Kreis Pinneberg

Rent a Chicken – Schleswig-Holsteins erster Hühnerverleih

| Lesedauer: 6 Minuten
Kitty Haug
Matthias Graupner aus Ellerhoop verleiht Hühner an Kitas, Grundschulen und Seniorenheime. Sogar mit Zubehör wie einem mobilen Stall, Einstreu und Futter.

Matthias Graupner aus Ellerhoop verleiht Hühner an Kitas, Grundschulen und Seniorenheime. Sogar mit Zubehör wie einem mobilen Stall, Einstreu und Futter.

Foto: KITTY HAUG / Kitty Haug

Wie ein Berufsfeuerwehrmann in Ellerhoop eigentlich nur frische Eier wollte – und nun seine Tiere auch an Kitas abgibt.

Ellerhoop. Die Sonne scheint, ein leichter Wind weht über den Garten der Familie Graupner in Ellerhoop. Im rückwärtigen Teil des Grundstücks, abgegrenzt durch einem Zaun, steht ein Holzhaus, das an ein Kinderspielhaus erinnert. Wäre da nicht die Hühnerleiter. Davor scharren Hühner in Mulden, picken im Gras oder reiben sich die Schnäbel an einem alten Baumstamm, stolz bewacht von einem weißen Hahn. Ab und zu gackert ein Tier. Es fehlt eigentlich nur noch der Misthaufen, auf dem der Hahn hockt. Heute kennen viele dieses Bild nur noch aus dem Museumsdorf. „Dabei ist es gar nicht so schwer, Hühner im eigenen Garten zu halten“, sagt Matthias Graupner.

Die Vögel, die von Menschen seit mehr als 8000 Jahren domestiziert werden, erleben aktuell einen Boom. Immer mehr private Haushalte finden Gefallen an der Hühnerhaltung. Ob das an den Skandalen um Dioxin-Eier, der Vogelgrippe, an der oftmals schlechten Hühnerhaltung in Riesenbetrieben oder jetzt gar an der Corona-Pandemie liegt, kann Graupner nicht genau festmachen. Der Beamte der Berufsfeuerwehr kann nur erklären, warum er Hühner hält und sie mittlerweile auch vermietet – eine Idee, die in Schleswig-Holstein einmalig ist.

18 Hühner und ein Hahn

Seine Geschäftsidee hatte er bereits im vergangenen Jahr, richtig gestartet ist sein Unternehmen „Hühnerverleih Graupner“ dann im Februar dieses Jahres. Wie kam er darauf? Das ist eine Geschichte, die noch viel länger zurückliegt. „Meine Frau isst jeden Tag ein Ei zum Frühstück“, sagt Graupner und ergänzt: „Dann gab es einen Freund, der vier Hühner hatte. Wir haben uns das angeschaut und uns dann ebenfalls vier Hühner gekauft.“ Die Graupners wohnten damals in Hamburg Niendorf, am Rande des Niendorfer Geheges. Nach der Geburt der Kinder – heute fünf und neun Jahre alt – rückte die Eierproduktion an zweite Stelle: Familie Graup­ner stellte fest, dass die Hühner ihren Kindern Stunden voller Vergnügen und eine ganze Reihe an Lernmöglichkeiten boten.

Graupner und seine Frau sind Kinder der Großstadt, allerdings mit einem familiären Bezug zum Landleben. Daher war es für sie keine große Umstellung, nach 35 Jahren mit Kindern und Hühnern die Stadt zu verlassen und nach Ellerhoop zu ziehen. Sie kauften mehr Federvieh – heute 18 Hühner und ein Hahn. Und immer mehr Freunde und Bekannte überlegten, es ihnen gleich zu tun. Doch letztendlich fehlte der Mut, meint Graupner. „Man müsste sich die mieten können“, hieß es. Damit war die Idee geboren. Und sie läuft.

