Pinneberg

Diskussion um Denkmal: Schandmal oder Zeitzeugnis?

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Katja Engler
Die nationalsozialistische Führung Pinnebergs ehrt am Kriegerdenkmal die Gefallenen des Ersten Weltkriegs.

Die nationalsozialistische Führung Pinnebergs ehrt am Kriegerdenkmal die Gefallenen des Ersten Weltkriegs.

Foto: Pinneberg Museum

Politiker berät über drei Varianten, wie mit dem von den Nazis 1934 errichtetem Kriegerdenkmal am Bahnhof umzugehen ist.

Pinneberg. Ist es nun ein gefährliches Schandmal, das dieser Tage rechtsradikale Umtriebe befördert – oder nur ein steinernes Zeitzeugnis? Genügt für das 1934 von den Nationalsozialisten errichtete Denkmal am Pinneberger Bahnhof eine erklärende Plakette, oder sollten Künstler direkt daneben eine ästhetisch und geistig durchdachte Gegenposition formulieren, wie das am Hamburger Dammtor-Bahnhof gleich zweimal geschehen ist? Das sind Fragen, die der heutigen Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses einen wichtigen Tagesordnungspunkt beschert haben.

Seit Herbst 2017 hatte eine interfraktionelle Arbeitsgruppe ein Konzept entwickelt, das aber jetzt, so scheint’s, wieder zur Disposition steht. Konkret wird heute im Ausschuss beschlossen, ob denn nun gemäß diesem Konzept ein Künstlerwettbewerb für ein Gegendenkmal ausgelobt werden soll oder nicht. Dahinter steht die Frage, wie mit solch faschistoiden Zeitzeugnissen umzugehen ist, wie also möglicherweise die Auseinandersetzung mit ihnen in demokratiekonforme Bahnen gelenkt werden könnte.

Andere sind allerdings der Ansicht, dass derartige Eingriffe in die Meinungsbildung nicht funktionieren, frei nach dem berühmten Lied der deutschen Aufklärung: „Die Gedanken sind frei!“ Das nämlich meint Werner Mende, Fraktionsvorsitzender der FDP, der die ganze Aufregung nicht verstehen kann: „Wir als FDP hätten das nicht angefasst. Denn was der Einzelne dabei denkt, kann so ausfallen oder so. Mit oder ohne Gegendenkmal denkt doch sowieso jeder irgendetwas dabei.“

Nun hat es aber im vergangenen Jahr einen Schülerwettbewerb mit drei prämierten Arbeiten gegeben. Deren Präsentation hat auch Mende so beeindruckt, dass er sich die Umsetzung einer der Ideen jetzt vorstellen kann. „Die Frage ist nur, ob das bezahlbar ist“, sagt er.

CDU bevorzugt eine Plakette – aus mehreren Gründen

Weil es in Corona-Zeiten wieder etwas finsterer aussieht mit den Pinneberger Finanzen, hat die CDU jetzt mit den Bürgernahen ganz aktuell den Antrag gestellt, der Ratsversammlung zu empfehlen, kein Gegendenkmal am Bahnhof zu errichten, sondern lediglich eine Plakette anzubringen. Carl-Eric Pudor, Vorsitzender des Stadtentwicklungsausschusses und selbst Historiker, meint dazu: „Denkmäler sind Quellen. Die sollte man im wissenschaftlichen Bereich kommentieren, aber nicht im öffentlichen Raum.“ Ein Gegendenkmal zum Denkmal am Bahnhof ist aus seiner Sicht unnötig: „Solche Darstellungen können nur die Meinung eines Zeitgeistes wiedergeben. Ich möchte, dass sich die Menschen, wie es unsere Demokratie vorsieht, auch mit solchen Themen vorurteilsfrei und offen beschäftigen können. Eine Vorkommentierung durch ein Gegendenkmal halte ich hierbei für wenig sinnvoll. Zudem bleibt für ein solches Denkmal nur die Möglichkeit, Bäume am Rand des Fahlt zu fällen.“ Auch wisse er nicht, wo das Geld für ein Gegendenkmal herkommen solle.

Das sieht die Mahnmal-Initiative völlig anders. Ihre Mitglieder setzen sich seit Langem für einen Künstler-Wettbewerb ein, aus dem Entwürfe für ein Gegendenkmal hervorgehen sollten. „Die Initiative hat angeboten, das Preisgeld von 5000 Euro für den Künstlerwettbewerb zu bezahlen und sich in erheblicher Höhe an den Baukosten zu beteiligen“ sagt deren Sprecher Jochen Hilbert, der viel Mühe aufgewendet hat, um eine öffentliche Diskussion in Gang zu bringen und die historischen Hintergründe zu erhellen.

SPD möchte Entwürfe von Schülern umsetzen

Ihm springt Manfred Stache von den Grünen & Unabhängigen bei, der ebenfalls Mitglied der Initiative ist: „Wir wollen einen Künstlerwettbewerb. Den hat auch die Arbeitsgruppe beschlossen. Es gibt immer mehr rechtsradikale Tendenzen. Im Umfeld der Nazi-Stele muss deshalb etwas gemacht werden. Es ist ungeheuer wichtig, dass wir da Flagge zeigen“, so Stache. „Das Denkmal ist einmalig im Kreis und eines der größten im ganzen Land. Das macht eine einfache Plakette nicht wett.“ Zudem macht Stache darauf aufmerksam, dass dessen Renovierung allein schon 50.000 Euro gekostet habe und dass die Baukosten für den Bahnhofs-Vorplatz wohl um die 20 Prozent steigen würden. Der Restbetrag dafür werde derzeit auf 1,4 Millionen Euro geschätzt. Im Vergleich zu solchen „Riesenkosten“ sei ein Gegen-Denkmal bezahlbar, „ich bin für eine Ergänzung.“

Auch Kai Vogel (SPD) will das: „Wir werden den Antrag von CDU und Bürgernahen ablehnen.“ Die SPD-Fraktion tendiere dazu, einen der drei prämierten Schüler-Entwürfe durch einen Steinmetz umsetzen zu lassen, da die Auslobung eines Künstler-Wettbewerbs und die Umsetzung eines der Entwürfe wesentlich teurer würden, der SPD-Politiker spricht von einem sechsstelligen Betrag.

Vogel: „Wer das Kriegsdenkmal in Pinneberg betrachtet, muss unmittelbar erkennen, dass hier der Krieg verherrlicht wird. Ein ergänzendes Denkmal schafft es deutlich sicherer, dass der kritische Blick geweckt wird. Eine kleine Plakette reicht definitiv nicht, um sofort klar zu machen, dass Krieg immer Elend und Tod bedeutet. Denn eine Plakette wirkt für mich so, als ob wir mit einem Wattebausch auf Panzer werfen.“

Auch Sabine Bielfeldt von der Jüdischen Gemeinde Pinneberg hatte sich seinerzeit für einen Künstlerwettbewerb mit dem Ziel der Umgestaltung des Denkmals als Mahnmal ausgesprochen. Die auf Erinnerungskultur spezialisierte Historikerin Loretana de Libero, Professorin an der Universität Potsdam, hatte 2018 ein Gutachten zu dem Pinneberger Denkmal verfasst. Darin steht: „Das Pinneberger ,Ehrenmal‘ war ganz im Sinne der nationalsozialistischen Denkmalstifter kein Ort der Trauer oder gar ein ,Mahnmal‘ gegen den Krieg. (...) Die Gefallenen des Ersten Weltkrieges wurden für die Selbstinszenierung des Regimes missbraucht.“

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