Rellingen

Ein Geheimkonzert mit Weltstar zum SHMF-Auftakt

Christian Kuhnt, Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals, und Harfenist Xavier de Maistre.

Christian Kuhnt, Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals, und Harfenist Xavier de Maistre.

Foto: Katja Engler

Schleswig-Holstein Musik Festival: Harfenist Xavier de Maistre spielt in Rellingen. Im August soll Justus Frantz auftreten.

Rellingen. Es ist eine Mischung aus Vorfreude und Gehemmtheit, mit der die 80 maskierten Besucher am Dienstagabend in der Rellinger Kirche ihre Plätze einnehmen. Die meisten der stark reduzierten musikalischen Aktivitäten hat der SHMF-Intendant Christian Kuhnt wegen Corona ins Internet, Fernsehen und Radio verlagern müssen. Dass der Porträtkünstler Xavier de Maistre hier jetzt live spielt, ist also ein besonderes Geschenk in dieser sonderbaren Corona-Zeit, die dem kulturellen Leben eine Eiszeit verpasst und viele Künstler vor die Existenzfrage stellt.

„Sonst verkaufen wir beim Festival 200.000 Karten. Weil 80 Karten in Rellingen wegen der Corona-Auflagen absurd wenig sind und es da Hauen und Stechen gegeben hätte, haben wir die Ehrenamtlichen, Beiräte und Förderer zu einem nichtöffentlichen Konzert eingeladen“, sagt Konzertplanerin Marlene Brüggen. Dazu gehören Schlüsselfiguren wie Marianne Stock, eine engagierte Frau der ersten Stunde, die dem Festival in Rellingen seit gut 30 Jahren einen wunderschönen Spielort verschafft und alle Konzerte mit Herzblut begleitet.

Festivalkünstler können bald vor 500 unter freiem Himmel spielen

Es ist das vierte dieser Pop-up-Konzerte. Und es wird noch besser: Ab kommender Woche dürfen die Festivalkünstler unter freiem Himmel schon vor 500 statt vor 250 Menschen auftreten. Dazu gehört auch der Festivalgründer Justus Frantz, der im August in Schenefeld spielen soll, Genaueres wird rechtzeitig bekannt gegeben. Auch der Schlagzeuger Martin Grubinger wird Mitte August zu Platzkonzerten durch den Kreis tuckern --auf einem Musikfest-Trecker. Details hierfür stehen noch nicht fest.

Gleich wird der französische Harfenist im Altarraum unter der Kuppel Platz nehmen, von wo aus König David, einer der ältesten Harfenspieler der Geschichte, auf ihn herunterblickt. De Maistres Harfe glänzt golden, doch ihr geschmückter Bauch hat seinen Holzton behalten.

Die Festival-Macher planen jetzt spontaner

Aber zuvor begrüßt Pastor Thorsten Pachnicke das geladene Publikum und macht auf König David aufmerksam. Dann betritt Intendant Christian Kuhnt die Bühne und sagt, dass er es im April nicht für möglich gehalten hätte, schon jetzt wieder Live-Konzerte erleben zu dürfen: „Wir planen jetzt spontaner.“ Dass das gehe, zeige: „Wenn wir uns bewusst machen, dass wir unser Verhalten ändern müssen, ist auch wieder mehr möglich.“ De Maistre habe in den vergangenen Tagen neun Projekte realisiert, unter anderem Konzerte für Arte, die Pop-up-Konzerte und zwei musikalische Hausbesuche. Das alles, „um uns zu zeigen: Die Musik will uns berühren. Er ist mit Feuereifer dabei. Ich traue ihm zu, dass die Wände wackeln“, sagt Kuhnt.

Der innovativste, leidenschaftlichste und beste Harfenist beginnt mit einer Sonate des Pianisten und Komponisten des Barock, Jan L. Dussek, das dieser für seine Frau, die berühmte Harfenistin Sophia Corri-Dussek, geschrieben hat. Nur bei diesem ersten Stück liest de Maistre die Noten ab, alle anderen, auch die noch so schwierigen, spielt er aus dem Kopf. Er hat relativ große, kräftige Hände, die auf dem himmlischen Instrument, das in der Barockzeit oft die Engelsstimmen imitierte, alles können: Verspielt und zart beginnt er und gibt seinen Zuhörern die Gelegenheit, sich einzustellen auf ein bald erstaunlich breites Spektrum, das die Harfe als Soloinstrument zu bieten hat – vorausgesetzt, ein Meister wie Xavier de Maistre spielt darauf.

Maistres Piano-Passagen sind delikat und zugleich punktgenau

Wenige tiefe Töne behaupten sich gegen schnelles Geplänkel in den Höhen, de Maistres Piano-Passagen sind delikat und zugleich punktgenau zu einem Strom zusammengefügt, der mal sanft rieselt, mal im Forte aufbraust.

Schon das zweite Stück spielt er dann ohne Noten: „Le Rossignol“, die tote Nachtigall von Franz Liszt, jenem Klaviervirtuosen des 19. Jahrhunderts, dessen technisches Können ihn befähigte, Achttausender zu besteigen, der aber auch eine ausgeprägte lyrische Ader hatte. Ganz wenige Töne schaffen eine Stimmung, und es werden dann zwei gegenläufige Tonfolgen, die die sich steigernde Melodie anführen und variieren.

Es folgt ein Impromptu von Gabriel Fauré. So verteufelt schwer, dass sich da nur wenige herantrauen. Ja, Fauré pflegte damit junge Musiker auf ihr wahres Können zu prüfen, denn das manchmal etwas filmmusikartig klingende Stück fordert einen Harfenisten in der ganzen Breite der Spielformen – vom Schlagen über das Streichen bis zum Zupfen. Immer wieder stimmt Xavier de Maistre seine Harfe nach, eine Saite reißt, er muss sie ersetzen. Das schon vollständig gefesselte Publikum sehnt dem nächsten Stück entgegen: eine charmante, farbenreiche Arabesque von Claude Debussy, die in einem Flüstern endet.

Das atmosphärisch dichteste, wundervollste Stück aber stammt von der Harfenistin Henriette Renié: Légende. De Maistre zaubert auf seiner Harfe Bilder und Walddüfte in die Köpfe seiner Zuhörer, denn die Elfenkönigin will einen reitenden Ritter verführen. Er beginnt in Düsternis, tänzelt und irrlichtert durch den Wald in vertrackt verwobenen Rhythmen, erst wild entschlossen, dann fahrig – und schließlich abrupt endend.