pinneberg beteiligen sich mehrere Grundschulen, das Bonhoeffer-Gymnasium in Quickborn, die KGSE in Elmshorn und die Ernst-Barlach-Schule in Wedel. „Wir sind eine gebundene Ganztagsschule, da sehe ich das als Verpflichtung an“, sagt der Wedeler Schulleiter Stephan Krumme (51). Innerhalb von drei Wochen haben er und seine Lehrerkollegen auf die Schnelle ein Konzept für die Summer School entwickelt – inklusive Hygienekonzept.

Vier der sechs Ferienwochen wird am Gebäude am Tinsdaler Weg gelernt, nur die erste und die letzte Woche der Sommerferien ist Pause. „Die Schüler konnten sich für eine Woche anmelden, sie konnten aber auch zwei, drei oder alle vier Wochen kommen“, so der Schulleiter. Beginn ist um 9 Uhr, pünktliches Erscheinen ist Pflicht. Nach vier Stunden ist der Schultag in den Ferien beendet.

„Wir haben uns bewusst gegen ein Ferienprogramm mit Abenteuer-Einlagen entschieden, sondern konzentrieren uns auf unser Kerngeschäft, die Schule“, sagt Krumme. Dennoch ähnelt die Summer School nicht dem normalen Unterricht. Es gibt keine Schulstunden, die per Klingel beginnen und enden. Und die Schüler sitzen in der Regel nicht jahrgangsweise zusammen, sondern werden fächerbezogen betreut. Dabei bilden meist nur wenige Schüler eine Gruppe, sodass sie intensiv beschult werden können.

„Jeder fünfte Schüler hat sich für das Projekt angemeldet“, so der Schulleiter. In Zahlen ausgedrückt sind es 112 von 580. Krumme ist mit diesen Zahlen sehr zufrieden. „Natürlich erreichen wir nicht alle Schüler, die es betrifft. Aber es sind einige angemeldet, die aus unserer Sicht Lücken aufweisen.“ Und es gebe viele Schüler mit Migrationshintergrund, die das als Chance ansehen würden. Bei den Lehrern beteiligt sich jeder zweite. 28 von 56 Pädagogen machen mit, auch eine studentische Hilfskraft verstärkt das Team. „Für viele Kollegen war der Lockdown belastend. Sie mussten Bildungspakete schnüren, digitale Unterrichtsmethoden erproben und vor den Ferien wieder Präsenzunterricht in Kleingruppen abhalten. Vor diesem Hintergrund finde ich es erfreulich, wie viele Kollegen mitmachen, dafür teilweise sogar auf ihren Urlaub verzichten.“

Während der Schulleiter jeden Tag des Experiments miterlebt, kommen Lehrer wie auch die Schüler wochenweise. Unterrichtsfächer sind Deutsch, Mathe, Englisch, Naturwissenschaften sowie Weltkunde. Welche Fächer in der jeweiligen Woche angeboten werden, hängt von den teilnehmenden Lehrern ab. Die erste Woche war mit 47 Schülern die stärkste, in der zweiten Woche nahmen 20 Schüler teil. Derzeit pauken 27 Kinder, in der heute anbrechenden letzten Woche werden es 18 sein.

Marwa nimmt die gesamte Zeit an der Summer School teil. „Ich gehe sehr gerne zur Schule“, sagt die Zwölfjährige, die nach den Ferien in die siebte Klasse kommt. Während der Corona-Krise sei der Unterricht ausgefallen, trotz Bildungspakete und Online-Angebote habe sie vieles nicht richtig mitbekommen. „Mir macht die Summer School großen Spaß. Es sind viel weniger Schüler im Raum, sodass es viel ruhiger zugeht und ich mich besser konzentrieren kann.“

Emily ist ebenfalls zwölf Jahre alt – und nimmt auf Intention ihrer Eltern an dem Projekt teil. „Die haben den Zettel der Schule ausgefüllt und gesagt, es wird mir gut tun, in Ruhe zu lernen.“ Zwei Wochen lang büffelt die künftige Siebtklässlerin in den Ferien Deutsch, Mathe, Naturwissenschaften und Englisch. „Es ist ein komisches Gefühl, in den Ferien was in der Schule zu machen.“ Aber, so Emily weiter: „Es bringt was. Während Corona ist ganz viel Unterricht weggefallen, beim Online-Unterricht brach häufig das WLAN ab oder mein Handy-Akku war leer.“ Gerade in Mathe habe sie vieles nicht verstanden, was sie nun dank der intensiven Betreuung der Lehrkräfte nachholen könne.

Die Summer School ist für die Teilnehmer kostenlos. Ob das erstmalige Angebot zur ständigen Einrichtung werden könnte? Schulleiter Stephan Krumme mag diese Frage weder mit Ja noch mit Nein beantworten. Er fordert eine landesweite Evaluierung, was positiv und was negativ gelaufen ist. „Einige sagen ja, die Schere zwischen guten und schlechten Schülern wird dadurch größer, weil wir mit solchen Projekten eher die guten Schüler erreichen.“ Auch wenn das für die Ernst-Barlach-Schule so nicht gelte, ist auch dem Schulleiter klar. „Wir können mit einem solchen Projekt von den Schülern keine Quantensprünge erwarten.“ Im Fall einer Wiederholung müsse es deutlich längere Vorlaufzeiten gebe, fordert Krumme.

Der 51-Jährige plant parallel zur Summer School den Unterrichtsstart am 10. August, bei dem laut jetzigem Stand wieder alle Schüler im normalen Klassenverband unterrichtet werden sollen. „Da ist noch vieles ungewiss.“ Er wisse nicht, ob die Schule eine Verpflegung anbieten könne, der Sportunterricht solle bis zum Herbst ausfallen, die Jahrgänge sollten getrennt und zu unterschiedlichen Zeiten in die Schule kommen, was wiederum Abstimmungen mit den Busunternehmen erfordere. „Positiv gesagt wird das noch spannend“, so der Schulleiter.