Kreis Pinneberg

Jetzt hat Uetersen schon vier Kandidaten

| Lesedauer: 8 Minuten
Arne Kolarczyk, Katja Engler und Alexander Sulanke
Uetersen aus der Luft. Diese Aufnahme ist Teil einer Serie, die im Sommer 2019 mit Unterstützung der Flugschule Hamburg entstanden ist.

Uetersen aus der Luft. Diese Aufnahme ist Teil einer Serie, die im Sommer 2019 mit Unterstützung der Flugschule Hamburg entstanden ist.

Foto: Alexander Sulanke

Lange war ein Grüner einziger Bewerber ums Bürgermeisteramt, nun ziehen CDU und SPD nach. Wer in der Rosenstadt antritt.

Uetersen.  Bereits im Februar hatte Thorsten Berndt (58, Grüne) verkündet, die scheidende Uetersener Bürgermeisterin Andrea Hansen (SPD) beerben zu wollen. Lange Zeit war er allein auf weiter Flur. Doch jetzt geht es Schlag auf Schlag. Drei weitere Kandidaten wollen sich am 25. Oktober zur Wahl stellen. Die CDU-Ratsfrau Anne Lamsbach (36) will als unabhängige Bewerberin antreten. Ihre Partei nominierte diese Woche den Pinneberger Boris Karabacak (32) als offiziellen Kandidaten. Und die SPD entschied am Donnerstagabend, Dirk Woschei (41) ins Rennen zu schicken.

Dirk Woschei (SPD)

Woschei gibt sich selbstbewusst. „Ich trete an, um zu gewinnen“, sagt der Abteilungsleiter für Mediengestaltung bei der Wochenzeitung „Die Zeit“. Er ist Vize-Chef des SPD-Ortsvereins, Ratsherr und Vorsitzender des Ausschusses für Bauen und Verkehr. Ortsvorstand und Fraktion haben ihn einstimmig nominiert, die Mitglieder sollen am 6. August zustimmen. Zupackend, den Menschen zugewandt, voller Ideen und Tatkraft, kommunikativ, führungserfahren – so beschreiben ihn Fraktionschef Thomas Manske und Parteichef Ingo Struve.

In die Rosenstadt kam Dirk Woschei vor zehn Jahren mit seinem Lebenspartner. „Uetersen bietet ganz viel an Lebensqualität. Aber man kann noch viel mehr aus der Stadt machen“, sagt er. Die Digitalisierung sei ein großes Thema der Zukunft. Die Verwaltung müsse sich so aufstellen, dass die Bürger vieles von zu Hause erledigen können. Eine Grund­voraussetzung dafür sei schnelles Internet. „Ich werde mich dafür einsetzen, dass in diesem Bereich etwas passiert. Ein flächendeckendes Glasfasernetz ist ein wichtiger Standortfaktor, auch für die lokale Wirtschaft.“

Der 41-Jährige, verheiratet und kinderlos, will die Kinderbetreuung zur Chefsache machen. „Wir suchen seit Langem nach einem Standort für eine neue Kita, aber immer kommt was dazwischen. Jetzt ist es an der Zeit, über Provisorien nachzudenken, die fünf bis zehn Jahre genutzt werden können. Notfalls muss man Container aufstellen, um endlich Plätze zu schaffen.“ Er fordert mehr bezahlbaren Wohnraum, einen Treffpunkt für junge Menschen – und er bekennt sich zur Jürgen-Frenzel-Schwimmhalle. Woschei unterstützt die geplante Express-Bus-Linie zum Tornescher Bahnhof, äußert sich aber zurückhaltend zur Reaktivierung einer Bahnverbindung. Die Ansiedlung weiterer Betriebe ist ihm eine Herzensangelegenheit – ebenso die Einrichtung eines Vollsortiment-Supermarktes als Frequenzbringer für die Fußgängerzone. Woschei will den Radverkehr voranbringen, vorhandenes Grün erhalten und neues schaffen.

Wegen Corona wird er auf Hausbesuche verzichten, aber an Infoständen stehen. „Ich möchte auf die Menschen zugehen, bin jemand, der gut zuhören kann und eine klare Sprache spricht.“ Auch im Internet, mit Plakaten und einer Postwurfsendung will er für sich werben.

Baris Karabacak (CDU)

Er kennt Uetersen durch seine Geschäftskontakte seit vielen Jahren und ist in der Pinneberger Politik aktiv: Baris Karabacak (32), Mitglied der CDU seit 2011 und Ratsherr seit 2016, tritt jetzt als Kandidat seiner Partei bei der Bürgermeisterwahl in Uetersen an. „Kommunikation ist das A und O. Ein Bürgermeister muss sich bewegen, auf Unternehmen zugehen, sie umwerben, aber zu allererst muss er zuhören können“, meint der gebürtige Pinneberger, dessen Familie, die ursprünglich aus der westlichen Türkei kommt, in dritter Generation hier lebt. Für das Amt bewirbt er sich in dem „vollen Entschluss, mich reinzuknien und kräftig anzupacken“.

