Kreis Pinneberg

1. Mai ohne Kundgebung – geht das?

| Lesedauer: 5 Minuten
Alexander Sulanke
Die rote Nelke gilt als ein Symbol der Arbeiterbewegung.

Die rote Nelke gilt als ein Symbol der Arbeiterbewegung.

Foto: Pedro Fiuza / picture alliance / NurPhoto

Die Coronakrise macht auch vor dem Tag der Arbeit nicht halt. Was sich die Gewerkschaften im Kreis einfallen lassen.

Am 14. Juli 1889, dem 100. Jahrestag der Französischen Revolution, legen 400 Delegierte auf dem internationalen Arbeiterkongress in Paris fest, zum Gedenken an die Opfer der Haymarket Affair den 1. Mai als „Kampftag der Arbeiterbewegung“ auszurufen; am 1. Mai 1890 wird er erstmals auf der ganzen Welt begangen. Für Gewerkschafter ein denkwürdiges Datum. 130 Jahre „erster Mai“ – das sollte 2020 gefeiert werden. Doch die zentrale Kundgebung in Elmshorn, die zuletzt auch durch die Fridays-for-future-Bewegung Aufwind erfahren hatte, fällt aus, alle anderen auch. Das Coronavirus kennt keine Arbeitnehmerrechte.

„Zum ersten Mal seit 1949 sagt der Deutsche Gewerkschaftsbund Kundgebungen und Demonstrationen ab. Zum ersten Mal seit 130 Jahren werden am 1. Mai die Beschäftigten und Gewerkschaftsaktivisten nicht auf die Straße gehen. Das ist schlimm“, sagt Wedels DGB-Vorsitzender Wolfgang Kahle. Dabei gebe es gerade jetzt vieles zu sagen, das zu sehen und zu hören sein sollten: „Die wichtigsten Forderungen zur Bewältigung der Coronakrise betreffen den Gesundheitsschutz und das Arbeitsrecht unter Notstandsbedingungen“, so Kahle. „Es geht um die Aufwertung der Berufsgruppen, die die Gesellschaft vor dem Virus schützen, die Versorgung der Menschen gewährleisten und die öffentliche Sicherheit aufrechterhalten. Und es geht darum, die Krisenfolgen für die Beschäftigten abzufedern.“

Krise habe schon zum Umdenken geführt

Hans-Jürgen Nestmann vom Arbeitskreis Senioren der IG Metall Unterelbe mit Sitz in Elmshorn meint, dass die Coronakrise aber auch schon zu einem Umdenken im positiven Sinne geführt habe. „Neuerdings wird allerorten das Hohelied der Solidarität gesungen“, sagt er. „Die Profitorientierung im Gesundheitswesen solle zurückgedrängt werden. Die gesetzliche Krankenversicherung, die jeden, ob arm oder reich, aufnimmt und gleichen Zugang zu notwendiger Krankenbehandlung gewährt, wird plötzlich als vorbildlich anerkannt. Und die Arbeitslosenversicherung sichert mit dem nun noch verbesserten Kurzarbeitergeld Millionen von Arbeitnehmern Job und Einkommen – und rettet gleichzeitig die Wirtschaft vor dem Absturz.“

Nestmann sagt, dass Krisenzeiten auch immer eine Chance seien. In diesem Fall eine Chance, um Forderungen zu stellen und womöglich durchzusetzen: „Wir brauchen eine bessere gesetzliche Rente für alle. Auch für Selbstständige, Beamte und Politiker. Die Rentenzahlbeträge müssen deutlich angehoben werden. Für Geringverdiener muss eine echte Mindestrente geschaffen werden, die ein Leben oberhalb der Armutsschwelle garantiert.“ Jetzt sei die gesamte Gesellschaft gefragt: Gewerkschaften, Sozialverbände, Kirchen, Parteien und Zivilgesellschaft. Nestmann: „Wir brauchen nach Corona ein neues, soziales Denken.“

SPD-Kreischef: Für Arbeitnehmerrechte eintreten

Auch der SPD-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Thomas Hölck aus Haseldorf ruft dazu auf, trotz ausfallender Kundgebungen den Feiertag zu nutzen, um für die Arbeitnehmerrechte einzutreten. Die Corona-Pandemie habe gezeigt, wie sehr wir alle aufeinander angewiesen seien in unserer modernen Gesellschaft. „Unsere Solidarität gilt heute insbesondere den Menschen, die im Gesundheitssystem und in der Pflege arbeiten, die in Handel und Logistik unsere Versorgung sicherstellen, die in den Blaulichtdiensten für alle Notfälle bereitstehen“, sagt Hölck. Diese Berufe erhielten oft nicht die Beachtung und den Respekt, den sie verdienen. „Heute bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen zu fordern, ist gut und richtig“, meint der SPD-Kreisvorsitzende. Dazu, dass solche Forderungen derzeit nicht nur aus dem Gewerkschaftslager kämen, sagt er: „Das darf nach der Coronakrise nicht wieder vergessen werden. Einmalzahlungen bringen es nicht.“

Wer am 1. Mai etwas kundtun möchte, ohne dafür auf die Straße gehen zu müssen, kann das online tun. So wird es auf der Internetseite des Deutschen Gewerkschaftsbundes (www.dgb.de/erstermai) am 1. Mai von 11 Uhr an einen Livestream geben. „Solidarität bedeutet für uns, dass wir möglichst vielen unserer Mitglieder eine Teilnahme am 1. Mal ermöglichen wollen, ohne dabei ihre Gesundheit zu gefährden“, sagt Juliane Hoffmann, Regionsgeschäftsführerin des DGB Schleswig-Holstein Südost. Das sei unter den jetzigen Bedingungen leider nicht mit einer Kundgebung möglich, sehr wohl aber über das Internet. „Also stehen wir am Tag der Arbeit 2020 zusammen – digital, in den sozialen Netzwerken, mit einer Live-Sendung am 1. Mai. Wir sind da. Wir sind viele“, so Hoffmann.

In Wedel gibt’s historische Plakate zu sehen

Bereits ab 10 Uhr gibt es für die Region einen etwa halbstündigen Podcast, also eine Art Hör-Kundgebung, der unter www.sh-nordwest.dgb.de abgerufen werden kann.

Zurück zu Wolfgang Kahle nach Wedel. „Viele der heutigen Forderungen gab es in den letzten 130 Jahren auf die eine oder andere Weise immer wieder, sei es der Kampf um Arbeitszeitverkürzung, sei es der Arbeitsschutz, sei es die Diskussion um den Wert der arbeitenden Menschen“, sagt der DGB-Ortsvorsitzende. Er besitzt eine Sammlung alter Plakate, die er am Freitag vor dem Rathaus ausstellen wird. Auf einigen wird um guten Lohn für gute Arbeit geworben, eines kündigt die 100-Jahr-Feier des DGB-Kreisverbands am 1. Mai 1990 an, die der damalige Bürgermeister Jörg Balack eröffnete.

Kahle und seine Vorstandsmitglieder Hans-Günter Werner und Wolfram Jasker werden von 10 bis 11 Uhr für Nachfragen vor Ort sein. Zu jeder vollen Stunde kommen andere DGB-Mitglieder. Kahle: Auf Abstand kann man miteinander reden, die Plakate besichtigen und Infos von einer Leine mitnehmen.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg