Kreis Pinneberg

Papageienfreunde: Die Retter der bunten Vögel

Martina Krebs (53, l.) und Eva Olszewski (51) beobachten einen grünen Edelpapagei.

Martina Krebs (53, l.) und Eva Olszewski (51) beobachten einen grünen Edelpapagei.

Foto: Nico Binde / HA

Die Papageienfreunde Nord nehmen sich ausgesetzter Tiere an, deren Besitzer überfordert waren. Das kommt leider oft vor.

Klein Nordende.  Da ist zum Beispiel Ludwig. 24 Jahre alt, Australier, gut gebaut – und megalaut. Ein Gelbhaubenkakadu wie aus dem Bilderbuch. Ziemlich schlau soll er auch sein. Jedenfalls reagiert er sofort, als Eva Olszewski an seine Voliere tritt. Der Exot trippelt ein paar Schritte auf seiner Stange nach vorn, stellt seine formschöne Federhaube auf, spreizt seine Flügel und tanzt wie ein Wilder. Kopf hoch, Kopf runter. Als wäre er ein Headbanger in Wacken, wenn dort Iron Maiden spielt.

Ludwig ist zweifellos speziell, wie er da in seiner Voliere in Klein Nordende sitzt. Und gerade dieses Besondere wird manchen seiner Art zum Verhängnis. Denn Ludwig ist einer von zehn Vermittlungsvögeln, die der Verein Papageienfreunde Nord gerade in seiner Obhut hat. Ausgesetzt, verstoßen, zurückgegeben. Kein seltenes Schicksal von Papageien in Deutschland. Im Norden landen die bunten Vögel dann in Klein Nordende, wo sich die Experten des Vereins der Tiere annehmen.

Das Problem: Papageien sind zunächst mal unterhaltsame Haustiere, sie können Geräusche und Sprache imitieren, haben das Intelligenzniveau von Kleinkindern und gelten als Accessoiretiere, was viele Menschen reizvoll finden. Gern genommenes Fotomotiv: Papagei auf der Schulter. „Aber – und das wissen viele nicht – sie sind auch eine sehr anspruchsvolle Spezies“, sagt Eva Olszewski, 51 Jahre alt und erste Vorsitzende der Papageienfreunde. „Sie machen viel Dreck, sind sehr laut, müssen mindestens zu zweit sein.“ Das würden viele Halter unterschätzen. Die Folge: Die Tiere werden abgeben. Oder, noch schlimmer, sie müssen aus schlechter Haltung befreit werden.

Der Verein, dessen Ziel es ist, sich um in Not geratene exotischen Vögel in ganz Norddeutschland zu kümmern, sie zu vermitteln und mögliche Halter zu beraten, ist gerade bei Martina Krebs im Kreis Pinneberg untergekommen. Die 53 Jahre alte Frau ist schon vor längerer Zeit extra aus Hamburg nach Klein Nordende gezogen, um ihrer Leidenschaft auch räumlich gerecht werden zu können. Denn ihre Leidenschaft sind Papageien – und die brauchen viel Platz statt eines goldenen Käfigs. Etwa 100 Tiere aus unterschiedlichen Gattungen krächzen seither auf ihrem Hof um die Wette. Sittiche, Papageien, Kakadus – alle Farben des Regenbogens.

Mit einem Wellensittich hat bei Martina Krebs alles angefangen, dann kam ein Großsittich und schließlich ihr erster Kakadu – für damals 1800 Mark. Danach wurden es mehr und mehr dieser durchaus imposanten Vögel, für die man heute zwischen 1000 und 2000 Euro bezahlt. „Man kann ihnen beim Denken zusehen – das finde ich großartig“, sagt Krebs. Inzwischen mag sie besonders gern ihren Molukken-Kakadu Hansi. Ein Prachtkerl von etwa 50 Zentimeter in schönstem Pastellrosa, der mit einem Artgenossen frei in ihrem Haus herumspazieren darf.

Die übrigen Tiere – Nymphensittiche, Bergsittiche, Edelpapageien, Graupapageien oder Ziegensittiche, um nur einige zu nennen – teilen sich die etlichen Volieren im Garten in Klein Nordende. Darunter auch die zehn Vermittlungspapageien. 60 Tiere pro Jahr vermittelt der Verein der Papageienfreunde Nord in ein neues Zuhause. Klein Nordende ist aber nur wegen Martina Krebs, der zweiten Vorsitzenden des Vereins, das momentane Domizil. „Eigentlich suchen wir einen richtigen Vereinssitz mit viel Platz für die Vögel“, sagt Eva Olszewski. Eine Art Gnadenhof für die Papageien.

Wer die Tiere hält, braucht tolerante Nachbarn

Viel Platz ist eine Grundvoraussetzung für die Haltung von Papageien. Zum Fliegen und Vergesellschaften. Kleine Käfige werden den relativ großen Tieren jedenfalls nicht gerecht. Da nicht alle Vogelbesitzer das Ausmaß der Papageienhaltung überblicken, hat sich der Verein auch die Beratung auf die Fahnen geschrieben. Vor allem bei Vermittlungen. Das beginnt manchmal schon mit der Wahl des richtigen Tierarztes, nicht jeder Veterinär kennt sich mit Papageien aus.

Basistipps sind demnach: Immer mindestens zu zweit halten. Tolerante Nachbarn, denn Papageien sind lärmende Tiere, die sich nur schwer in einem Mehrfamilienhaus wohlfühlen dürften. Besitzer sollten zudem Spaß am „Hinterherwischen“ haben, denn die Exoten machen enorm viel Dreck. Und, ganz wichtig: Die Lebensdauer eines Papageis sollte nie unterschätzt werden. Die Tiere werden 40 bis 50 Jahre alt. „Viele Vögel überleben ihre Halter oder die Ehen ihrer Besitzer“, sagt Olszewski. Entsprechend viele „Scheidungspapageien“ gebe es.

Eva Olszewskis Lieblinge sind die Graupapageien. Afrikaner, die selbst innerhalb ihrer Art als „hochintelligent“ und „sprachbegabt“ gelten. Ihr gefalle, dass die Tiere den Menschen regelrecht auschecken, ihre Eigenarten haben und fast so etwas wie „Charaktervögel“ sind. Während sie sich in freier Wildbahn durch Kreischlaute und schrilles Pfeifen verständigen, können sie in menschlicher Obhut nicht nur einen beachtlichen Wortschatz entwickeln, sondern auch Werkzeuge benutzen. 73 Jahre wurde das älteste Exemplar bisher.

Eine Mischung aus Zuneigung, dem Bedürfnis nach Tierschutz und dem Tod des ehemaligen Vereinsvorsitzenden hat die Papageienfreunde nach Klein Nordende verschlagen. Bis 2015 hatte der langjährige Vorsitzende Alfred Pallentin beschlagnahmte oder in Not geratenen Papageien beherbergt. Mit seinem Tod musste ein neues Domizil gefunden werden. Deshalb bot sich Martina Krebs an. Für Notfälle, die sofort abgeholt und untergebracht werden müssen, sei es künftig aber notwendig, eine eigene Station zu etablieren. Bisher fehlen dafür jedoch die finanziellen Mittel.

Solange nimmt die eigenwillig lustige Frau aus Klein Nordende die Tiere auf. Den Kontakt zum örtlichen Veterinäramt hat sie bereits hergestellt, um demnächst als Ansprechpartnerin in Notfällen zur Verfügung zu stehen. Ihr Mann duldet das Engagement seiner Frau.

Und bringt sogar Opfer. Neulich wurde er nämlich von Ludwig, dem 24 Jahre alten Gelbhaubenkakadu, „gelocht“. Das heißt, er bekam eine Kostprobe von Ludwigs Schnabelfertigkeiten, und zwar in den Arm. Große Vögel, große Schnäbel. Auch das sollte bedenken, wer sich einen Papagei zulegen möchte.

Den Verein Unterstützen – So geht’s:

Der Verein Papageienfreunde Nord feiert am 8. Februar 2021 sein 30-jähriges Bestehen. Seit der Gründung hat er das Ziel, eine Auffang-, Pflege- und Altersstation für in der Art bedrohte, hilfsbedürftige, misshandelte, pflegebedürftige, kranke, alte oder ständig den Besitzer wechselnde Papageien in Norddeutschland aufzubauen. Auch die Vermittlung von abgegebenen Papageien ist ein Kernziel des Vereins.

Wer den Tierschutz für Papageien unterstützen will, kann dem gemeinnützigen Verein etwas spenden, und zwar über PayPal (kontakt@papageienfreunde-nord.de) oder per Banküberweisung (IBAN: DE84 2019 0003 0000 8354 04).

Weitere Informationen per E-Mail an kontakt@papageienfreunde-nord.de oder im Netz www.papageienfreundenord.de/vermittlung