Verkehr

Kreis stellt sein neues Radverkehrskonzept vor

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Nico Binde
Ein Fahrradfahrer mit Helm fährt über einen Radweg an der Straße (Symbolbild).

Ein Fahrradfahrer mit Helm fährt über einen Radweg an der Straße (Symbolbild).

Foto: Monika Skolimowska / dpa

Auf 32 von 450 Abschnitten herrscht dringender Handlungsbedarf. Insgesamt sei der Weg zum „Fahrradkreis“ weit. Aber es gibt auch Hoffnung.

Pinneberg. Nach einer großen Online-Befragung, 18.000 ausgewerteten Daten und 450 untersuchten Streckenabschnitten liegt es nun vor – das erste Radverkehrskonzept des Kreises. Das Papier zeigt, an welchen Stellen des 500 Kilometer langen Radwegenetzes am meisten getan werden muss, um das Ziel zu erreichen, den Zweiradanteil am Gesamtverkehr zu steigern. Momentan liegt er bei 16 Prozent. Erstmals wird in dem Radkonzept mit einer Prioritätenliste klar definiert, wie dringlich und sinnvoll der Ausbau oder die Sanierung einzelner Abschnitte des bestehenden Radwegenetzes ist. Die Skala reicht von rot (hoher Bedarf) bis grün (kaum Bedarf, siehe Karte).

Laut dem Konzept, das in zwei Wochen dem Kreistag vorgestellt wird, befinden sich kreisweit 32 Abschnitte in der „roten“ Kategorie mit dem höchsten Handlungsbedarf – allen voran die Elmshorner Straße in Pinneberg, die Hauptstraße in Rellingen und die Kieler Straße in Bönningstedt. Grundsätzlich zeichnet sich ab, dass in den verdichteten Siedlungen am meisten getan werden muss. Im Konzept heißt es dazu: „Es wird deutlich, dass sich der höchste Handlungsbedarf in den Städten konzentriert, wobei Elmshorn und Pinneberg hervorstechen.“ Enormer Handlungsbedarf wird zudem auf dem geplanten Radschnellweg Elmshorn-Hamburg diagnostiziert.

Wie berichtet, hatte schon zuvor eine Online-Befragung unter den Radfahrern des Kreises 4500 Hinweise hervorgebracht, die nun auch im Konzept berücksichtigt wurden. Etwa 4000 Hinweise waren negativ, ein Großteil der vorhandenen Radwege genügte offenkundig nicht den Ansprüchen moderner Zweiradfahrer. Das zusammengefasste Urteil der Nutzer lautete: Es besteht erheblicher Verbesserungsbedarf.

Dieser Bedarf wurde nun von den beauftragten Hamburger Verkehrsgutachtern der Firma Argus im Radkonzept konkretisiert. Um herauszufinden, auf welchen Teilstücken sofort oder erst etwas später etwas getan werden muss, sind sämtliche Radwege fotografiert und dokumentiert worden. In der entstandenen Prioritätenliste war aber nicht nur der bloße bauliche Zustand ausschlaggebend. Auch die Nachfrage, die Lage im Radverkehrsnetz, die Entfernung von Schulen oder die Vernetzung mit dem Nahverkehr spielten bei der Bewertung des Handlungsbedarfs eine Rolle.

Unzulänglichkeiten sind innerorts keine Ausnahme

Der Befund des Ist-Zustands im Konzept ist dabei ebenso ernüchternd wie die vorangegangene Bewertung der Nutzer: „In der Tat ist festzustellen, dass die Bedingungen für Radfahrende in vielen Straßen weder als richtlinienkonform noch als ausreichend im Sinn eines ,abgespeckten‘ Standards anzusehen sind.“ So seien mit Fußgängern genutzte Flächen häufig vorzufinden, Breitenerfordernisse würden vielfach deutlich unterschritten. Diese „Unzulänglichkeiten“ seien innerorts „keine Ausnahme“, sondern die Regel, womit das Radfahren in den Städten häufig mit Konflikten, langsamer Fahrt und Stress verknüpft sei. Ganz zu schweigen von den baulichen Mängeln. Fazit im Konzept: „Der Weg zur gewünschten Attraktivität des Radverkehrs ist noch weit.“

Immerhin erhalten Politiker und Kommunen mit dem neuen Radkonzept aber einen klaren Katalog, den man der Reihe nach abarbeiten kann. Jedenfalls wird sehr deutlich, an welchen Stellen die Investitionen für Radwege sinnvoll sind, um den „weiten Weg zur Attraktivität“ kürzer zu machen. Die Verwaltung des Kreises selbst hatte bereits angekündigt, von nun an jedes Jahr eine Million Euro zur Förderung des Radwegebaus zur Verfügung zu stellen.

