Gastronomie

Wie in Uetersen Tradition zum Trend wird

| Lesedauer: 4 Minuten
Joana Ekrutt
Die Geschwister Bernd und Anne Ratjen haben für die familiengeführte Traditionsgaststätte „Zur Erholung“ in Uetersen während des Shutdown ein neues Trend-Konzept entwickelt.

Die Geschwister Bernd und Anne Ratjen haben für die familiengeführte Traditionsgaststätte „Zur Erholung“ in Uetersen während des Shutdown ein neues Trend-Konzept entwickelt.

Foto: Joana Ekrutt / HA

Inhaber in der sechsten Generation wandeln den Gasthof „Zur Erholung“ in ein nachhaltiges Bistro mit Feinkostladen um.

Uetersen.  Fast unscheinbar liegt die Gaststätte „Zur Erholung“, die seit 1862 als Familienbetrieb geführt wird, an einer Straßenecke in Uetersen. Aber eben nur fast. Der giftgrüne Anstrich und das moderne Logo an der Außenfassade stechen aus der doch recht monotonen Häuserreihe heraus.

Beim Betreten der Räumlichkeiten verfestigt sich dieser Eindruck. Eine raumtrennende schwarze Regalwand, an deren Kopfseite ein langer, antiker Tresen das Herzstück des Raumes bildet, trifft auf eine hohe, schwarzgestrichene Decke, von der 50er-Jahre-Kronleuchter auf rustikales Holzmobiliar herabstrahlen. Die weißen Säulen in der Mitte des Raumes lassen das Ambiente noch eindrucksvoller wirken. Auf einer schwarzen, neben dem Tresen angebrachten Tafel stehen in großen Kreidelettern die Getränkeauswahl sowie die Gerichte des Tages. Ein modernes und stylishes Ambiente, das den dort ehemals beheimateten Tanzsaal inklusive Bühne und Platz für bis zu 300 Personen augenblicklich vergessen lässt.

Die Idee entstand kurzfristig während des Shutdown

„Die Idee ist während des Shutdown entstanden“, sagt Inhaber und Küchenchef Bernd Ratjen. „Ich musste mir die Frage stellen, wie geht es überhaupt noch weiter?“ Denn: Das eigentliche Hauptgeschäft des 38-Jährigen, das Ausrichten von Veranstaltungen, ist mit Beginn der Corona-Pandemie komplett weggebrochen. Zusammen mit seiner Schwester Anne (36) entwickelte er ein neues Konzept für die Traditionsgaststätte. Um die Auflagen zu erfüllen und die Betriebskosten zu senken, halbierten sie den Tanzsaal und ließen in die eine Hälfte eine Kombination aus Bistro und Feinkostladen einziehen. Besucher erwartet dort ein täglich wechselnder Mittagstisch, eine Kaffee- und Kuchenauswahl oder ein Glas Wein. Der Wein kann im Anschluss auch in der Flasche für zu Hause gekauft werden.

Das neu entwickelte Gastronomiekonzept ergänzt das kleine, im Nebenraum gelegene Restaurant, das Bernd Ratjen 2017 ins Leben rief, als er die Gaststätte mit seiner Schwester von den Eltern übernahm.

Erfahrung in der Spitzengastronomie gesammelt

Beim Kochen legt Ratjen, der über einige Erfahrung in der Spitzengastronomie verfügt, vor allem Wert auf einfache, modern interpretierte Gerichte aus regionalem und nachhaltigen Anbau. Den Bio-Gedanken haben die Geschwister konsequent verfolgt und sich durch eine jüngst erworbene Bioland-Zertifizierung der höchsten Stufe noch ein weiteres Alleinstellungsmerkmal geschaffen. „Wir sind überzeugt davon, dass die Zukunft in Nachhaltigkeit und Regionalität liegt und möchten in Uetersen einen Ort bieten, an dem man in unkomplizierter Atmosphäre Speisen in Bio-Qualität genießen oder einkaufen kann“, sagt Bernd Ratjen. Auch selbstgemachte Produkte haben die Ratjens im Angebot. Denn das Geschwisterpaar wurde schon ein weiteres Mal während des Shutdown kreativ. Während das Restaurant und der Tanzsaal schließen mussten, setzten sie auf in Handarbeit hergestellte Suppen, die in Uetersen und bei weiteren Partnern vor Ort oder online bestellt werden können. Die „No Show Soup“, quasi die Abstandssuppe, wird auch weiterhin im Bistro angeboten. Neben den Suppen liegt ein besonderer Fokus auf Weinen, mit denen sich Anne Ratjen bestens auskennt und Gästen beratend zur Seite steht.

Um der moderneren Ausrichtung Gewicht zu verleihen, haben die Geschwister auch den Namen des Familienbetriebs, den sie in sechster Generation führen, geändert. Das neue Gastronomie-Gesamtkonzept soll künftig „Zur Erholung“ heißen. „Gaststätte hört sich so angestaubt an“, sagt Anne Ratjen, die als Serviceleiterin fungiert. „Wir sind jung, und das passt nicht zu uns.“

Sobald größere Veranstaltungen wieder zugelassen werden, können die Räumlichkeiten auch gemietet werden. Für die zurzeit ungenutzte zweite Hälfte des alten Tanzsaals haben die Ratjens auch bereits eine Idee: ein energieeffizientes Kühlhaus. Das Motto der einfallsreichen Geschwister: „Wir müssen uns bewegen und nach vorn gucken.“

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