Kreis Pinneberg

Bürgervotum: Wie Rellingen sich entwickeln soll

| Lesedauer: 6 Minuten
Katja Engler
Die Gemeinde Rellingen. hier das Ortsschild, soll sich behutsam wandeln, so viel steht fest. Sogar ein „Shared Space“ ist im Gespräch.

Die Gemeinde Rellingen. hier das Ortsschild, soll sich behutsam wandeln, so viel steht fest. Sogar ein „Shared Space“ ist im Gespräch.

Foto: Alexander Sulanke

Das Konzept für die Zukunft nimmt langsam Kontur an. Die großen Themen auf der Wunschliste der Einwohner sind Wohnen, Leben und Verkehr.

Rellingen.  Spätestens seit Bürgermeister Marc Trampe mit bis zu 80 Bürgern in der kalten Jahreszeit durch die unterschiedlichen Rellinger Ortsteile marschiert ist, hat es bei ihm „klick“ gemacht: Er ist zu einem Fan des Ortsentwicklungskonzeptes geworden. Weil sich dadurch so viele Menschen persönlich begegnet und „auf Augenhöhe“ miteinander ins Gespräch gekommen sind. Über ihr Zuhause. Über den Ort, in dem sie leben, durch den sie hindurchfahren oder im Stau stehen, wo sie einkaufen, Freunde treffen und die Kinder zur Schule gehen.

Ebenso begeistert ist er, weil sich auch über den digitalen Weg eine selbst im überregionalen Vergleich immense Menge an Bürgern beteiligt hat. Mehrere hundert Rellinger haben sich auf einer so genannten Wiki-Map (einer digitalen Landkarte) betätigt, viele sinnvolle Anregungen, Ideen und Vorschläge für die Entwicklung Rellingens eingetragen. Alle seien in das neue Konzept eingeflossen sind. Diese erste Phase ist nun abgeschlossen, und ein erster Entwurf für den Masterplan des Ortes liegt vor.

Die Themenfelder sind wenig überraschend. Interessant sind die Details und das, was in den nächsten Monaten unter fortgesetzter Beteiligung der Bürger daraus gemacht wird. „Jetzt muss es konkreter werden“, sagt Marc Trampe. „Ich möchte nämlich kein Konzept, in dem steht, dass noch andere Konzepte erarbeitet werden müssen.“

Am Ende des Entwicklungsprozesses wird es also eine konkrete Liste an Projekten geben. „Ich fände es dann sinnvoller, daraus drei bis fünf Projekte auszuwählen und die vernünftig umzusetzen, als zehn bis 15 halb gar weiter zu verfolgen“, sagt Trampe. Es gebe schließlich nicht bei allen Themenfeldern Zeitdruck, „man kann das ja auch strecken“. Das letzte Entscheidungsrecht am Ende des ganzen Prozesses liegt bei der Politik. Die muss dann nämlich die Gelder lockermachen und darüber entscheiden, was Priorität hat und welches Vorhaben noch Zeit benötigt.

Zehn Leitziele wurden festgehalten. Dazu gehört einerseits der Erhalt der ländlicheren Strukturen, andererseits eine behutsame und angepasste Wohnbauentwicklung. Natürlich soll auch mehr Gewerbe angesiedelt werden, wozu aber neue Gewerbegebiete ausgewiesen werden müssen, was, wie sich kürzlich erst gezeigt hat, einigen Zündstoff in sich bergen kann, wenn Wohnbebauung und Schulen in der Nähe liegen.

Einen gewichtigen Faktor bildet die Verkehrsentwicklung, die sehr viele Rellinger beschäftigt. Sicher ist zudem, dass die Nahversorgung und das Vorhandensein von Ärzten in allen Ortsteilen gewährleistet bleiben beziehungsweise hergestellt werden soll. Auch das Gemeindeleben braucht eine Stärkung. Wie die Ortsmitte Rellingens aktiviert werden kann, wird noch für viel Gesprächsstoff sorgen. Auch Umweltschutz, Naturerhalt und durchdachtere Möglichkeiten der Naherholung liegen den Rellingern am Herzen.

Geht es um Neubauten, liegen die Interessen der Rellinger Bürger offenbar weit auseinander. „Im Bürgerdialog ist deutlich geworden, dass bezüglich der Gestaltung, des Städtebaus und der Architektur im Ortskern verschiedene Auffassungen bestehen“, heißt es in dem Konzept. Vorschlag: ein baukulturelles Forum oder ein Baukulturausschuss sollen ein Bewusstsein für Gestaltungsfragen schaffen, „der Erhalt alter Bausubstanz soll ebenso seine Berechtigung erhalten wie moderne Architektur“. Deshalb sollen statt Vorschriften „Leitlinien festgehalten werden“. Problem: Leitlinien sind am Ende wenig bindend.

Welcher Wohnraum ist überhaupt gewünscht? „Ein Grundmaß an bezahlbarem und den Anforderungen angepasstem Wohnraum“, heißt es da, außerdem brauche es innovative Ansätze wie Mehrgenerationswohnformen, und es fällt der Begriff „generationengerecht“. Das heißt: „kleiner und preisgünstiger Wohnraum, der sowohl für junge als auch für alte Menschen geeignet ist“. Dazu wird die Gründung einer Genossenschaft angeregt. Angestrebt wird darüber hinaus, einen Generationenwechsel im Bestand anzuvisieren, indem mehr seniorengerechter Wohnraum geschaffen werde. „Die Rede ist von „mindestens 30 weiteren kleineren barrierefreien Wohnungen“ im Ort.

Und wie soll sich der Ortskern entwickeln? Das ist noch nicht so deutlich. Das Areal rund um Edeka Böge und das alte Postgelände sollen gestalterisch und funktionell aufgewertet werden, auf dem Platz sollen sich Menschen künftig gerne aufhalten. Auch der nahe Sportplatz soll aufgewertet werden, indem das Freizeitangebot für alle Generationen ausgeweitet wird. Um noch mehr Parkplätze zu schaffen oder die vorhandenen zu verlegen, ist auch eine Unterkellerung des Sportplatzes mit einer Tiefgarage angedacht. Und natürlich sollen sich weitere Gastronomen ansiedeln. Dass das Thema Ortskern ein heißes Eisen ist, ist an folgendem Satz ablesbar: „Minimierung und zukünftig bestmögliche Vermeidung von Gemengelagen und Folgekonflikten“, Lösungen sollten gemeinsam mit den Bewohnenden erarbeitet werden.

Ohne ein modernes Verkehrskonzept ist die Verschönerung des Ortskerns schlechterdings nicht denkbar. Es wird schon im jetzigen Stadium als Schlüsselprojekt erkannt. Rellingen ist autogerecht. Geh- und Radwege sind teilweise holprig, zu schmal oder gar nicht vorhanden und meist nicht barrierefrei. Auch fehlen Möglichkeiten, die Fahrräder abzustellen.

Die Bürger haben für die Hauptstraße den Vorschlag gemacht, diese zum „Shared Space“ zu machen, also künftig Fußgänger, Radler und Autofahrer vollkommen gleichberechtigt sich im selben Raum fortbewegen zu lassen. Zusammengefasst heißt es: „Um eine Verkehrsreduzierung in der Gemeinde zu erzielen, ist der Ausbau und die Förderung des Fuß- und besonders des Radverkehrs und des ÖPNV unerlässlich. In Rellingen soll daher die Verkehrswende angestoßen werden.“

Dazu zählen Angebote für Carsharing, Leihangebote für Lastenfahrräder und eine bessere Anbindung aller Ortsteile an das überörtliche Bus- und Bahnnetz. Ein wichtiger Faktor ist dabei die Sicherung der Schulwege, die im Umfeld der Caspar-Voght-Schule jetzt schon im Gange ist. „Die Schülerinnen und Schüler kennen die Gefahrenstellen auf den Wegen am besten und sollten daher stets einbezogen werden“, heißt es da.

Gerade jetzt, wo so viele Rellinger digital oder sogar leibhaftig zusammengefunden haben, wird nach einem Bürgertreffpunkt gesucht. „Es sollen Räumlichkeiten geschaffen werden, die einerseits die unterschiedlichsten Vereine beherbergen und andererseits auch einen Raum für kleinere, nicht in Vereinen organisierte Gruppen bieten.“ Auch dies wird voraussichtlich ein Schlüsselprojekt der näheren Zukunft.

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