In diesem Jahr sollen mit Unterstützung des Kreises etwa in Hetlingen der Radweg zum Klärwerk, in Ellerbek der Radweg zur Moratzentwiete und in Rellingen ein Weg an der Hempbergstraße saniert oder neu hergerichtet werden. Auch Tornesch und Pinneberg bekommen für Fahltskamp (Pinneberg) und Friedensallee, Friedlandstraße, Lindenweg sowie Kleine Twiete (Tornesch) etwas von der Kreis-Million ab.

Im Konzept heißt es zum gezielten Einsatz der Fördergelder: Die „Ergebnisse sollen Handlungsbedarfe im Bestandsnetz aufzeigen und dem Kreis und den Kommunen Hinweise geben, in welchen Bereichen Veränderungen im Radverkehrsnetz nötig wären“. Zudem soll das 42-seitige Papier als Grundlage für die Vergabe dienen. Es könnte bei der Beurteilung konkurrierender Förderanträge helfen.

Die jetzt schon extrem dringlichen 32 Abschnitte befinden sich unter anderem in Pinneberg in der Rockvillestraße, der Hauptstraße, der Eichenstraße, der Friedrich-Ebert-Straße, der Prisdorfer Straße, der Vogt-Ramcke-Straße, dem Damm und dem Wedeler Weg. In Elmshorn ist die Dringlichkeit vor allem in Kaltenweide und der Berliner Straße gegeben. In Tornesch müsse an der Wittstocker Straße, der Esinger Straße und der Friedrichstraße etwas passieren.

Laut Gutachten bestehen im Kreis zudem auch zehn „Netzlücken“. Konkret sind das etwa die König- und Moltkestraße sowie die Brunnenstraße, Lutzhorner Straße und die Mühlenstraße in Barmstedt, die Kaltenweide in Elmshorn, der Luruper Weg, Lütten Hall und Neuer Weg in Halstenbek, wo auch die Straßen Am Bahndamm und Holstenstraße diese Lücken aufweisen. Hinzu kommt der Wedeler Weg in Pinneberg, in Uetersen fehlen Radwege an Kleiner Sand, Marktstraße (B 431), Sandweg und Tornescher Weg und in Hörnerkirchen an Bahnhofstraße, Lindenstraße und Mühlenstraße. Auch Wedel hat Straßen ohne Radweg: Mühlen- und Schauenburgstraße.

Um die Situation nach und nach zu verbessern, ist in diesem Jahr unter anderem auch die radgerechte Sanierung der Kreisstraße 2 zwischen Lutzhorn und Bokel vorgesehen. In Bevern ist die Neuordnung der Radverkehrsführung an der Elmshorner und Hemdinger Straße (Kreisstraße 10) geplant.

Insgesamt sind die mehr als 500 Kilometer Radweg im Kreis in 450 Abschnitte unterteilt worden, die jeder für sich beurteilt wurden. Mehr als die Hälfte kam dabei nicht gut weg. Bedeutet: Es gibt bei der Förderung des Radverkehrs noch viel zu tun.

Kleiner Trost: Laut Konzept sind die Aussichten auf finanzielle Unterstützung vielversprechend. Denn „die Förderkulisse ist zurzeit als sehr günstig einzuschätzen. Insbesondere die Klimaschutzmittel des Bundes, aber darüber hinaus zahlreiche andere Programme auf Bundes- und Landesebene begründen die Hoffnung auf eine Bezuschussung zahlreicher Maßnahmen.“

Eine Übersicht über die Prioritätenliste für die Radwege im Kreis Pinneberg finden Sie in Ihrer Abendblatt-Regionalausgabe Pinneberg.

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