Halstenbek/Berlin

Halstenbeker Andre M. steht in Berlin vor Gericht

| Lesedauer: 4 Minuten
Arne Kolarczyk
Ein vertrautes Bild: Justizbeamte führen Andre M. aus dem Gefangenentransporter zu einer Verhandlung ins Gericht. Dieses Bild stammt aus einer Verhandlung gegen den damaligen Rellinger vor dem Landgericht Itzehoe aus dem Jahr 2008.

Ein vertrautes Bild: Justizbeamte führen Andre M. aus dem Gefangenentransporter zu einer Verhandlung ins Gericht. Dieses Bild stammt aus einer Verhandlung gegen den damaligen Rellinger vor dem Landgericht Itzehoe aus dem Jahr 2008.

Foto: Kolarczyk

Dem als Apfelfestbomber und Feuerteufel von Rellingen bekannt gewordenen Mann wird eine bundesweite Serie von rechten Drohmails vorgeworfen.

Halstenbek/Berlin. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen beginnt am heutigen Dienstag um 13 Uhr im Saal 700 des Landgerichts Berlin der Prozess gegen Andre M. aus Halstenbek, der als Apfelfestbomber und Feuerteufel von Rellingen traurige Berühmtheit erlangte. Er soll für eine bundesweite Serie von rechten E-Mails verantwortlich sein, in denen er mit Sprengstoffanschlägen und Tötungsdelikten gedroht haben soll.

Andre M. werden 107 Taten vorgeworfen, die sich zwischen Dezember 2018 und seiner Verhaftung im April 2019 abgespielt haben sollen. Adressiert waren die Drohschreiben an Gerichte, Behörden, die Polizei, Einkaufszentren, Medien und Bundestagsabgeordnete – unterzeichnet waren sie überwiegend mit „NationalSozialistischeOffensive“.

Die Anklage gegen den 32-Jährigen lautet unter anderem auf Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten, Nötigung sowie versuchte räuberische Erpressung und Bedrohung. Demnach wollte er das von ihm verhasste „kapitalistische System“ anprangern und sein Aufmerksamkeitsbedürfnis befriedigen. Einige Drohschreiben seien demnach mit konkreten, zum Teil irrationalen Forderungen verbunden gewesen Er habe mit seinen Taten beabsichtigt, öffentlichkeitswirksame Reaktionen hervorzurufen, um die Bevölkerung zu beunruhigen.

Dies sei ihm nur teilweise gelungen – etwa als im Januar 2019 Gerichtsgebäude in Hamburg, Wiesbaden, Kiel, Saarbrücken, Potsdam, Magdeburg und Erfurt wegen der Mails geräumt und mit Sprengstoffhunden durchsucht wurden. Viele seiner Drohungen – insbesondere nach den Evakuierungen – seien jedoch von den Adressaten nicht ernst genommen worden, sodass es in der überwiegenden Zahl der Fälle beim Versuch geblieben sei.

Zum Auftakt wird nur die Anklage verlesen

Zum Prozessauftakt vor der Strafkammer 10 wird nur die Anklage verlesen, was angesichts der 107 einzeln aufgelisteten Taten einige Zeit in Anspruch nehmen dürfte. Auch die Beweisaufnahme in dem Verfahren wird sich lange hinziehen. Die Kammer hat 24 ganztägige Fortsetzungstermine anberaumt, teilweise sechs pro Monat. Demnach wäre mit einem Urteil frühestens am 3. September zu rechnen. Viel hängt jedoch auch davon ab, wie sich der Angeklagte in dem Verfahren verhält. Ein umfassendes Geständnis von Andre M. könnte den Prozess verkürzen.

Schon so manches Mal hat der 32-Jährige in früheren Verfahren Verantwortung für seine Taten übernommen – jedoch meist nur dann, wenn die Beweislage gegen ihn eindeutig war. Bereits 2006 und 2007 stand er vor dem Amtsgericht Pinneberg – unter anderem wegen Bedrohung, Körperverletzung und Androhung erheblicher Gewalttaten. Im September 2007 verhaftete ihn dann ein Sondereinsatzkommando. Er soll gemeinsam mit einem Freund einen Bombenanschlag auf das Rellinger Apfelfest geplant haben.

Der Vorwurf hielt der gerichtlichen Überprüfung jedoch nicht stand. Für die Sprengung eines Zigarettenautomaten und für mehr als 100 weitere Straftaten, darunter Sachbeschädigungen insbesondere an Autos sowie Brandstiftungen, wurde Andre M. von der Jugendkammer des Landgerichts Itzehoe 2008 zu dreieinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt. Weil ein Gutachter ihm eine „abartige Persönlichkeitsstruktur“ attestierte, kam der damals 20-Jährige in eine psychiatrische Einrichtung. Dort blieb er bis Dezember 2013.

Wenig später begann in Rellingen eine Serie von Brandanschlägen auf Fahrzeuge. Im September 2014 ertappten Zivilpolizisten Andre M. beim Anzünden von zwei Fahrzeugen. Letztlich konnte die Staatsanwaltschaft ihm nur ein Bruchteil der Taten nachweisen. Verurteilt wurde er am 10. Mai 2017 wegen drei versuchter Brandstiftungen an Fahrzeugen, sechs Sachbeschädigungen an Autos, einer falschen Verdächtigung sowie in einem Fall Vortäuschen einer Straftat zu zwei Jahren und elf Monaten Haft. Diese Zeit und eine früher verhängte Reststrafe saß er voll ab, ehe Andre M. im Herbst 2018 freikam und zu seinen Eltern nach Halstenbek zog.

Nach Freilassung soll er sofort Drohmails verschickt haben

Wenig später soll er die ersten Drohmails verschickt haben. Der 32-Jährige leidet laut einem Gutachter unter einer angeborenen Psychopathie und weise Züge einer Persönlichkeitsstörung auf, sei jedoch nicht therapierbar. Daher galt er zuletzt im Verfahren vor dem Landgericht Itzehoe als voll schuldfähig. Seine Schuldfähigkeit wird auch im Berliner Verfahren ein zentraler Punkt sein. Eine Einweisung in die Psychiatrie steht jedoch nicht zur Debatte, die federführend in den Ermittlungen tätige Generalstaatsanwaltschaft Berlin hat kein Sicherungsverfahren eingeleitet.

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