Kreis Pinneberg

Pinneberger veröffentlicht sinnliche Reise durch den Norden

| Lesedauer: 7 Minuten
Katja Engler
Das Ensemble Quadro Nuevo auf einem Steg des Plauer Sees.

Das Ensemble Quadro Nuevo auf einem Steg des Plauer Sees.

Foto: HOLGER MARTENS

Pinneberger Christoph Forsthoff hat Musiker der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern begleitet – und ein Buch daraus gemacht.

Pinneberg.  Es gibt Aufgaben, die sind so schön, dass Menschen sie liebend gern übernehmen, auch wenn das Honorar am Ende klein ist und ein ganzes Jahr dafür ins Land gegangen ist. Ein solches Vorhaben war das Buch „Unerhörte Orte“, ein ungewöhnlicher, wundervoller Reiseführer durch die Spielorte der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Ungewöhnlich deshalb, weil er zum Teil die Perspektive der Musiker einnimmt, die dort gastieren. Mit dem Pinneberger Journalisten Christoph Forsthoff ist jemand zu Werke gegangen, der sich in dem nordöstlichen Bundesland bestens auskennt.

Und so ist dieser Reiseführer zum einen ein Lesebuch geworden, das sich jenseits der Alltagshektik bewegt und zeigt, wie sich die Natur und das Ländlich-Beschauliche auf die Seele auswirken. Forsthoff hat zudem so viele wertvolle Geheimtipps beigesteuert, dass „Unerhörte Orte“ sogar für Kenner des Landes noch Überraschungen bereithält: „Alles selbst erkundet, nichts aus dem Internet abgeschrieben. Das war mein persönlicher Ehrgeiz“, sagt der Autor. Jede Menge Ideen für Ausflüge oder Kurzurlaube sind also auch in seinem Buch zu finden.

„Es ist schon ziemlich einzigartig, dass Künstler hier nicht nur Auftrittsorte sehen, sondern wirklich eine Begeisterung für Landschaft und Natur entwickelt haben“, sagt Forsthoff. Dort gebe es Regionen ohne Lichtverschmutzung, „wo sich nächtens ein unglaublicher Sternen- und Milchstraßenhimmel bietet.“

Seit 2006 jedes Jahr als Berichterstatter unterwegs

Seit 2006 war er jedes Jahr als Journalist in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs, um über die Festspiel-Konzerte zu berichten. Viele hätten eben nicht im Schweriner Schloss stattgefunden, sondern in „eher abgelegene Orte wie die historische Ziegelei in Benzin geführt oder in die kleine Dorfkirche in Ließen, wo sich die Organistin Iveta Apkalna dann an die dortige Grüneberg-Orgel gesetzt und Bach gespielt hat – für die Kantorin, den Pfarrer, dessen kleine Tochter und mich“, erzählt der Autor. „Und wenn der Bratschist Nils Mönkemeyer auf dem Lebbiner Haken Rilke-Verse zitiert, ist so etwas einfach unvergesslich und verpasst mir bis heute in der Erinnerung noch eine Gänsehaut.“

Sogar der Schlagzeuger und Komponist Alexej Gerassimez, der auf einem der Festivals gut 25 am Ende sehr erschöpfende Konzerte gab, sagt: „Andernorts wäre dies sicherlich eskaliert – hier bin ich ins Wasser gesprungen oder habe mich zwischendurch auf einen Steg gesetzt, die Augen geschlossen und versucht, meine Umgebung wahrzunehmen. Denn du spürst dann den Raum und die Natur, der Körper merkt unbewusst, dass ihm das guttut und lädt seine Batterien wieder auf.“

Echo-Preisträger mag am liebsten die Dörfer

Der Klarinettist und mehrfache Echo-Preisträger David Orlowsky mag am liebsten die Dörfer: „Mögen die alten Hansestädte auch wieder aufgehübscht worden sein, so haben doch viele kleinere Orte etwas Vergangenes und so gar nichts Zeitgeistlastiges, sondern bergen eine wunderschöne Melancholie in sich.“ Damit meint er Orte wie Dömitz, wo die einzige vollständig erhaltene Flachlandfestung aus der Renaissance steht.

Orlowskys Lieblingsort ist aber Hasenwinkel. Dort „ist eine verwunschene Waldesstimmung, wie man sie aus alten Kinderbüchern kennt, die all diese Geschichten von Feen und Zwergen neu aufleben lässt, zumal wenn sich im Dämmerlicht der langen Sommerabende irgendwann dünne Nebelschwaden über diese märchenhafte Landschaft legen.“

Es sieht wirklich aus wie vor 200 oder 300 Jahren

Naturgemäß mehr Action hat das jazzige Weltmusik-Quartett „Quadro Nuevo“ um die Ohren. Mit ihrem Tourbus Ferdinand zuckeln sie am liebsten auf abgelegenen Alleen und Nebenstraßen durch das Land. Besonders gut hat dem Quartett die Museumswerft in Greifswald gefallen, die „ungewöhnlich in unserer von marktwirtschaftlichen Kriterien und Mechanismen dominierten Zeit ist. Da werkeln junge Burschen und ältere Männer vor sich hin, helfen sich gegenseitig mit Rat und Tat. Und all das geschieht abseits von Gedanken an irgendwelche Gewinnoptimierung“, schreiben die Musiker.

Was sich an Baukultur erhalten hat, ist ihnen sehr positiv aufgefallen: „Du findest hier wirklich Orte oder auch Gebäude, wo du denkst: Das sieht jetzt wirklich aus wie vor 200 oder 300 Jahren – und vieles hier ist unserer globalisierten, digitalisierten und hektischen Welt regelrecht entrückt, es gibt einfach noch viel mehr Patina und ist nicht so geschleckt und kaputt renoviert wie in den meisten anderen Gegenden der Republik“, sagt D. D. Lowka, der im Quartett Kontrabass und Schlagzeug spielt.

Der Bratschist Nils Mönkemeyer hat sein Herz an die Insel Rügen verloren. Auch dort stehen noch herrliche alte Alleen: „Hier hat der Mensch etwas in der Natur geformt, aber, anders als sonst so oft, im Einklang mit der Natur – und zwar nicht für sich selbst, sondern mit dem Gedanken an spätere Generationen, denn wer solch eine Allee anlegt, wird selbst ja nichts mehr davon haben.“ Eine solche Allee sei so etwas wie eine Brücke in eine andere Zeit, findet der Streicher.

Er hat einen Sinn für die Poesie der Schlichtheit, weshalb er die kleine, achteckige Kapelle des dortigen Fischerdorfes Vitt zu seinem Lieblingsplatz auserkoren hat. „Ein Wahnsinnsort! Man hat dort das Gefühl: Noch einen Schritt weiter zum Meer und man fiele herunter – wenn die Erde eine Scheibe wäre...“ Und das Schönste ist: Auch für den Klarinettisten Matthias Schorn ist Rügen und dort insbesondere das Kap Arkona ein „Kraftplatz“ und die Steilküste ein „zauberhafter wie magischer Ort der Energie“.

Auch der Geiger Daniel Hope hält sich gern in Küstennähe auf. Er liebt die ehemaligen Badeorte wie Heiligendamm, das er in den 1990er-Jahren zum ersten Mal sah: „Dieses Bild hat bis heute für mich eine anachronistische Eleganz und lässt mich zurückträumen, denn ich stelle mir gern vor, wie Orte einmal gewesen sein könnten“, sagt Hope.

Daniel Hope mag die alte Dampfeisenbahn

Mindestens genauso gern mag er die nostalgische Dampfeisenbahn, die seit 1886 zwischen Heiligendamm und Bad Doberan verkehrt. Ganz in der Nähe von dort liegt übrigens das majestätisch prachtvolle Zisterzienserkloster mit dem ältesten Flügelaltar der Welt aus der Zeit um 1300. Daniel Hope liebt es, in die Schmalspurbahn zu steigen: „Jedes Mal, wenn ich in diesen alten Waggons sitze, habe ich das Gefühl, Johannes Brahms käme gleich um die Ecke. In diesen alten Zügen ticken die Uhren noch anders, es ist eine Form des Reisens, die dir Zeit gibt – und für mich auch ein wunderbarer Weg, um mir vorzustellen, wie es damals gewesen sein könnte.“

Ausgesuchte kulinarische Empfehlungen und liebevoll aufgeschriebene Details runden diesen außergewöhnlichen und sehr musikalischen Reiseführer ab. Wer noch keine Sanddorn-Pfeffer-Cremesuppe gegessen hat, sollte das jetzt wohl mal probieren – im Kühlungsborner Strand-Corso.

„Unerhörte Orte. Reiseführer der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern“ 240 S., Hinstorff Verlag, 20 Euro.

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