Kreis Pinneberg

Was Statistik über Corona sagt – und was nicht

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Ulrich Stückler
Leer gefegte Einkaufsstraßen wie hier in Elmshorn gab es im Kreis Pinneberg vielerorts.

Leer gefegte Einkaufsstraßen wie hier in Elmshorn gab es im Kreis Pinneberg vielerorts.

Foto: Thomas Pöhlen / Thomas Pöhlsen

151.883 Prozent mehr Kurzarbeiter! Die Sonderseite des Statistikamts Nord kann schnell missverstanden werden. Wir haben mal genau hingesehen.

Kreis Pinneberg.  Die Corona-Pandemie hat in unserer Gesellschaft seit ihrem Ausbruch durch Lockdown beziehungsweise Hygieneregeln mit ihren vielschichtigen Auswirkungen auf Wirtschaft und soziales Miteinander auch unzählige „Experten“ hervorgebracht. Jeder empfindet oder bewertet die teils einschneidenden Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung anders.

Sonderseite soll aktualisiert und erweitert werden

Während Gefühle jedoch für einen objektiven Diskurs schlecht greifbar sind, können Zahlen zumindest eine Hilfe zur Situationsanalyse bieten. Hierfür hat das Statistikamt Nord nun auf einer„Corona-Sonderseite“ im Internet Ergebnisse aus aktuellen Statistiken zusammengefasst, die teils auf die Kreise heruntergebrochen „erste Auswirkungen der Krise bereits widerspiegeln“ sollen, wie es in der Pressemitteilung dazu heißt. Daten dieser Corona-Sonderseite sollen regelmäßig aktualisiert und Inhalte kontinuierlich ausgebaut werden.

Letzteres ist auch nötig. So erstrecken sich die für Schleswig-Holstein oder die Kreise erhobenen Gesundheitsstatistiken, zu denen auch Todesfälle und deren Ursachen gehören, wegen ihres mehrjährigen Erfassungszeitraums lediglich bis ins Jahr 2017 hinein...

Topaktuell ist dagegen die Rubrik für den Arbeitsmarkt, die von der Bundesagentur für Arbeit (BA) bemerkenswert zeitnah auch schon für den Juni und den Kreis Pinneberg verwertbare Zahlen liefert. Daten, die jedoch genau angeschaut werden sollten. Wegen teils niedriger Fallzahlen könnte der reine Blick auf Prozentangaben einen verfälschten Eindruck liefern. Das Abendblatt hat für Sie hingeschaut:

Kurzarbeit: Unter dieser Rubrik lauert der vermeintlich größte Schock in der Arbeitsmarktstatistik für den Kreis Pinneberg. Für das zweite Quartal 2020, das als erstes signifikante, corona-bedingte Effekte aufzeigen kann, weist die Agentur im üblichen Vergleich mit dem Vorjahresquartal eine Steigerung an gemeldeten Kurzarbeitern von unglaublichen 151.883 Prozent aus. Grund zur Panik?

Nein. Wir befinden uns nicht in einer Weltwirtschaftkrise, welche die Ereignisse von 1929 in den Schatten stellt. Die Auflösung erfolgt simpel durch den Blick auf die absoluten Zahlen. Von April bis Juni 2019 waren im Kreis Pinneberg lediglich 24 Beschäftigte als Kurzarbeiter gemeldet, für die vergangenen drei Monate betrug diese Zahl jedoch 36.476. Merke: Prozentzahlen allein für sich gesehen sind keine verlässlichen Indikatoren, um eine Entwicklung zu bewerten.

Arbeitslose: Deutlich besser umsetzbar, wenn auch nicht erfreulicher, sind die Zahlen der gemeldeten Arbeitslosen für den Monat Juni. Seit langer Zeit hat die Zahl der Arbeit­suchenden ohne Beschäftigung die 10.000er-Marke überschritten. 10.050 Menschen im Kreis Pinneberg waren im Juni ungewollt ohne Beschäftigung. Das sind 2016 mehr als noch im März 2020 oder umgerechnet eine Steigerung um beachtliche 25,1 Prozent binnen eines Vierteljahrs.

Neben den Eckwerten ist auch der Trend zu beachten

Doch auch hier entspräche der alleinige Blick auf diese beiden Werte einer – mutwilligen? – Verzerrung des Geschehens am Arbeitsmarkt im Kreis. Denn ein Großteil dieser bedauerlichen Entwicklung seit März hat sich schon bis inklusive des Vormonats vollzogen.

Bis Ende Mai 2020 waren bereits 9845 Pinneberger (Kreis) arbeitslos gemeldet. Seitdem sind „nur“ 205 hinzugekommen – von Mai zu Juni eine Stei­gerung um lediglich 2,08 Prozent. Die Kernaussage also: So, wie wir als Gesellschaft auf der gesundheitlichen Ebene die Kurve des Infektionsgeschehens abflachen konnten, ist dies nun auch anscheinend am Arbeitsmarkt der Fall. Hier gilt aber auch umgekehrt, dass die sprichwörtliche Schwalbe noch keinen Sommer macht. Auch diese Entwicklung gilt es zu beobachten.

Prognosen und Indikatoren: Wie wird es weitergehen? Eine Fragestellung, für die auch gern in den Arbeitsmarktstatistiken nach einer Antwort gesucht wird. Einer der sogenannten Frühindikatoren ist der Zugang an bei der Bundesagentur gemeldeten Arbeitsstellen. Ähnlich wie bei den Arbeitslosenzahlen ist auch hier der zusätzliche Blick auf den aktuellen Trend geboten.

So wurden zwar im April (minus 64,3 Prozent), Mai (-28,4) und Juni (-44,4) klar weniger Stellen gemeldet, aber schon seit Juli 2019 verzeichnet die BA keine Steigerung dieser Zahl; es ging schon vor Corona abwärts. Und: Vom Tiefstwert 209 im April gehen die Meldezahlen schon wieder leicht (Mai/366, Juni/372) nach oben.

Bleibt als Fazit, dass die Corona-Sonderseite wissenswerte Zahlen liefert, aber nur in der Gesamtheit betrachtet...

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