Geschichte

Pinneberg will sein Kriegerdenkmal ergänzen

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Katja Engler
Protest vor der Ausschusssitzung (v. l.): Dieter Borchardt, Guido Nowak und Dieter Grieschat halten ein Spruchband hoch.

Protest vor der Ausschusssitzung (v. l.): Dieter Borchardt, Guido Nowak und Dieter Grieschat halten ein Spruchband hoch.

Foto: Katja Engler

Nach einer turbulenten Debatte im Stadtentwicklungsausschuss einigt sich die Politik. Was jetzt geplant ist.

Pinneberg.  Dass im Rathaus ein heißes Eisen angepackt würde, war am Donnerstagabend schon draußen vor der Tür zu sehen. Dort hatten sich drei Männer postiert und ein Banner entrollt, auf dem stand: „Mahnmal für Offenheit, Toleranz und Frieden statt Nazi-Stele“. Der Umgang mit dem 1934 von den Nationalsozialisten errichteten Denkmal am Pinneberger Bahnhof stand nämlich, wie berichtet, auf der Tagesordnung des Ausschusses für Stadtentwicklung. Darüber entspann sich über rund zwei Stunden eine lebhafte Debatte. Vorab: Pinneberg soll ein Gegendenkmal bekommen, unter künstlerischer Begleitung umgesetzt auf Basis eines Entwurfes aus dem zurückliegenden Schülerwettbewerb.

Aber bis dahin war es noch ein lange Weg. Dieter Borchardt von der Mahnmal-Initiative etwas sagte zu Beginn der Debatte in der Einwohnerfragestunde, er vermisse bis heute die öffentliche Auseinandersetzung: „Werden Sie sich heute der inhaltlichen Auseinandersetzung stellen?“ fragte er. Wer als Gast aus dem Bahnhof trete und Richtung Innenstadt gehe, werde „begrüßt von einer alles überragenden Nazi-Stele“.

Knackpunkt sind die hohen Kosten für ein Kunstwerk

Ein weiterer Bürger erinnerte daran, dass durch den Bau des Denkmals die Gefallenen des Ersten Weltkrieges missbraucht worden seien für das Krieg verherrlichende Denkmal: „Pinneberg lässt sich das Herausputzen eines faschistischen Denkmals 50.000 Euro kosten, ist aber nicht in der Lage, sich von den Inhalten zu distanzieren, und missbraucht die gefallenen jungen Männer zum dritten Mal“, sagte er. Beiträge ähnlichen Tenors von weiteren Pinnebergern schufen eine Atmosphäre der Betroffenheit, in der es für die CDU-Politiker und den Vorsitzenden des Stadtentwicklungsasusschusses, Carl-Eric Pudor (CDU), zunehmend schwer wurde, gegenzuhalten. Die CDU hatte zusammen mit den Bürgernahen vorgeschlagen, die Denkmal-Idee fallen zu lassen und lediglich eine 50 mal 50 Zentimeter große Plakette an dem Denkmal anzubringen, die auf dessen Entstehung hinweist. Eine zweite Installation lehnten sie ab wegen Statikproblemen beim Bau, wegen eventueller Baumfällungen, wegen finanzieller Nöte und um die Schüler, die Entwürfe geliefert hatten, vor möglichen Anfeindungen zu schützen.

Die SPD machte sich mehrfach für die Umsetzung der prämierten Entwürfe aus dem Schülerwettbewerb stark: „Die Ergebnisse waren das Allerbeste“, sagte Gerhard Thomssen (SPD), stellvertretender Ausschussvorsitzender. „Die Schüler haben sich intensiv auseinandergesetzt. Es war erfrischend für die Politik, wie sich die jungen Leute da ins Zeug gelegt haben.“

Schülerarbeiten oder Künstlerwettbewerb?

Die Grünen & Unabhängigen sprachen sich dann nochmals ausdrücklich für eine professionelle Lösung an der zentralen Stelle aus: Mehrfach unterstrich Manfred Stache, dass er einen Künstlerwettbewerb allen anderen Varianten vorziehen würde. Der Schülerwettbewerb habe die öffentliche Diskussion über das Nazi-Monument weiter vorangebracht, was gut gelungen sei. Jedoch sei die Weiterverfolgung der Schülerarbeiten „eine Missachtung der Arbeitsgruppenergebnisse“. Doch dann bewegten sich plötzlich alle aufeinander zu. Zunächst hatte Anne-Kathrin Ahsbahs (Grüne & Unabhängige) noch beantragt, den SPD-Antrag um den Künstlerwettbewerb zu erweitern, „damit wir dann auf Basis aller Vorschläge eine Entscheidung treffen können“. Ihr Kollege Karsten Kreissler ergänzte, dass in diesem Fall auszuwählen sei, „was schöner, besser, passender an dieser sehr exponierten Stelle wäre“.

Der Knackpunkt, auf den Pudor wiederholt aufmerksam machte, sind die Kosten, die bis jetzt niemand errechnet hat. Die Verwaltung schätzt die Kosten für ein Kunstwerk aus einem Künstler-Wettbewerb auf 100.000 Euro. „Da sind wir in Fraktion sehr erschrocken“, erklärte Thomssen für die SPD. Nachdem der CDU-Fraktionsvorsitzende Florian Kirsch eine Sitzungsunterbrechung beantragt hatte, um sich mit seiner Fraktion zu beraten, kam das Ganze noch mal richtig in Bewegung: Die CDU zog mit den Bürgernahen ihren Antrag zurück, die Grünen & Unabhängigen ebenfalls, und der SPD-Antrag, der vorsah, am Nazi-Denkmal die Plakette anzubringen, aber auch, auf der Basis des Schülerwettbewerbs ein zweites Denkmal zu errichten, wurde um ein entscheidendes Detail ergänzt. Dieses lautet: „unter künstlerischer Betreuung“, will sagen, zwei Künstler aus dem Kreis sollen bei der Umsetzung beratend zur Seite stehen, die Arbeitsgruppe soll sich jetzt darum kümmern, diese zu finden.

Plötzlich war die Einigung greifbar

Da Birgit Klampe (FDP) ebenfalls im Laufe der Diskussion betont hatte, sie sei für die Umsetzung des Schülerwettbewerbs, stand einer Einigung plötzlich nichts mehr im Wege. So kam es zu einem einstimmigen Beschluss für eine zusätzliche Installation neben dem Nazi-Denkmal – betreut von zwei Künstlern.

Stehen die Kosten hierfür in etwa fest, geht das Thema erneut in den Stadtentwicklungsausschuss und dann in die Ratsversammlung.

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