Nun hat Graupner drei feste Hühner-Quartette, die er verleiht. Es ist ein Nebenjob. „Man wird nicht reich, aber es hilft, die Urlaubskasse zu füllen. Und es macht viel Spaß“, sagt der 39-Jährige. Das Wissen um die Hühnerhaltung und -aufzucht hat sich Graupner durch Bücher angeeignet.

Handzahm, geimpft und zutraulich

„Die Hühner werden alle drei Monaten vom Landarzt untersucht. Sie sind geimpft, in der Regel handzahm und zutraulich“, sagt ihr Besitzer. Jedes Huhn hat aber seinen eigenen Charakter, lasse sich nicht immer auf dem Arm nehmen, und es ist auch keinesfalls so, dass ein Huhn jeden Tag ein Ei legt. Aber auf die Bioeier-Produktion kommt es dem Hühnermann, wie er mittlerweile auch im Freundeskreis genannt wird, auch nicht an. Das Ziel ist es, dass Familien, Kinder in Kindergärten oder Bewohner eines Seniorenheims eine schöne Zeit mit seinen Hühnern genießen. Während Kinder das Leben der Tiere aus der Nähe verfolgen können und gespannt darauf warten, dass die jungen Hühner zum ersten Mal Eier legen, bringe der Kontakt mit den Vögeln Abwechslung in das Leben von Senioren, versetze sie der Kontakt doch auch in ihre Kindheit.

Graupner hat gute Erfahrungen mit dem Verleih an Kindergärten gemacht. Berührungsängste sind auf beiden Seiten nicht zu spüren. Kaum in der Kita angekommen, werden die Tiere bestaunt und gestreichelt. Schnell sind Namen gefunden und ein Betreuungsplan aufgestellt. Bei der Abholung fließen dann schon mal Tränen. Stress nach zwei Wochen Kindergarten ist den Tieren nicht anzumerken. „Sie sind eher dicker“, werden sie doch liebevoll mit Küchenabfällen gefüttert, meint Graupner.

Mehr als 20 Kilometer Autofahrt stresst die Tiere

Die Corona-Pandemie hat das Geschäftsmodell erst ausgebremst, dann aber befeuert. Zwar sei die Vermietung an Kitas, Grundschulen und Altenheime komplett zum Erliegen gekommen, dafür gab es sehr viele Anfragen von Familien, erklärt der Hühnermann. Sein Belegungskalender ist auch jetzt voll. Es sind inzwischen auch wieder Kitas und Grundschulen aus der Umgebung, an die er vermietet. Kunden, die weiter als 20 Kilometer entfernt wohnen, muss er vertrösten. Eine mehr als einstündige Autofahrt würde die Tiere zu sehr stressen. Das gilt auch für Besitzer größerer Hunde. Denn werden Hühner von einem Hund erschreckt und flattern aufgeregt gackernd davon, weckt das vor allem bei Jagdhunden den Jagdinstinkt.

Wer mieten will braucht einen eigenen, aber keinen perfekten Garten, keinen riesigen Rasen. Eine Naturfläche (Rasen, Wiese oder Erde) von 20 bis 25 Quadratmetern reicht. Graupner vermietet ein Rundum-sorglos-Paket bestehend aus drei bis vier Legehennen, einem Mobilstall, einem 25 Meter langen Steckzaun, der individuell an die vorhandenen Örtlichkeiten angepasst werden kann, sowie Einstreu, einem Wasser- und Futterspender und Futter. Beim Auf- und Abbau sowie bei der Endreinigung hilft er mit. Bei der Einrichtung in einer Kita wird er von seiner Tochter unterstützt: „Die kann das den Kindern viel besser erklären als ich.“

Niemand muss in aller Herrgottsfrühe aufstehen, um den Stall zu öffnen. Wichtig ist nur, dass die Hühnerklappe jeden Abend pünktlich bei Anbruch der Dunkelheit geschlossen wird, um die Hühner vor Raubtieren zu beschützen. Ställe, die Graupner an Kitas vermietet, haben eine automatische Hühnerklappe.

Und hat er keine Angst, die Vögel könnten seinen Rasen ruinieren? „Sie vertikutieren ihn“, sagt Graupner.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg