Prozess

Tödlicher Abbiegeunfall – Lkw-Fahrer muss 400 Euro zahlen

Der Lkw_Fahrer räumte Schuld am Unfall ein. Das half ihm beim Strafmaß. (Symbolbild)

Der Lkw_Fahrer räumte Schuld am Unfall ein. Das half ihm beim Strafmaß. (Symbolbild)

Foto: Boris Roessler / dpa

67-jähriger Fahrer hatte in Elmshorn eine 73-Jährige überfahren. Im Prozess ging es um die Schuldfrage.

Elmshorn.  Napoleonas M. ist am Freitag extra mit dem Auto aus Litauen nach Elmshorn gekommen. Der Anlass ist für den 67-Jährigen wenig erfreulich. Er muss sich vor dem Amtsgericht der Stadt verantworten – angeklagt ist fahrlässige Tötung. Der Lkw-Fahrer soll am 23. Oktober 2018 eine Fußgängerin überfahren und tödlich verletzt haben.

Der schreckliche Unfall ereignete sich am späten Vormittag an der Ecke Wedenkamp/Gerberstraße. Der Litauer musste mit seinem Lkw laut der Anklage an der Ampel am Wedenkamp halten. Als diese Grün zeigte, bog er mit langsamem Tempo links in die Gerberstraße ab. Dort befand sich die 73-jährige Hildegard S., die am Fußgängerüberweg die Straße überquerte.

Lkw erfasste Frau und schleuderte sie auf den Asphalt

Laut der Anklage zeigte die Ampel für die Fußgängerin ebenfalls grünes Licht, Napoleonas M. soll die Frau übersehen haben. Die 73-Jährige wurde von dem Lkw erfasst und schleuderte auf den Asphalt. Sie erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma und erlag zwei Tage später im Krankenhaus ihren Verletzungen.

Soweit die Fakten des tragischen Unfalls. Doch welche Schuld trifft den Angeklagten? War das Geschehen für ihn tatsächlich vermeidbar? Ein Gutachter des Deutschen Kraftfahrzeug-Überwachungsverein (Dekra) hat dazu mehrere Szenarien durchgespielt. Das Problem ist, dass die Aussagen der Unfallzeugen widersprüchlich sind. Einige wollen gesehen haben, dass Hildegard S. von rechts kommend auf die Straße trat. In diesem Fall, so der Gutachter, habe der Angeklagte den Unfall kaum verhindern können, weil eine Sichtbarkeit der Frau für ihn kaum gegeben war.

Richter unterbrach Prozess nach der Anklageverlesung

Andere Zeugen gaben jedoch an, das Opfer sei von links gekommen. Für diesen Fall geht der Gutachter davon aus, dass Napoleonas M. die 73-Jährige hätte sehen müssen. Widersprüchliche Zeugenaussagen liegen auch zur Ampelfarbe vor. Einige gaben an, die Fußgängerampel sei Rot gewesen, andere wiederum sprachen von grünem Ampellicht für die Fußgängerin. Die Staatsanwaltschaft erhob trotz der Widersprüche Anklage wegen fahrlässiger Tötung, das Gericht ließ diese Anklage zu.

Richter Brian Scheffel hatte Freitag weder die Unfallzeugen noch die zwei am Verfahren beteiligten Gutachter geladen. Er unterbrach den Prozess nach der Anklageverlesung für ein Rechtsgespräch mit der Staatsanwältin und Verteidiger Mindaugas Jacinevicius. Danach ist klar: Der Verteidiger verzichtet darauf, in einem aufwendigen und langwierigen Verfahren mit Zeugenanhörungen und Gutachterbefragungen zu versuchen, das Gericht von der Unschuld seines Mandanten zu überzeugen.

400 Euro – milde Strafe für Lkw-Fahrer

Stattdessen machte der Angeklagte reinen Tisch und räumte ein, Schuld am Tod der Fußgängerin zu haben. Die erzielte Verständigung sah vor, dass Napoleonas M. im Gegenzug für sein Geständnis eine geringe Geldstrafe erhalten wird. So kam es auch: Das Urteil von 80 Tagessätzen á fünf Euro, also 400 Euro, lässt den 67-Jährigen milde davonkommen. Er kann die Summe in monatlichen Raten von 15 Euro abzahlen.

Viel zu holen ist bei Napoleonas M. nicht. Der 67-Jährige hat seine Tätigkeit als Lkw-Fahrer nach dem tödlichen Unfall aufgegeben, lebt in Litauen von einer Rente von 272 Euro. Zudem muss er monatlich Schulden von 100 Euro aus einer früheren Geschäftstätigkeit abtragen.

„Ich habe erst ein halbes Jahr nach dem Unfall durch einen Brief erfahren, dass die Frau verstorben ist“, so der Angeklagte mit leiser Stimme, eine Dolmetscherin übersetzt seine Worte. Die 73-Jährige sei von links auf die Straße gegangen, sie sei jedoch durch den großen Spiegel des Lkw verdeckt worden. „Ich konnte sie erst sehr spät sehen.“ Nachdem Zusammenstoß habe er sich umgedreht und gesehen, dass die Fußgängerampel Rot leuchtete. „Ich bin dann sofort aus dem Führerhaus raus und habe versucht, ihr zu helfen.“ Die Witterungsverhältnisse seien schlecht gewesen, es habe gestürmt und stark geregnet. Die Frau habe sich ihre Handtasche als Regenschutz über den Kopf gehalten.

Lkw-Fahrer ersparte Angehörigen Aussage vor Gericht

Laut Richter Scheffel liegt die Strafe im unteren Bereich, sie könne aber weder den tragischen Tod der Frau ungeschehen noch die Trauer der Angehörigen wieder gut machen. Der Angeklagte habe die Schuld auf sich genommen, obwohl er dies nicht hätte tun müssen – und er habe damit den Angehörigen und den Unfallzeugen eine Aussage vor Gericht erspart.

Scheffel: „Ich hoffe, dass die Angehörigen und die Zeugen irgendwann mit dem tragischen Unfall werden abschließen können.“ Anstrengungen, den Lkw-Verkehr sicherer zu machen, müssten laut dem Richter intensiviert werden. Napoleonas M. hatte laut eigener Aussage vor, sich während des Gerichtstermins bei den Hinterbliebenen zu entschuldigen. Doch niemand von ihnen war am Freitag im Amtsgericht Elmshorn erschienen.