„Meine Stadt rettet“

Pinnebergs Stadtrat ist ein Lebensretter

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Katja Engler
Stadtrat Stefan Bohlen hat seinen Rettungsrucksack immer im Kofferraum seines Autos.

Stadtrat Stefan Bohlen hat seinen Rettungsrucksack immer im Kofferraum seines Autos.

Foto: Katja Engler

Stefan Bohlen hat nicht nur Ahnung von Verwaltung, sondern war auch im Rettungsdienst tätig. Jetzt ist er als „App-Retter“ registriert.

Pinneberg.  Sein Mobiltelefon hat Pinnebergs Stadtrat immer dabei, seit er beschlossen hat, wieder ein bisschen in die alten Fußstapfen zu treten. Vergangenen Herbst hatte sich Stefan Bohlen bei der Appwww.meine-stadt-rettet.de“ angemeldet. Ein Freund aus Hamburg hatte ihn darauf gestoßen. Der hatte es bedauert, dass es diese Möglichkeit in der großen Nachbarstadt nicht gibt. Im Kreis Pinneberg dagegen ist die App grundsätzlich aktiv, und Bohlen, der fünf Jahre Medizin studiert hat, ist damit beim helfenden Personal wieder an Bord.

Wenn der Stadtrat den Kofferraum seines Smart öffnet, fällt ein roter Rucksack ins Auge. Den hatte er sich gekauft, nachdem er als Ersthelfer bei einem schweren Unfall die engen Grenzen seines Erste-Hilfe-Standard-Koffers kennenlernen musste: „Das war vor etwa zehn Jahren“, erinnert sich Bohlen. „Ich war der Erste am Unfallort. Und ich habe mich damals sehr geärgert, dass ich so begrenzt in meinen Möglichkeiten zu helfen war.“

Bohlen will App „Meine Stadt rettet“ bekannter machen

Jetzt ruhen eine Blutdruckmanschette, Schienenmaterial für Knochenbrüche, ein Pulsoximeter, das Puls und Sauerstoffgehalt im Blut misst, Infusion und Kanüle, Halskrause und mehr Verbandsmaterial in seinem Rucksack und geben ihm das gute Gefühl, für wirksame erste Hilfe jederzeit gerüstet zu sein. Das Helfer-Gen will also doch wieder zu seinem Recht kommen: „Wenn ich die Qualifikation habe, warum soll ich den Menschen nicht anbieten, Schaden abzuwehren und Leben zu retten? Der Aufwand ist doch relativ gering“, sagt er dazu. Und: „Ich will diese App bekannter machen.“

Um bei der App dabei zu sein, musste er nur seine Qualifikation als ehemaliger Rettungsassistent nachweisen – schon war er aufgenommen. „Eine platzgenaue Ortung der Helfer ist über die App echtzeitgenau möglich“, sagt Christian Mandel, Sprecher der Schleswig-Holsteinischen Rettungsdienst-Kooperation RKiSH und selbst Notfallsanitäter. Das System der App erkenne, welcher Ersthelfer am nächsten an einem Hilfebedürftigen dran sei. Sie wird aktiviert bei lebensbedrohlichen Atem- und Kreislaufstillständen, bei denen es um jede Sekunde geht, so Mandel: „Ich persönlich finde diese Erfindung total klasse, weil das Patienten nützt. Wir Ersthelfer bilden dann ein sauberes Fundament, auf dem die professionellen Retter weitermachen können.“

Börje Wolfkämpf, stellvertretender Leiter der Elmshorner Einsatzleitstelle für die drei Kreise Dithmarschen, Steinburg und Pinneberg, sagt, es gehe bei Reanimationen darum, mithilfe der App-Retter die Eingreifzeit zu verkürzen: „Jeder der da mitwirkt, kann dichter dran sein, als ein Kollege.“ Seit Ende 2017 haben sich 2500 App-Retter registriert. Wolfkämpf: „Wegen Corona werden die App-Retter zur Zeit nicht alarmiert“, es dürften, wenn es wieder losgehe, aber gern noch mehr werden.

Stefan Bohlen ist da deutlich überqualifiziert, was jedem Pinneberger im Notfall nur zu Gute kommt. „Ich habe schon während des Zivildienstes, wo ich im Rettungsdienst war, festgestellt, was es für eine tolle Sache ist, Menschen zu helfen“, sagt er. Ich hatte damals etwas gefunden, das hundert Prozent Sinn gibt.“ Während der vielen Jahre als Rettungsassistent habe er gelernt, die damit zusammenhängenden Berufe nochmal anders wertzuschätzen.

Angefangen hatte er 2002 während des Zivildienstes als Rettungssanitäter, dann wurde er in Hamburg-Bergedorf Ortsgruppenleiter, dann Gruppenführer und schließlich Leiter der schnellen Einsatztruppe. Alles ehrenamtlich. „Ich finde, wenn man die Möglichkeit hat, sich ehrenamtlich einzusetzen, dann sollte man das tun. Ohne das Ehrenamt wäre Deutschland nicht so weit gekommen“, davon ist Bohlen überzeugt.

Bis zu zehnmal im Jahr war Bohlen im Katastrophenschutz unterwegs, am häufigsten bei Notlandungen auf dem Flughafen wegen technischer Defekte, aber auch bei Hochwasser, bei der Fußball-WM in Leipzig oder auf der Sanitäterstation der Johanniter auf dem Kirchentag. In Hamburg hat er als Rettungsassistent pro Schicht bis zu 13 Einsätze absolviert: „Irgendwann hat man alles gesehen. Am schlimmsten sind Einsätze, bei denen Kinder involviert sind“, sagt er.

Erfolglose Reanimation eines Kindes verfolgt ihn tagelang

Die erfolglose Reanimation eines Kindes habe ihn tagelang verfolgt, „da schluckt man, das muss man erst mal verarbeiten.“ Schussverletzungen, Messerstechereien, aggressive, psychisch kranke Mädchen oder bewaffnete Obdachlose – damit hatte er zu tun: „Irgendeiner muss das ja machen“, ist sein Kommentar. Stress oder überwältigende Gefühle sind da unvermeidlich, „aber selber fühlt man das in dem Moment nicht, weil man überlegt, wie man eine Situation gelöst bekommt.“

Das Traurige an den so wichtigen Gesundheitsberufen sei die Verdienstseite: „Rettungsassistenten, Krankenschwestern und Pflegekräfte verdienen viel zu wenig für das, was sie leisten.“ Hinzu komme, dass die Gewalt gegen Einsatzkräfte zunehme, das macht ihm Sorgen: „Früher war das Personal in Weiß unantastbar. Das war eisernes Gesetz. Die wurden nicht angerührt. Jetzt hat die Verrohung zugenommen.“

Aus verschiedenen Gründen hat er schließlich dem Arztberuf den Rücken gekehrt und ist nun von den Kommunalpolitikern zum Stadtrat der Kreisstadt gewählt worden. Zwischen beiden Berufen sieht er durchaus Gemeinsamkeiten: „Jetzt arbeitet man auch für die Menschen vor Ort. Man entwickelt den Ort weiter, wenn auch auf einer anderen Ebene.“

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