Münster/Holm

Tote Tante: Spricht das Gericht den Neffen frei?

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Alexander Sulanke
Burkhard M. verbirgt am 27. Februar zum Auftakt des Mordprozesses im Landgericht Münster mit einem Aktendeckel sein Gesicht.

Burkhard M. verbirgt am 27. Februar zum Auftakt des Mordprozesses im Landgericht Münster mit einem Aktendeckel sein Gesicht.

Foto: Alexander Suanke / Alexander Sulanke

Es gibt offenbar keinen einzigen Beweis, der den Holmer Burkhard M. belastet. Leiche war an einem Teich nahe Appen gefunden worden.

Münster/Holm.  Ist der Holmer Burkhard M., der sich vor dem Landgericht Münster wegen Mordes an seiner Tante verantworten muss, bald wieder ein freier Mann? Seine beiden Verteidiger Matthias Domsch und Dietmar Cyrus halten das für zwingend erforderlich. Am Donnerstagabend haben sie auf Freispruch plädiert. Die Staatsanwaltschaft hatte nach Auskunft des Gerichtssprechers Steffen Vahlhaus zuvor eine lebenslange Freiheitsstrafe beantragt. Das Urteil soll am 16. Juli fallen.

Nach Überzeugung der Anklagebehörde hat der 52 Jahre alte Wirtschaftsinformatiker M. seine Tante Agnes Maria M. am 2. August vergangenen Jahres in ihrem Haus im Münsteraner Stadtteil Kinderhaus besucht und getötet. Motiv: Habgier, Streit um ein 25.000-Euro-Darlehen, das M. nicht habe zurückzahlen können oder wollen. Am 6. August gab die Enkelin der alten Dame eine Vermisstenanzeige bei der örtlichen Polizei auf, auch 14 Tage später, die Oma war längst tot, wurde noch nach ihr gesucht. Eine Spaziergängerin fand die Leiche der Münsteranerin am 30. August an einem Teich nahe dem Schäferhofweg bei Appen. Polizisten nahmen Burkhard M. am 4. September in seiner Doppelhaushälfte in Holm fest. Seitdem sitzt er in Münster in Untersuchungshaft.

Laut Staatsanwalt tötete Burkhard M. seine Tante „durch stumpfe Gewalt gegen den Hals“, schaffte sie dann in den Kofferraum seines Volvo V 90, warf um 16.39 Uhr sein Smartphone in den Kinderbach und fuhr mit der Leiche dann die 292 Kilometer gen Norden bis nach Appen, wo er sie nahe dem Teich versteckte.

Alsbald fiel der Verdacht auf Burkhard M. Schon am 14. August, noch vor dem Auffinden der Leiche, durchsuchten Beamte der Mordkommission Itzehoe M.s Doppelhaushälfte und beschlagnahmten seinen Volvo-Kombi, ein Dienstwagen einer Softwarefirma. Im Handschuhfach fanden die Polizisten eine Schreckschusswaffe.

Und sonst? Nichts. „Es gibt keinerlei objektive Beweismittel“, sagt Strafverteidiger Cyrus nach den Plädoyers gegenüber dem Abendblatt. „Es gibt weder einen Beweis für die Tötung noch einen Beweis für Habgier.“ Das Verfahren habe gezeigt, dass sein Mandant vermögend genug gewesen sei, um das 25.000-Euro-Darlehen ablösen zu können.

Auch Gerichtssprecher Vahlhaus bestätigt auf Abendblatt-Anfrage, dass es keine Beweise gebe. „Es ist letztlich ein reines Indizienverfahren. Es ist keine einzige Spur gefunden worden.“ Das bedeutet: Weder an der Leiche konnte DNA des Angeklagten gefunden werden, noch fanden sich im Volvo-Kofferraum Spuren der Getöteten.

Holmer sagte, er wollte Tante Kampftechniken beibringen

Burkhard M. hat ohnehin eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Zwar schwieg der Holmer im Prozess über weite Phasen, seine Version ergibt sich aber aus einem Protokoll, das auf Ersuchen der Münsteraner Polizei am 9. August im ersten Stock des Pinneberger Polizeireviers erstellt wurde. Der Holmer, zu dem Zeitpunkt identifiziert als Letzter, der Agnes Maria M. lebend gesehen hatte, genoss an diesem Tag noch Zeugenstatus – und äußerte sich noch. Demnach fuhr er am 2. August nach Münster, weil sich seine Tante von ihrer Tochter Nele und ihrem neuen Freund – eine Internetbekanntschaft aus dem Ruhrpott – bedroht gefühlt habe. Er, der beim Wedeler TSV Kampfsporttechniken unterrichtet hatte, habe der Tante ein bisschen Selbstverteidigung beibringen wollen.

Im Polizeiprotokoll aus Pinneberg wird er dazu wie folgt zitiert: „Nach dem Essen haben wir geübt“, auch, wie man sich aus einem Würgegriff am Hals befreie. Aber: „Ich habe sie nie wirklich gewürgt.“ Burkhard M. fuhr nach eigener Aussage am 2. August nach der Kampfsportlektion einfach wieder nach Hause – ohne Tante im Kofferraum des Volvo.

Im Prozessverlauf belasteten Telefondaten und Chatprotokolle den Angeklagten. Ein als Zeuge geladener Beamter ein Telefondaten-Analyst, berichtete, dass das Opfer und der Angeklagte am Tag des Mordes mehrfach telefoniert hatten. Die Ortungsdaten hätten ergeben, dass das Telefon des Angeklagten zur Tatzeit gegen 15.40 Uhr im Stadtteil Münster-Kinderhaus eingeloggt war, gegen 17 Uhr habe es diesen Funkbereich verlassen.

Am vorletzten Prozesstag brach Burkhard M. sein Schweigen überraschend. Er räumte auch persönlich noch mal ein, in Münster gewesen zu sein, seine Tante jedoch nicht getötet zu haben. Er hätte noch mal zu ihrem Haus zurückfahren wollen, es jedoch nicht getan. Deshalb mache er sich Vorwürfe.

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