Der studierte Wirtschaftsfachwirt, der bereits mehrfach in Führungspositionen großer Unternehmen gearbeitet hat und seit 2019 ein eigenes Unternehmen mit 43 Mitarbeitern für Personaldienstleistungen in Pinneberg führt, will ein Bürgermeister für alle sein. Das gemeinsame Ziel aller Parteien müsse sein, Uetersen voranzubringen und als Rosen- und Hochzeitsstadt zu vermarkten. Karabacak ist bestens vernetzt: Er hat von 2014 bis 2018 im Landesvorstand der CDU im Team von Daniel Günther gearbeitet, er leitet das Landesnetzwerk Integration, das er auch in Berlin vertreten hat. Und: „Ich weiß, wo es Fördergeld gibt und bin da sehr hartnäckig.“

Als Konservativer hat er ein ausgeprägtes soziales Bewusstsein, „das ist kein Widerspruch“, sagt er überzeugt. Er möchte mehr bezahlbaren Wohnraum in Uetersen schaffen, eine neue Kita bauen und für genügend Spielplätze, Jugendzentren und Seniorentreffs sorgen. Auch die Straßenausbau-Beiträge gehörten abgeschafft, das sei schließlich auch in Pinneberg gelungen.

Persönlich will er sich besonders engagieren, wenn es darum geht, die Arbeitslosigkeit in Uetersen zu verringern; da gehörten Unternehmer, Arbeitssuchende und Jobcenter an einen Tisch geholt. Die Stadt brauche zudem dringend ein starkes WLAN, die K 22 müsse ausgebaut und die Bahnverbindung nach Tornesch dauerhaft aufgenommen werden, denn auch das sei wichtig für die Ansiedlung von Unternehmen. Und: Für einen Kunstrasenplatz will er sich starkmachen, „um die Jugendlichen in der Stadt zu halten“.

Anne Lamsbach (unabhängig)

Anne Lamsbach gehört auch der CDU an und ist seit der aktuellen Wahlperiode Ratsfrau in Uetersen. Allerdings tritt sie nicht für ihre Partei an, sondern will unabhängige Kandidatin werden. Dafür muss sie noch Unterstützerunterschriften sammeln, um zur Wahl zugelassen zu werden. „Für Uetersen anders denkend Sachen in die Wege zu leiten“ – das ist ihr Credo. Das Unkonventionelle liegt ihr, das zieht sich schon durch ihre Wortwahl. „Ich möchte keinen Wahlkampf machen, sondern in einen Wahldialog treten“, sagt sie. Oder: „Ich möchte nicht gewinnen, sondern ich möchte überzeugen, dass ich für alle da bin, dass ich für alle denken und handeln will.“ Und Wahlplakate hält sie für „Ressourcenverschwendung“.

Unkonventionell sind auch ihre Ideen von der Entwicklung der Stadt. Beispiel Parkpalette. „Ich würde sie aus Nachhaltigkeitsgründen stehen lassen“, sagt Lamsbach, „wir sollten doch kein Gebäude abreißen, das solch eine Substanz hat.“ Stattdessen könnten Wohnungen aufgesattelt werden, schlägt sie vor. Auch für den Stichhafen hat die CDU-Frau alternative Ideen: Tiny Houses und Raum für junge Unternehmer, denen Nachhaltigkeit wichtig ist. „Wir sollten Start-ups anlocken, die sich Hamburg nicht leisten können“, sagt sie und rät, anders als bisher „von Uetersen aus zu denken, nicht von Investorenseite“.

Auf die Stadt bezogen, in der sie seit zweieinhalb Jahren lebt, sagt sie: Wir müssen unsere Potenziale erkennen und nicht versuchen, jemand anders zu sein.“ Mit ihrem Mann und ihren vier Kindern hat sie zuvor vier Jahre in Indien gelebt. Ihr Mann, inzwischen pensioniert, war zuletzt Verteidigungsattachée an der deutschen Botschaft in Neu Delhi.

Anne Lamsbach ist gelernte Krankenschwester, studiert im vierten Semester „Kunst in Veränderungsprozessen“, hat eine Schreibwerkstatt gegründet. „Krankenschwester, Mutter, Studentin, Firmengründerin – in erster Linie bin ich Mensch“, sagt sie. Die Wähler sollten sich fragen: Ist diese Person authentisch, ist sie interessiert an mir? Im Bürgermeisteramt möchte sie moderieren, Kompetenzen verknüpfen, runde Tische einberufen. Sie sagt: „Es ist viel wichtiger, eine Haltung zu zeigen, als alles zu wissen.“

Thorsten Berndt (Grüne)

Thorsten Berndt hat seine Kandidatur bereits Anfang Februar erklärt, ihn haben wir bereits vorgestellt. Der gelernte Fotograf und studierte Soziologe hat in verschiedenen Funktionen für die Grünen gearbeitet und im Kreis Pinneberg Kommunalpolitik gemacht. Er ist auch als künstlerischer Fotograf bekannt.

Berndt will unter anderem die Energiewende in der Stadt vorantreiben, den Fahrrad- und Fußgängerverkehr fördern, sich für eine Bahnverbindung bis nach Hamburg einsetzen und Start-ups in die Stadt holen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg