Wedel

Im Barlach Museum in Helmut Newtons Bildband blättern

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Alexander Sulanke
Der Fotograf Helmut Newton vor einem der für ihn auch typischen Bilder. Diese Aufnahme entstand 1998, ein Jahr vor dem Erscheinen des „Sumo“-Bildbands, in Hannover.

Der Fotograf Helmut Newton vor einem der für ihn auch typischen Bilder. Diese Aufnahme entstand 1998, ein Jahr vor dem Erscheinen des „Sumo“-Bildbands, in Hannover.

Foto: Wolfgang Kühn / picture alliance / united archives

Ernst Barlach Museum zeigt zum 100. Geburtstag des deutsch-australischen Starfotografen Aufnahmen aus seinem Werk „Sumo“.

Wedel.  464 Seiten im Format 70 mal 50 Zentimeter, 30 Kilogramm schwer mit einem Buchdeckel aus Holz: Als Helmut Newtons „Sumo“ erschien, galt es als größter Bildband aller Zeiten. Und als besonders teurer: 1000 Mark kostete eines der zunächst 10.000 Exemplare. Für ein neuwertiges müssen Sammler heute ein Vielfaches auf den Tisch legen. Und die Nummer eins, handsigniert von mehr als 100 der darin abgebildeten Persönlichkeiten, brachte bei einer Wohltätigkeitsauktion 620.000 Mark ein – so viel wie kein anderes Buch im 20. Jahrhundert zuvor.

Das Team des Ernst Barlach Museums in Wedel schlägt „Sumo“ nun auf und widmet einem der vielleicht bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts eine Sonderausstellung; in diesem Jahr wäre Newton 100 Jahre alt geworden. Die Schau wird am kommenden Sonntag eröffnet – und sie darf dann auch besucht werden.

„Die Ausstellung Helmut Newton zeigt nahezu sämtliche Fotoseiten des Sumo-Buches in Originalgröße, vom Boden bis zur Decke, Raum für Raum, Seite für Seite, in kluger Auswahl, Newtons Lebenswerk als inszenierter Museumsrundgang“, heißt es in einer Mitteilung des Museums. Und weiter: „Wir sehen Fotografien der bekanntesten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt in selbstbewusstem Gestus, eingewoben in die Interieurs mondäner Villen oder hineingestellt in surreale Landschaften. Aber wir sehen auch herausragende Porträtfotografien, etwa der von Helmut Kohl, David Hockney oder dem schlafenden Andy Warhol, mit denen Helmut Newton Meisterwerke auch dieser Gattung geschaffen hat.“

Kritiker warfen dem Fotografen Sexismus vor

Helmut-Kohl-Porträt klingt nicht so sexy, viele Aufnahmen Newtons sind aber regelrecht sexuell aufgeladen, zeigen aufwendig inszenierte nackte (Frauen-)Haut – und haben dem Deutsch-Australier auch immer wieder Sexismus-Vorwürfe eingebracht. Die Wedeler Museumsmacher schreiben dazu: „Kein Fotograf seiner Zeit hat aufwendigere und provozierendere Bildinszenierungen geschaffen als Helmut Newton. Seine Mode- und Aktfotografie wirkt auch heute noch so aufregend und exzessiv, weil sie unmittelbar auf die individuellen Grenzen von Stilgefühl, Geschmack und Moral des Betrachters zielt. Die Körper seiner Modelle sind weniger in Kleider als in eine subtile sexuelle Spannung gehüllt, die zeitübergreifend alles Modische hinter sich lässt. Newtons Aufnahmen präsentieren die weiblichen Aktmodelle stark und selbstbewusst, obwohl seine Bildsprache unterschwellig mit komplexen Narrativen von Dekadenz, Sex und Macht durchzogen ist.“

Helmut Newton kam am 31. Oktober 1920 als Helmut Neustädter in Berlin zur Welt. Seine Eltern waren jüdische Fabrikanten. Mit 16 Jahren brach er das Gymnasium ab, um sich fortan der Fotografie zu widmen, und lernte unter anderem bei der jüdischen Fotografin Else-Neuländer-Simon, die 1938 mit einem Berufsverbot belegt und später von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Newton selbst flüchtete kurz nach seinem 18. Geburtstag im Dezember 1938 über Singapur nach Australien, 1946 wurde er australischer Staatsbürger.

Seine Arbeit für die australische Ausgabe der „Vogue“ machte ihn ab 1956 berühmt und zu einem der begehrtesten und teuersten Mode-, Werbe-, Porträt- und Aktfotografen der Welt.

Seit Beginn der 80er-Jahre lebte Helmut Newton mit seiner Frau June des Sommers in Monaco, die Winter verbrachte das Paar in Los Angeles. Dort starb er im Januar 2004 im Alter von 83 Jahren an den Folgen eines Autounfalls.

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