Kreis Pinneberg

Wenn die Coronakrise das Bankkonto infiziert hat

| Lesedauer: 7 Minuten
Joana Ekrutt
Thorsten Schmidt und Daniela De Matteis vom Verein Schuldenhilfe Sofort.

Thorsten Schmidt und Daniela De Matteis vom Verein Schuldenhilfe Sofort.

Foto: Schuldenhilfe Sofort

Kurzarbeit und Jobverlust treffen viele Menschen unvermittelt. Schuldnerberatungsstellen haben erste Fälle auf dem Schreibtisch.

Kreis Pinneberg.  Während die Einschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus’ andauern, wachsen bei vielen Menschen die Sorgen. Um die eigene Gesundheit und die der Angehörigen. Aber vor allem auch die finanziellen. Ganze Branchen stehen seit dem Shutdown vor dem. Kurzarbeit und wegbrechende Nebenjobs tun ihr Übriges. Ob sich das in den Schuldnerberatungen des Kreises bemerkbar macht? „Seit ein bis zwei Wochen verzeichnen wir eine verstärkte Nachfrage“, sagt Dana Bogner, Leiterin der Schuldnerberatung der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Pinneberg.

Die Probleme seien dabei vielfältig. Bestimmte Muster ließen sich jedoch erkennen. „Der Klassiker ist, dass Menschen, die in Kurzarbeit sind, ihre Verbindlichkeiten nicht mehr zahlen können“, sagt Bogner. „Der durchschnittliche Schuldner im Kreis Pinneberg ist männlich, 41 Jahre alt und verdient 1243 Euro Netto im Monat. Da bleibt nicht mehr viel übrig, wenn der jetzt in Kurzzeitarbeit geht.“

Auch Obdachlose und arme Menschen würden sich an die Schuldnerberatung wenden, da sie keine Flaschen mehr finden. „Das nimmt uns mit. Das sind schwere Gespräche.“ Viele hätten durch die Krise auch ihre Nebenjobs verloren. „Manche haben erst kurz vorher mühsam mit Gläubigern Regelungen gefunden, sich zu entschulden, und können diese Ratenzahlungen nun nicht mehr einhalten.“

Corona-Hilfe darf nicht gepfändet werden

Daneben gebe es auch viele Fälle von Gewerbetreibenden, die zwar Corona-Hilfe bekommen, aber verschuldet sind und eine Pfändung auf dem Konto haben. „Die haben nun Angst, dass ihnen das Corona-Geld weggepfändet wird“, sagt Bogner. Für solche Szenarien hat die Schuldnerberaterin einen Tipp: „Menschen, die eine Pfändung auf dem Konto haben und Corona-Geld vom Staat bekommen, können sich beim Amtsgericht bescheinigen lassen, dass es sich dabei um eine staatliche Sonderzahlung handelt, die freigegeben werden muss. Wichtig ist, dass man schnell agiert und nicht wochenlang wartet.“ Das Geld aus dem Hilfspaket sei schließlich dazu da, den Lebensunterhalt zu ermöglichen, Mitarbeiter und Mieten zu bezahlen, sagt die 42-Jährige. „Nicht um Schulden zu tilgen.“

Auch bei Familien oder Paaren kann es jetzt schnell zu finanziell bedrohlichen Engpässen kommen. „Wenn ein Einkommen weniger da ist, kann oft ein komplettes finanzielles Konstrukt zusammenbrechen. Und es ist schwer, da wieder rauszukommen“, weiß Bogner.

Aufgrund der Kontaktbeschränkungen müssen Beratungen derzeit per Telefon und E-Mail stattfinden, offene Sprechstunden entfallen. „Als wir coronabedingt schließen mussten, standen die Leute in der ersten Woche noch vor unserer Tür. Danach wurde es für drei Wochen etwas ruhiger.“

Diese Erfahrung hat auch Daniela De Matteis vom Verein Schuldenhilfe Sofort in Schenefeld gemacht: „Zurzeit melden sich bei uns weniger Menschen.“ Der Verein betreue derzeit vor allem alte Fälle. De Matteis vermutet, dass sich für viele zunächst die Frage stelle, wie lange die Hilfen reichen, wann das Geld kommt und wie viele eigene Kosten überhaupt auf einen zukommen. Und auch, dass momentan weniger Druck von Gläubigern da ist. „Alle müssen sich erst einmal orientieren und gucken, wie es weitergeht.“ Aber auch sie habe bereits mit Hilfesuchenden Kontakt gehabt, die durch Kurzarbeit bei der Abzahlung ihrer Kredite ins Schleudern geraten sind.

