Kreis Pinneberg

Umbauten am Wedeler Kraftwerk waren „wirkungslos“

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Nico Binde
Vor allem die westlichen Nachbarn des Kraftwerks Wedel (hier auf der linken Bildseite) leiden unter den Partikelausstößen des Meilers.

Vor allem die westlichen Nachbarn des Kraftwerks Wedel (hier auf der linken Bildseite) leiden unter den Partikelausstößen des Meilers.

Foto: HA / Vattenfall

Mit der Revision des Meilers Wedel sollte der Ascheregen abgestellt werden. Gutachten belegte, dass dies nicht gelungen ist.

Wedel.  Erneut gerät das Heizkraftwerk Wedel in den Fokus eines Gutachtens. Dieses Mal attestiert eine neue Untersuchung des Instituts Ökopol dem alten Meiler, dass trotz erfolgter Umbauten und Neuerungen weiterhin ätzender Ascheregen seine Schlote verlässt. Nachdem jüngst bereits ein Gutachten eine „akute Gesundheitsgefahr“ für Anwohner wegen des sauren Auswurfs festgestellt hat, kommt die neue Bewertung des Instituts Ökopol jetzt zu dem Schluss, dass alle seit 2016 angeordneten Maßnahmen zur Minderung des Partikelausstoßes wirkungslos geblieben sind.

Dafür sprächen schon die 91 Tage seit 2017, an denen es zu dokumentierten Partikelniederschlägen in der Nachbarschaft des Heizkraftwerks gekommen ist. Bekanntlich klagen Anwohner seit Jahren über Schäden an Autos und Häusern. „Nach der Umsetzung der Maßnahmen wie der Teilauskleidung des Schornsteins, der Verbesserung der Aerosolabscheidung oder Kalkhydrateindüsung im Sommer 2017 wurde keine Minderung der Partikelniederschläge festgestellt“, heißt es nun in der Stellungnahme. „Es traten weiterhin bei östlichen Windrichtungen zahlreiche Partikelniederschläge auf, die dokumentiert und der Behörde gemeldet wurden.“

Demnach sei „ein Nachweis der Wirksamkeit der Maßnahmen vom Betreiber nicht erbracht“. Bis 2019 betrieb Vattenfall die Anlage, inzwischen gehört sie der Stadt Hamburg. Der Nachweis einer „wirksamen“ Minderung wäre dann erbracht“, heißt es weiter, „wenn in der Nachbarschaft des Kraftwerkes keine oder nur noch seltene Partikelniederschläge festgestellt werden können.“ Das sei bis heute nicht der Fall. Die bisherigen Maßnahmen hatten somit keine wirksame Minderung zur Folge.

Die Wirkungslosigkeit der bisherigen Ausbesserungen am Kraftwerk werde offensichtlich auch von den Betreibern selbst nicht angezweifelt, schreibt Gutachter Christian Tebert. Das gehe aus einem Schreiben im August 2019 an die Überwachungsbehörde, das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR), hervor. Darin heißt es, dass „vorsorglich zusätzliche Maßnahmen vorgeschlagen werden“. Da sich der Schwefelgehalt in der Kohle erhöht habe, könnten sich dadurch auch Partikel bilden. Es werde laut Gutachten also nicht festgestellt, dass die Maßnahme der Partikelbildung wirksam entgegenwirkt wurde, sondern nur, dass sie dies bewirken sollten.

EU-Recht lässt „spuckende Kraftwerke“ nicht zu

Grundsätzlich haben die westlichen Nachbarn des Heizkraftwerkes in Wedel bei östlichen Winden nicht erst diese Stellungnahme benötigt, um festzustellen, dass seit Jahren ein spezieller Partikelniederschlag auf sie regnet. Denn sie dokumentierten akribisch die Partikel, die meist als weiße, aber auch als gelbe und grüne Teilchen mit Durchmessern von unter einem Millimeter herabschweben. Überdies wurden aber auch mehrere Millimeter große Bröckchen festgehalten. Im Jahr 2015 gab es die erste Meldung zu dieser Belästigung, im Januar 2016 räumte das LLUR ein, „dass das Heizkraftwerk zweifelsohne Verursacher der Partikelniederschläge ist.“

Ein Fakt, der in Europa nicht zulässig ist. Denn der Stand der Technik für bestehende und neue Kraftwerke werde im Amtsblatt der Europäischen Union festgeschrieben, heißt es in der neuen Stellungnahme. Demnach ist an keiner Stelle geschrieben, dass bei Anwendung der besten verfügbaren Techniken in kohlegefeuerten Kraftwerken Partikelauswürfe auftreten dürfen. Laut Ökopol-Stellungnahme könne im Fall Wedel also „eindeutig festgestellt werden, dass der Betrieb des Kraftwerkes aufgrund des Austritts von aggressiven und Sachschäden verursachenden Partikeln nicht dem Stand der Technik für Großfeuerungsanlagen entspricht“.

Anlage kann gefahrlos ohne Schäden abgeschaltet werden

Ökopol empfehle deshalb, das Kraftwerk erneut einer Revision zu unterziehen, „bei der Maßnahmen zur wirksamen Verminderung der Säurefilmbildung umgesetzt werden“. Dies könne durch Austausch oder Beschichtung erfolgen. Ein Stillstand des Kraftwerkes, heißt es, sei ohne Beschädigung der Anlage auch über einen längeren Zeitraum möglich. Die Stilllegung wird seit dem jüngsten Gesundheitsgefahrgutachten ohnehin von Hanns-Christian Fricke, dem Anwalt der örtlichen Bürgerinitiative, gefordert. Denn es liege eine akute Gefahrenlage für Leib und Leben vor.

Schon zuvor hatte der Betreiber, die Wärme Hamburg GmbH, mitgeteilt, dem Kraftwerk eine vierwöchige Inspektionspause zu gönnen, in der beide Blöcke des umstrittenen Meilers still stehen. Konkret plant der hamburgische Energieversorger, einen Block des Wedeler Kraftwerks zwischen dem 6. Juni und dem 6. Juli für Untersuchungen stillzulegen, der zweite Block soll schon vom 16. Mai an ruhen und am 13. Juli wieder hochgefahren werden.

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