Kreis Pinneberg

Großfeuer vernichtet Reetdach-Ensemble

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Arne Kolarczyk
Beim Eintreffen der ersten Einsatzkräfte stand das Reetdach des einstigen Bauernhauses im Vollbrand.

Beim Eintreffen der ersten Einsatzkräfte stand das Reetdach des einstigen Bauernhauses im Vollbrand.

Foto: Florian Sprenger/Westküstennews

Das denkmalgeschützte Anwesen in Klein Nordende war unbewohnt und stand für 1,65 Millionen Euro zum Verkauf.

Klein Nordende. Die ältere Dame bleibt stehen, macht mit ihrem Handy noch schnell ein Bild. Neben ihr steigt eine Radfahrerin ab. Ein Mann mit Hund gesellt sich dazu. Die drei kommen ins Gespräch, tauschen sich aus. Alle haben am späten Freitagabend den riesigen Feuerball und die vielen Feuerwehrfahrzeuge gesehen, die entlang der B 431 parkten. Am Sonntagvormittag besucht das Trio den Brandort in Klein Nordende – wie viele andere auch. Die Ruine des Reetdachensembles wird fast so etwas wie ein Ausflugsziel.

Mehr als 120 Feuerwehrleute hatten in der Nacht zu Sonnabend stundenlang versucht, zu retten, was nicht mehr zu retten war. Um 22.24 Uhr erreichte die Leitstelle der erste Notruf. Gemeldet wurde der Brand eines Reetdachhauses am Sandweg. Als die ersten Einsatzkräfte vor Ort eintrafen, schlugen meterhohe Flammen aus dem reetgedeckten Dach des einstigen Bauernhauses. Auch eine ehemalige Scheune, die wenige Meter vom Haupthaus entfernt steht und ebenfalls über ein Reetdach verfügt, stand zu diesem Zeitpunkt bereits im Vollbrand.

Schon jetzt war Einsatzleiter und Wehrführer Martin Höppner klar, dass beide Einheiten bis auf die Grundmauern niederbrennen werden. Die Einsatzkräfte aus Klein Nordende, verstärkt durch Feuerwehrleute aus Elmshorn, Uetersen, Seester und vom Kreisfeuerwehrverband, konzentrierten sich zunächst darauf, ein benachbartes Einfamilienhaus zu sichern. Das gelang auch mit vereinten Kräften.

Weil das brennende Anwesen am Rande des Liether Waldes liegt und nur über einen unbefestigten Weg erreichbar ist, mussten die meisten Feuerwehrfahrzeuge an der B 431 parken. Von dort aus bauten die Feuerwehrleute eine Löschwasserversorgung über eine Strecke von 250 Metern auf. Auch ein Gewässer wurde von ihnen genutzt, um Wasser zur Einsatzstelle zu pumpen.

Im Einsatzverlauf fielen das mehr fast 400 Quadratmeter große Haupthaus sowie die Scheune in sich zusammen. Gegen 4.40 Uhr meldete der Einsatzleiter „Feuer aus“. Etwa eine Stunde später rückten die meisten Kräfte ein, lediglich eine Brandwache blieb zur Sicherheit an der Brandstelle zurück.

Erst im Hellen wird das Ausmaß des verheerenden Feuers sichtbar. Von dem historischen, unter Denkmalschutz stehenden Gebäude stehen nur noch einige Grundmauern, ein verkohlter Trümmerhaufen bedeckt die einstige Einfahrt zu dem Traumgrundstück im Grünen. Links neben den Resten der Haustür hat ein Hund aus Stein den Brand unbeschadet überstanden. Er bewacht ein umgefallenes Schild mit der Aufschrift „Zu verkaufen“.

Ein Makler hatte das 1790 erbaute Objekt, das laut der Annonce auf einem 3800 Quadratmeter großen Grundstück in Waldrandlage steht, im Angebot. Für 1,65 Millionen Euro war das Ensemble, bestehend aus dem ehemaligen Wohn- und Wirtschaftsgebäude und mehreren Nebengelassen, zu haben. Das Gebäude soll in den 80er-Jahren kernsaniert und seitdem laufend modernisiert worden sein. Fotos aus dem Innern bezeugen die hochherrschaftliche Pracht, von der eine schwarze Trümmerwüste geblieben ist. Nur der Werkstatttrakt steht noch – und auch der wunderschön blühende Bauerngarten hat überlebt.

Bereits neun Monate lang soll das Verkaufsschild vor dem Anwesen gestanden haben, erzählt am Sonntagvormittag eine ältere Frau. Sie habe den Feuerschein von ihrer wenige Kilometer entfernten Terrasse gesehen. „Wir dachten erst, dass der Wald brennt.“ Dann habe sie im Internet gelesen, dass ein Reetdachhaus in Flammen steht und alle Bewohner im Umkreis Türen und Fenster geschlossen halten sollen.

Von dem Zeitpunkt an, als das Verkaufsschild aufgestellt wurde, stand das Ensemble leer, erzählt die Frau weiter. Es soll jedoch noch voll eingerichtet gewesen sein. Zuletzt hätten dort eine Frau zusammen mit ihrer Tochter gelebt. Zuvor soll die Immobilie dem vor einigen Jahren verstorbenen Verleger einer in Elmshorn ansässigen Wochenzeitung gehört haben.

Noch während die Frau erzählt, fährt ein Streifenwagen vor. Die Beamten wollen überprüfen, ob Unbefugte das Grundstück betreten. Alle Zugänge sind mit Flatterband abgesperrt, ein Schild verkündet, dass die Brandstelle beschlagnahmt ist und nicht betreten werden darf.

Die Suche nach der Brandursache obliegt der Kripo Elmshorn – und sie dürfte sich äußerst schwierig gestalten. Die Schaden ist derart groß, dass die meisten brauchbaren Spuren verbrannt sein dürften. Sicher ist, dass anders als bei anderen Reetdachbränden ein Blitzeinschlag als Ursache nicht in Frage kommt, eine Gewitterzelle befand sich nicht in der Nähe. Unklar ist, ob in dem vorübergehend unbewohnten Gebäude die Stromversorgung noch aktiviert war. Wenn dies der Fall war, ist eine technische Ursache zumindest nicht ausgeschlossen. Ansonsten bliebe nur eine Brandstiftung. Ob die Ursache angesichts des Schadensbildes jemals geklärt werden kann, daran bestehen jedoch erhebliche Zweifel.

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