Bei der Schuldnerberatung der Awo, die für den gesamten Kreis zuständig ist, arbeiten normalerweise acht Mitarbeiter an den drei festen Beratungsstellen in Pinneberg, Elmshorn und Wedel und regelmäßig in der Schenefelder Außenstelle sowie verschiedenen Rathäusern. „Wir betreuen den gesamten Kreis Pinneberg. Da wir eine große Beratungsstelle im Hamburger Speckgürtel sind, haben wir immer viel zu tun“, sagt Leiterin Bogner. „Ich gehe davon aus, dass es im Sommer und Herbst nochmal einen großen Ansturm geben wird.“

Warum diese zeitliche Verzögerung? „Es könnte sein, dass die Betroffenen zunächst versuchen, das fehlende Einkommen mit Krediten auszugleichen. Die Ratsuchenden melden sich dann häufig erst zeitversetzt zur Krise und treten erst nach mehreren Monaten mit uns in Kontakt. Viele melden sich auch nicht, weil sie sich nicht trauen.“ Auch die Mieten, die jetzt ausgesetzt werden können, müssten irgendwann zurückgezahlt werden. „Da besteht also nur eine kurzfristige Entlastung.“

Die stellvertretende Vorsitzende der Schuldenhilfe Sofort glaubt ebenfalls, dass viele, die Geld beantragt hätten, noch abwarteten. „Es ist einfach noch nicht genug Zeit vergangen, um die Folgen abzuschätzen.“ Auch was den Einzelhandel angeht, müsse sich erst noch zeigen, wie sich das Konsumverhalten der Menschen in der Krise verändert hat. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass es zu Problemen und damit voraussichtlich zu einem großen Beratungsbedarf kommen wird“, sagt De Matteis.

Dass es schwarze Schafe gibt, die aus der Krise Profit schlagen wollen, haben die Mitarbeiter in der Schuldnerberatung der Awo auch bereits erlebt. „Viele versuchen, auf den fahrenden Zug Corona aufzuspringen. Wir hatten schon drei, vier Anrufer, die erzählten, dass sie Verbindlichkeiten und auch ihre Miete seit Januar wegen Corona nicht mehr zahlen können. Mit so etwas müssen wir auch rechnen“, so Bogner. Das Gros der Anrufer habe jedoch wirkliche Probleme.

Worauf es bei der Beratung ankommt? „Es geht primär darum abzuwägen, was jetzt das Wichtigste ist.“ So werde zunächst nach primären und sekundären Schulden unterteilt. „Miete, Strom, Wasser und Gas gehören zu den primären Schulden, die man immer zahlen muss, um seine Wohnung nicht zu verlieren und obdachlos zu werden.“ Im ersten Schritt müsse daher geguckt werden, dass die Menschen ihre Fixkosten zahlen können. „Des Weiteren sollte man sparsam leben, nur das Notwendigste kaufen und ganz strikt ein Haushaltsbuch führen.“

Ist man bereits verschuldet und eine Kontopfändung droht, mache es Sinn, ein Pfändungsschutzkonto einzurichten, rät Bogner. „Ein monatlicher Freibetrag von 1178,59 Euro steht einer alleinstehenden Person zu. Für weitere Unterhaltsverpflichtungen steigt die Summe.“ Anerkannte Schuldnerberatungsstellen könnten die entsprechende Bescheinigung ausstellen.

Der Betrieb laufe reibungslos. „Wir waren erstaunt, wie gut die Beratung per Telefon funktioniert“, sagt Bogner. „Die Klienten machen auch gut mit. Sie müssen bei uns aktiv mitarbeiten. Wir hatten zunächst Sorge, ob das klappt, aber alles, was wir rausgeschickt haben, haben wir bisher auch vollständig zurückbekommen.“ Die Klienten seien vor allem froh, dass ihnen geholfen wird. „Und dass sie das Gefühl haben, dass sie nicht allein gelassen werden.“ In dieser Zeit ein durchaus wichtiges Gefühl.

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