Pinneberg

Das Erwachen des Einzelhandels in der Innenstadt

| Lesedauer: 6 Minuten
Katja Engler
Beate Thormählen, Inhaberin vom Feinkostgeschäft Gustino in Pinneberg, bei ihren Ölfässchen. Sie hat sich erst 2016 selbstständig gemacht, weil sie damit ihren Traum von der Unabhängigkeit verwirklichen wollte. 

Beate Thormählen, Inhaberin vom Feinkostgeschäft Gustino in Pinneberg, bei ihren Ölfässchen. Sie hat sich erst 2016 selbstständig gemacht, weil sie damit ihren Traum von der Unabhängigkeit verwirklichen wollte. 

Foto: Katja Engler

Ein Bummel durch Pinneberg zeigt, wie beherzt Einzelhändler mit der Coronakrise umgehen – auch wenn sie nicht wissen, ob sie sie überstehen.

Pinneberg.  Das hätte sich Christine Gerckens nicht träumen lassen: Sonst waren hochwertige Wolle, Perlen und Garn für Spülschwämme ihre Bestseller, doch jetzt scheinen ihre Kunden hauptsächlich eines zu brauchen: Gummiband. „Wenn man das geahnt hätte, hätte man sich vor der Coronakrise einen Vorrat davon angelegt“, sagt die Inhaberin von Dine’s Basteltreff. Gummiband ist notwendig, um Virenschutzmasken hinter den Ohren zu fixieren. Leider ist das schmale bei ihr ausverkauft, und auch sonst steht nicht alles zum Besten. Christine Gerckens, die erst vor rund zwei Jahren aus der Bahnhofstraße in die Pinneberger Dingstätte 34 umgezogen ist und damit viel mehr Laufkundschaft gewonnen hat, macht sich jetzt Sorgen um die Zukunft, wie die meisten Einzelhändler der Stadt, die am Montag erstmals wieder geöffnet hatten.

Die Einnahmen sind komplett weggebrochen, staatliche Hilfe hat Pinnebergs Bastel-Fachhändlerin sofort beantragt, aber „noch nichts gehört“. Das hat sie mit vielen gemeinsam. „Wenn die Unterstützung nicht kommt, sehe ich schwarz“, sagt Gerckens. Das Gehalt konnte sie ihrer Angestellten nicht auszahlen, „weil das Geld nicht da war.“ Sie hofft, dass es bald kommt.

Mehr Glück hatte Beate Thormählen, die sich erst 2016 mit dem schicken Feinkosthandel und Wein-Ausschank Gustino selbstständig gemacht hat. Immerhin hat sie staatliche Unterstützung erhalten, denn ihr Vermieter war ihr keinen Zentimeter entgegengekommen: „2500 Euro Miete monatlich – das muss man erst mal drin haben.“ An Stammkunden hat sie, ebenso wie Dine’s Basteltreff und viele andere, vereinzelt ausgeliefert, Wein, Öl oder Präsentkörbe, „das war toll, aber nicht viel, das kompensiert nicht die Kosten, und meine 450-Euro-Kräfte kann ich nicht geltend machen.“ Dabei hat sie gute Ideen umgesetzt, zum Beispiel Konfekt ins Programm genommen, als Arko die Stadt verlassen hat.

Aber ihr Ausschank draußen an den Stehtischen, wo sich nach Dienstschluss immer die Leute zum Weintrinken und Klönen getroffen haben, fällt jetzt weg, „und den brauche ich, um zu überleben.“ Froh ist sie trotzdem, dass sie wieder öffnen darf. Am Montag hat das Geschäft erst mal gebrummt.

Im hinteren Teil der Dingstätte hat gerade Oliver Grunwald bei „Papier & Stift“ aufgeschlossen. „Mich trifft die Coronakrise nicht so“, sagt er, „ich lebe von Firmenkunden. Für mich wird’s teurer, wenn ich den Laden wieder hochfahre, weil ich dann wieder die volle Kostenstruktur habe.“ Fünf Angestellte sind bei ihm in Kurzarbeit gegangen, „und ich überlege mir jetzt, ob ich damit überhaupt weitermache. Dieses Jahre habe ich viel Geld verloren“, sagt Grunwald.

Dagegen hat das Modegeschäft Scheel eine 1-A-Lage direkt vor der Drostei. Die konnte Inhaber Hansheino Scheel aber nicht davor bewahren, dass er jetzt seinen Laden aufgibt. Aus Altersgründen, sagt er, weil der Mietvertrag auslaufe und „weil die Zeiten im Textilhandel nicht einfacher werden“. 16 Jahre war er in Pinneberg, seinen Laden in Hamburg-Niendorf will er aber behalten. Auch er hat Unterstützung beantragt, aber noch nichts gehört, „man bekommt dort keine Auskunft“, sagt Scheel. Dadurch, dass beide Geschäfte geschlossen waren, hat er knapp 60.000 Euro Umsatz verloren. Momentan hat er die Ware um 20 bis 50 Prozent reduziert, eventuell legt er da sogar noch nach.

Katrin Kunstmann ist Geschäftsführerin eines der ältesten Pinneberger Geschäfte, das seit 1862 in fünfter Generation geführt wird – mit der Immobilie als Eigentum. Kurzerhand haben die Kunstmanns die Abteilung Herrenmode und die erste Etage gesperrt, um die erlaubten 800 Quadratmeter Verkaufsfläche nicht zu überschreiten. Viele Stammkundinnen sind heute hier, „sie möchten fürs gute Gefühl etwas Neues haben, viele Kunden sagen zu uns, dass das Bummeln für sie ein Stück Lebensqualität ist“, sagt Katrin Kunstmann.

Damit geschäftlich keine Schieflage durch die Einnahmeverluste entsteht, hat sie die Planungen angepasst, Lieferanten verständigt, was von welcher Ware noch gewünscht wird. Kurzarbeit wurde beantragt, aber noch nicht bewilligt -- es dauert, wie überall.

Nach der Mode richtet sich auch das Traditionsgeschäft Leder Homann. Die trendigen gelben und khakifarbenen Handtaschen sind heute 20 Prozent günstiger, aber im Reisebereich „fällt im Moment alles flach“, sagen Rosemarie und Jürgen Wulf. Sie sind froh, dass sie öffnen können, denn „es war hier ja wie ausgestorben!“ Was für ein Glück, dass sie für die sechs ausgefallenen Wochen weniger Miete zahlen müssen.

Wer dagegen bis jetzt noch ohne Ergebnis rotiert hat, ist das Center-Management der Pinneberger Rathaus-Passage. Eine neue Landesverordnung, die fordert, ein Hygienekonzept und einen Kapazitätenplan vorzulegen, trudelte bei der Centermanagerin Nicole Bastein erst am Sonnabendnachmittag ein. „Da war es natürlich schwer für uns, noch zu reagieren“, sagt sie. „Aber wir hatten uns sowieso schon vorbereitet.“

Das ist zu sehen: An den Eingängen stehen Sicherheitsmänner und weisen Kunden an, die gekennzeichnete Laufrichtung einzuhalten, überall hängen Infotafeln, es steht Desinfektionsmittel bereit, Sitzbänke wurden entfernt, Grüppchen vom Sicherheitspersonal aufgelöst. Trotzdem sind die Geschäfte zu, im Gegensatz zum Stadtzentrum Schenefeld, wo die meisten Läden inzwischen wieder geöffnet sind. Laut Kreissprecher Oliver Carstens entscheidet die Gesundheitsbehörde kurzfristig. Carstens: „Die Freigabe erfolgt so schnell wie möglich.“

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