Kreis Pinneberg

Blitzschlag – Feuer zerstört Haus in Seestermühe

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Katja Engler
Das Haus am Neuenfeldsdeich brannte innerhalb weniger Minuten lichterloh

Das Haus am Neuenfeldsdeich brannte innerhalb weniger Minuten lichterloh

Foto: Katja Engler

Es war nur ein kurzes, heftiges Gewitter und dann brannte in Seestermühe ein Reetdachhaus ab, das seit 1786 in Familienbesitz war.

Seestermühe.  Volker Bohn und sein Sohn standen gerade zusammen in der Garage und reparierten das Auto der Tochter. Oben unterm Dach des Hauses am Seestermüher Neuenfeldsdeich nähte die Mutter Susanne Bohn an ihrer Nähmaschine. Draußen zwitscherten die Vögel, blaue Frühlingsblumen schmückten den liebevoll bepflanzten Garten, in der Nähe grummelte ein Gewitter. Als der Blitz dann am Freitagnachmittag in das Reetdach einschlug, gab es einen Riesenknall, und das Licht ging aus. Danach brannte das Haus innerhalb kurzer Zeit nieder (wir berichteten). Es war das erste so schlimme Feuer in Seestermühe seit langer Zeit, sagt Bürgermeister Thorsten Rockel, der mit seinem Bruder, Wehrführer Andreas Rockel, 20 Stunden als Feuerwehrmann im Einsatz war.

Als die Feuerwehrleute kamen, sahen sie den First brennen

Volker Bohn (55) steht am Sonntagmittag vor den verkohlten Balken seines Hauses und kann noch immer nicht ganz begreifen, was geschehen ist: „Wir müssen uns erst mal orientieren. Wenn so was passiert, ist man durch’n Wind“, sagt er. Dabei hatte er sofort geistesgegenwärtig nach dem Feuerlöscher gegriffen und war losgelaufen, als seine Frau Susanne rief: „Es riecht verbrannt!“ Ein Nachbar kam mit zwei weiteren Feuerlöschern – „aber innerhalb von zwei, drei Minuten war es im Haus so heiß und verqualmt, dass wir raus mussten“, berichtet Volker Bohn, der mit seinem Sohn wegen einer leichter Rauchvergiftung ins Krankenhaus kam. Schnell traf die Feuerwehr ein, konnte das Gebäude aber schon nicht mehr retten.

Vier Wehren aus Seestermühe, Seester, Elmshorn und Neuendeich hatten versucht, den Brand zu löschen und die umliegenden Häuser zu schützen, 140 Feuerwehrleute waren in drei Schichten vor Ort aktiv. „Erst um neun am nächsten Morgen konnten wir die letzten Glutnester löschen“, sagt Thorsten Rockel. Norddeutsche Feuerwehrleute haben ihre Erfahrungen mit Reetdachhäusern: „Da hat man nur ganz wenig Chancen, einen Brand einzudämmen.“ Schon als sie ankamen, sahen sie durch die Gauben, dass der Dachboden brannte: „Wir haben trotzdem zwei Atemschutztrupps ins Haus gelassen, weil so ein Reetdachhaus nur von innen zu retten ist“, sagt Rockel. Als deren Visiere von der Hitze geschmolzen waren, mussten sie abbrechen. Da war nichts mehr zu machen.

„Die größte Anstrengung war, das gegenüberliegende Haus zu retten“, sagen die Brüder Rockel weiter. Nur sechs, sieben Meter über die schmale Straße ist es entfernt. Mit einem Sprühstrahl benetzten die Einsatzkräfte dessen Reetdach, weil das schon heiß geworden war und gefährlich dampfte. „Wir haben die Bewohner aufgefordert, ihre Wertsachen rauszuholen. Sie mussten sich darauf gefasst machen, dass auch ihr Haus in einer Viertelstunde nicht mehr steht“, sagt Thorsten Rockel. Ein Feuerwehrmann verletzte sich bei dem Einsatz an der Schulter, inzwischen durfte er das Krankenhaus wieder verlassen. Dass der Brand übergriff, konnten die Feuerwehrleute verhindern. „Das Zusammenspiel der Kräfte hat hervorragend funktioniert“, sagt Thorsten Rockel. Während des Einsatzes versorgte das Rote Kreuz die Feuerwehrleute, Nachbarn schmierten Brote und kochten Kaffee. Sonntagmittag hat jemand Butterkuchen vorbeigebracht. Überhaupt Nachbarn. „Bei uns funktioniert die Nachbarschaft hervorragend. Dass die Familie in diesem Schreckens- und Leidenszustand so viel Hilfe bekommt – das ist das, was ein Dorf ausmacht“, sagt der Bürgermeister.

Volker Bohn schaut auf die Hausseite, die ein Bagger in der Brandnacht eingerissen hat, damit die Feuerwehr schneller löschen konnte. Er und seine Frau Susanne stehen vor den Trümmern ihres bisherigen Lebens. Wann die Versicherung bezahlt, wie es überhaupt weitergeht – darüber konnten sie noch nicht wirklich nachdenken. Zu tief sitzt der Schock. Außerdem versuchen sie, unterstützt von vielen Nachbarn, aus den Trümmern zu retten, was noch zu retten ist. Jemand holt eine Staffelei aus dem Haus, ein vom Ascheregen verdunkeltes blaues Kleid liegt in einem der zahllosen herbeigeschafften Körbe. „Der Rest unserer Habe ist in Kisten über die Nachbarn verteilt. Ich weiß gar nicht, wo was gelandet ist“, sagt Volker Bohn.

Manche Dinge stammten aus dem Baujahr des Hauses, 1786

Erst vor zwei Jahren haben sie eine neue Küche eingebaut, das Reetdach decken lassen, die Fenster erneuert. 75.000 Euro haben sie noch mal reingesteckt. Abgesehen von den unzähligen Stunden, in denen Volker Bohn mit den eigenen Händen Dinge ausgebessert oder umgebaut hat. „Wir hatten’s jetzt richtig schön und wollten das Leben in unserem Haus ein bisschen mehr genießen.“

Aber um die neuen Dinge ist es nicht so schade wie um die, die niemand mehr ersetzen kann. Fotos von den Kindern, als sie klein waren, kleben jetzt in Alben, die das Löschwasser durchweicht hat. Oder ein alter Schrank aus dem Jahr, als das Haus von seinen Vorfahren erbaut wurde. 1786. Den hatte Bohn, der als Produktionsleiter in einer Hamburger Verbandstoff-Fabrik arbeitet, vor 30 Jahren schön aufarbeiten lassen. Jetzt sei er nur noch ein verkohltes Stück Holz. „Das ist das Familienhaus“, sagt Volker Bohn leise. Seit 1987 wohnen sie in dem Familienhaus. Freunde aus der Straße haben sie nun aufgenommen, Nachbarn haben Kleidung vorbeigebracht und Geschirr der Bohns bei sich zu Hause gelagert. Ein oder zwei Wohnungen haben sie in Aussicht.

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