Kreis Pinneberg

Corona-Orchester Wewelsfleth: Weltrekord aus dem Bauernhaus

| Lesedauer: 3 Minuten
Katja Engler

Digitales Orchester

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Jens Illemann dirigiert das weltgrößte digitale Orchester – und träumt von einem echten Konzert.

Wewelsfleth.  Wie können Musiker zusammen spielen, wenn sie einander wegen der Corona-Pandemie nicht mehr treffen dürfen? Weil Jens Illemann aus Wewelsfleth schon im März über diese Frage nachgrübelte, fand er eine Antwort, deren Umsetzung nun so erfolgreich ist, dass der 32 Jahre alte Gymnasiallehrer mit dem von ihm gegründeten Corona-Orchester gerade einen Weltrekord gebrochen hat. Mit 1320 Musikerinnen und Musikern aus 44 Nationen ist das Corona-Orchester mit Stammsitz in seinem Bauernhaus nach Prüfung des Rekord-Instituts Deutschland das größte virtuell spielende Musikensemble der Welt.

Gitarristen, Posaunisten, Geigerinnen, Klarinettistinnen, Schlagwerker oder Tubaspieler aus ganz Europa, Thailand, China, Indien, Südafrika, den USA, Kanada, Brasilien oder Hawaii spielen seitdem jeden Monat gemeinsam einen Popsong, dessen Noten Illemann vorab an die beteiligten Musiker schickt. Anfangs an die Mitglieder seines Norddeutschen Filmorchesters, das er im vergangenen Jahr gegründet hatte und das sich im September erstmals zum gemeinsamen Proben trifft. Dann sandte er noch ein paar Mails an Bekannte, und dann zirkulierte die Idee über Facebook. Das brachte die Wende.

Beim ersten Lied machten 80 mit

Beim zweiten Popsong spielten schon 80 Musiker mit, beim dritten 120 – die Idee, rund um den Erdball gemeinsam zu musizieren, ohne in einem Raum zu sitzen, elektrisiert immer mehr Leute. Dabei stellte Illemann fest, dass „die, die mir etwas aus dem Ausland schicken, insgesamt besser sind.“ Vielleicht liege das daran, dass solche Musiker dächten, sie müssten besonders gut sein, um bei dem ungewöhnlichen Projekt aufgenommen zu werden. Illemann jedenfalls ist glücklich und fühlt sich beflügelt. Erstens, weil die „Likes“ für ihn auf Facebook anwachsen, und zweitens, weil er für sein Rock-Orchester, das er für 2021 plant, immer mehr Bewerber hat.

„Es ist doch schön, dass man trotz Corona zusammen Musik machen kann“, meint er. „Jeder spielt ja nur mit einer einzigen Stimme – aber es kommt ein schöner Klang dabei heraus mit Musikern aus der ganzen Welt.“

Im Videoclip ist jeder Teilnehmer zu sehen

Voraussetzung, dass das überhaupt gut klingen kann, ist, dass alle als Startpunkt den ersten Ton spielen und ihren Part virtuell an den Mann aus Wewelsfleth weiterleiten. Illemann sortiert dann so lange, bis eine gewisse klangliche Balance entsteht: Die, die weniger gut spielen, sind dann auch weniger gut zu hören, die Guten dafür mehr.

Auf der kleinteiligen Video-Collage, die er von jedem Song erstellt, sind dank 200 Schnitten und Bildwechseln dann am Ende alle drauf gewesen – „immer zwischen sechs und zehn Leute gleichzeitig“, sagt Illemann. Viele unbezahlte Stunden hat er in dieses ideelle Projekt gesteckt. Der eigene Computer ist wegen der immensen Datenmengen relativ früh in die Knie gegangen, Illemann musste die Originalvideos klein rechnen und sich Tricks überlegen, um die Idee technisch umzusetzen.

Aber selbst wenn das digital funktioniert, hegt Illemann schon wieder einen Traum: „Es wär’ doch schön, wenn man sich in echt träfe“, sagt er. „Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich nächsten Sommer an zwei Wochenenden zum Proben trifft. Das Interesse ist da, und dann müsste man noch einen Konzertsaal mieten.“ Das alles müsse allerdings so laufen, dass niemand draufzahle. Der Probenraum ist jedenfalls da, es ist sein Heuschober, den er dazu umgebaut hat und schon jetzt an Bands, Orchester oder Chöre vermietet.

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