Kreis Pinneberg

Warum Rellingens schönstes Bauwerk saniert wird

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Katja Engler
Von links: Pastor Thorsten Pachnicke, Ursel Neuhoff, Vorsitzende des Fördervereins zur Erhaltung der Rellinger Kirche und Stefan Flomm, der ebenfalls im Förderverein aktiv ist

Von links: Pastor Thorsten Pachnicke, Ursel Neuhoff, Vorsitzende des Fördervereins zur Erhaltung der Rellinger Kirche und Stefan Flomm, der ebenfalls im Förderverein aktiv ist

Foto: Katja Engler

Der stilprägende, achteckige Turm der Rellinger Barockkirche braucht dringend eine Kur. Mauerwerk, Fugen und Gesims müssen erneuert werden.

Rellingen. Als die Rellinger Kirche, dieses kleine architektonische Wunder, vor mehr als 260 Jahren errichtet wurde, geschah das nicht etwa auf norddeutschem Mutterboden, sondern auf den Resten einer romanischen Feldsteinkirche. Trotz Abriss- und Neubaufülle ringsum steht sie noch immer als größtes Schmuckstück des Ortes, umgeben von alten Bäumen. Und da sie schon so viele Stürme, Fröste, Dürren und Herrschaftsverhältnisse überstanden hat (und dies weiterhin tun soll), ist es hin und wieder notwendig, das wichtigste Denkmal des Ortes zu sanieren.

Vor Ort haben nun Ursel Neuhoff, Vorsitzende des Fördervereins zur Erhaltung der Rellinger Kirche, ihr Mitstreiter Stefan Flomm und Pastor Thorsten Pachnicke gezeigt, was hinter der Gerüstabdeckung passiert, bevor Ende August alles fertig sein soll. Dieses Mal ist der Turm dran. 700 kaputte Ziegel müssen von handgebrannten neuen ersetzt werden. Das Holzgesims unterm Dach wird aufgearbeitet, das obere Sandsteingesims gereinigt, und breite Risse im Pfeiler-Mauerwerk des Turms werden ausgebessert. Maurer ersetzen gerissene Ziegel, erneuern die teilweise verrosteten Maueranker, das unterirdische Turmfundament unter dem Traufpflaster wird gereinigt, repariert und abgedichtet. Die Gesamtkosten liegen bei rund 200.000 Euro.

Diese Aufwendung teilen sich die Kirchengemeinde Rellingen, der Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein und die Gemeinde. Außerdem tragen die 61 Mitglieder des 2011 gegründeten Fördervereins zur Erhaltung der Rellinger Kirche mit 40.000 Euro eine stattliche Summe bei. Zuletzt war 2015 die im Jahre 1756 von dem Glückstädter Orgelbauer Matthias Schreiber errichtete, mit 2230 Pfeifen ausgestattete Orgel mit Hilfe vieler Spenden, Pfeifen-Patenschaften und dem Verein überarbeitet worden, 2013 wurden Dach und Gauben saniert.

Die Kirche ist eines der bedeutendsten spätbarocken Bauwerke Norddeutschlands, ein seltener Zentralbau mit achteckigem Grundriss und einer achteckigen Kuppel. In ihrer „Reihe Archivbilder: Rellingen“ schreiben Wieland Witt, Vorsitzender des Heimatvereins, und Reinhold Miller, dass der romanische Rundturm der Kirche aus der Zeit um 1200 stammt oder sogar noch älter ist. Ihm verpasste Jacob Bläser im Jahre 1703 einen barocken Turmhelm. Links und rechts des Durchganges durch den romanischen Rundturm in die Kirche ist das uralte Granitfeldsteinmauerwerk noch fast vollständig zu sehen.

Der größte Teil des Mauerwerkes besteht aber aus Backstein. Baumeister Cai Dose hat das Bauwerk entworfen. Von 1754 bis 1756 währte die Bauzeit, die Bauarbeiter waren in den umliegenden kleinen Häuschen untergebracht. In einem davon ist vor kurzem Gerd Uhlig mit seiner Kunstgalerie eingezogen. Poststraße 6, ein Haus mit Geschichte.

Als es in Rellingen losging, hatte Dose sich schon einige Sicherheit erarbeitet, denn wenige Jahre vorher war bereits ein ganz ähnlicher achteckiger Zentralbau von ihm mit großem Erfolg eingeweiht worden: die Kirche von Brande-Hörnerkirchen (1752). Leider war sie zwischendurch abgebrannt und wurde 1936 wieder aufgebaut. Dieses Schicksal blieb ihrer Rellinger Schwester erspart. Der Kirchenbaumeister Heinrich Schmidt war dann so begeistert von Doses Kreationen, dass er sie zum Vorbild nahm für seine Kirche am Niendorfer Markt in Hamburg.

Mit der ungewöhnlichen Form des Zentralbaues knüpfte Cai Dose an eine uralte Sakralbautradition an, die als erstes im Frühchristentum mit dem Typus der byzantinischen Kreuzkuppelkirche große Verbreitung fand. Cai Dose wollte mit seinem Zentralbau allerdings der Predigt, dem Schwerpunkt protestantischer Gottesdienste, besser gerecht werden.

So gelang ihm ein Werk, das im Inneren überall Plätze mit guter Sicht bereitstellte und außerdem eine hervorragende Akustik hatte, die das Gebäude bis heute für Konzerte des Schleswig Holstein Musik Festivals und natürlich des rührigen Kantors Oliver Schmidt besonders attraktiv macht. Weise wie Cai Dose war, ordnete er Altar, Kanzel und Orgel übereinander in der Ostwand an, Musik und Wort brachten einander also nicht um die Wirkung.

Im 18. Jahrhundert, in dem auch die Pinneberger Drostei für die dänischen Drosten erbaut wurde, war der Kreis fest in dänischer Hand. Es war also der Dänenkönig Friedrich V als Landesherr, der 1754 den Neubau genehmigt und teilweise bezahlt hat. Schon damals ging es den Kirchgängern, die von weit her kamen – das Kirchenspiel umfasste damals Garstedt, Quickborn, Heist und Pinneberg – nicht nur um ihr Seelenheil. Rund um die Kirche boten die angrenzenden Höfe Ausschank und Bleibe für die Gläubigen . Am Marktplatz stellten sie ihre Fuhrwerke ab, und nach dem Gottesdienst hielten sie noch ein Schwätzchen.

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